Bitcoin: Wie gemacht für Zentralbanken

Unter Libertären stösst man immer mal wieder auf die Hoffnung, wonach Bitcoin und andere Kryptowährungen staatliche Währungen in ferner Zukunft ersetzen werden. Und tatsächlich lässt das Krypto-Phänomen die Macht der Zentralbanken denn auch in einem neuen Licht erscheinen: Das staatliche Geldmonopol ist nicht länger absolut und wird in gewissen Region dieser Welt herausgefordert. Neben den zahlreichen alternativen Kryptowährungen hat es die durch den Bitcoin ins Rampenlicht katapultierte Blockchain-Technologie zudem möglich gemacht, eine digitale Version des US-Dollars ins Leben zu rufen, so wie das beispielsweise Tether getan hat. Trotz dieser bemerkenswerten Schritte, ist es wohl etwas gar gross geträumt, wenn Libertäre glauben, Bitcoin und andere Kryptowährungen würde das Zentralbankenwesen und damit das staatliche Währungssystem in absehbarer Zeit in die Knie zwingen.

Vielleicht ein wenig realistischer könnte eine Zukunftsentwicklung sein, welche sich aufgrund der Parallelität zwischen Gold und Bitcoin anbietet: Wie einst Gold im 19. Jahrhundert hätte Bitcoin seinem Wesen nach ebenfalls das Zeug zur globalen Reserve- und Abrechnungswährung für den internationalen Handel und könnte einmal sogar für Zentralbanken von Interesse sein. Das Alleinstellungsmerkmal Bitcoins gegenüber dem Edelmetall: Die Kryptowährung ist digital.

Da Bitcoin kein Gegenparteirisiko aufweist, von keinem Staat herausgegeben und überhaupt durch keine einzelne Instanz administriert und kontrolliert wird, kann die Kryptowährung gewissermassen als «neutrale» Währung angesehen werden. Gegenüber Gold hat Bitcoin zudem den grossen Vorteil, dass Bitcoin-Transaktionen und damit Zahlungen beliebig grosser Beträge über jegliche Grenzen hinweg in nur wenigen Minuten endgültig verrechnet werden können. Dass eine Art Einheitswährung für den globalen Handel ungemein förderlich ist, scheint die Zeit des klassischen Goldstandards eindrücklich gezeigt zu haben. Betriebswirtschaftlich gesehen dürfte eine einheitliche Abrechnungswährung den Welthandelt fast zwingend vereinfachen, bietet sie doch eine gemeinsame Rechnungs- und Kalkulationseinheit über Länder und Nationen hinweg. Ein Indiz dafür, dass Gold dies zu leisten vermochte: Erst ungefähr in den 1990er Jahren erreichten die internationalen Handelsströme erneut jene Dimensionen, welche sie noch vor dem Beginn der zerstörerischen Weltkriege innegehabt hatten.

Heute geschieht der Handel auf internationaler Ebene wieder bloss indirekt. So setzt ein Kauf einer ausländischen Ware, den Kauf der jeweiligen Währung voraus, womit wir eigentlich wieder bei einer Art Bartergeschäft angelangt sind. Oder aber der Handel passiert via der Leitwährung US-Dollar, was zu einer globalen Schieflage zugunsten der Vereinigten Staaten führt und deshalb nicht zu Unrecht bereits vor fünfzig Jahren vom damaligen französischen Finanzminister Valéry Giscard d’Estaing als «Exorbitant Privilege» bemängelt worden ist. Mit Bitcoin als Abrechnungswährung liesse sich dieses brechen.

Geopolitik und Bitcoin mittendrin

Wie realistisch aber ist ein solches Szenario? Angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Entwicklung immer realistischer. Mit der voranschreitenden De-Dollarisierung zeichnet sich der Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Weltordnung immer deutlicher ab. Zahlreiche Länder – allen voran China und Russland – haben bilaterale Abkommen geschlossen, wonach sie ihre Handelsgeschäfte nicht länger über den US-Dollar abwickeln wollen. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, dass das Reich der Mitte und das ehemalige Zarenland in den vergangenen Jahren begonnen haben, ihre Goldbestände massiv aufzustocken, um so ebenfalls auf eine De-Dollarisierung hinzuarbeiten. Die Chinesen haben natürlich ein Interesse daran, ihre eigene Währung, den Yuan, als neue globale Leitwährung zu etablieren. Insofern sind sie nicht nur gegen den Dollar, sondern auch gegen Bitcoin. Das würde auch deren ambivalentes Verhältnis zur Kryptowährung erklären. Die chinesische Regierung hat bereits mehrere Male versucht, über Verbote und harte Regulierung gegen Bitcoin und andere Krypto-Assets vorzugehen – nur um dann wieder einen Schritt auf die Krypto-Welt zuzumachen.

Für gewisse Kreise scheint der Bitcoin im Zuge dieser Ereignisse allerdings bereits eine geopolitische Komponente eingenommen zu haben: Warum sonst hat die überaus vorsichtige und zögerliche US-Regulierungsbehörde urplötzlich die Bitcoin-Futures im Dezember bewilligt und das nur knapp eine Woche nach der Ankündigung Russlands, Chinas, Indiens und Brasiliens, eine neue Goldhandelsplattform ins Leben zu rufen? Haben die Vereinigten Staaten von Amerika hier womöglich ein abgekartetes Spiel durchschaut und sich deshalb entschieden, dem Bitcoin in den USA mehr Raum zu bieten? So jedenfalls eine etwas kühne Interpretation der Dinge.

Interessant und zu Spekulation einladend ist auch das Gebaren von Japan. So gibt sich das Land der aufgehenden Sonne gegenüber Bitcoin und Krypto seit jeher ziemlich aufgeschlossen. Im März 2017 hat das Land den sogenannten Virtual Currency Act eingeführt. Obwohl dieser Bitcoin nicht eindeutig zu einem gesetzlichen Zahlungsmittel erklärt, kategorisiert die Verordnung Kryptowährungen als eine Zahlungsart. Es kommt daher auch nicht von ungefähr: Japan macht rund 40 Prozent des globalen Bitcoin-Handelsvolumens aus – so viel wie kein anderer Ort dieser Welt.

Japan: ein Abbild der Zukunft?

Die Offenheit Japans Bitcoin und Kryptowährungen gegenüber könnte einen tieferliegenden Grund haben – insbesondere, wenn man bedenkt, dass die japanische Mentalität grundsätzlich für Zurückhaltung und Besonnenheit plädiert und Japaner nicht dafür bekannt sind, bei Entscheidungen aus der Hüfte zu schiessen. Woher also rührt Japans Offenheit und Risikobereitschaft in Bezug auf den gemeinhin als sehr risikoreich angesehenen Bitcoin?

Schon seit Jahren kämpft die dritt grösste Volkswirtschaft der Welt mit der Deflation. Die Staatsverschuldung ist mit 235 Prozent an der volkswirtschaftlichen Leistung heute exorbitant hoch – vor allem deshalb, weil sich Japan so mehr schlecht als recht aus der Deflationsfalle herauszuwinden versucht. Dort, wo die Bemühungen zu gelingen scheinen, ist der «Aufschwung» letztlich auf die japanische Zentralbank zurückzuführen: Diese ist inzwischen nicht nur im Besitz von ungefähr 42 Prozent aller japanischen Staatsanleihen, sondern ist mittlerweile auch stolzer Inhaber von 77 Prozent aller japanischen ETF, was die Bank of Japan zu einem Top-10-Aktionär bei 40 Prozent aller japanischen Unternehmen macht. Dass diese Entwicklung nicht nachhaltig sein kann und irgendwann an ein Ende kommen muss, wissen wohl auch Japans Funktionäre. Nicht auszuschliessen also, dass hinter der japanischen Aufgeschlossenheit dem Bitcoin gegenüber ein gewisses Kalkül steckt. Vielleicht erahnen sie das Ableben ihrer Finanzstrukturen und versuchen deshalb bereits mögliche neue Wege einzuleiten.

Natürlich kann über die geopolitischen Absichten von Staaten nur spekuliert werden. Doch hat sich der Bitcoin einmal für eine längere Zeitperiode als historisch sicher und verlässlich erwiesen, könnte er auch für Zentralbanken lukrativ werden. Denn noch heute halten Notenbanken auf der ganzen Welt einen Teil ihrer Aktiven in physischem Gold, das ihnen als Sicherheitspuffer dient. Bitcoin könnte aufgrund seiner Non-Zentralität und Nicht-Kontrollierbarkeit diesbezüglich eine willkommene Ergänzung sein.

Insbesondere für kleine Zentralbanken könnten Kryptowährungen wie Bitcoin sinnvoll sein, um ihr Portfolio auf diese Weise weniger von grossen Währungen wie dem Dollar oder Euro abhängig zu machen. Für die Zentralbank von Barbados, einem Inselstaat in der Karibik, sind zwei Ökonomen dieser Thematik in einem Arbeitspapier bereits nachgegangen. In den sich zuspitzenden Zeiten währungssystemischer Unsicherheiten dürften allerdings auch andere Zentralbanken gut beraten sein, sich gegen etwaige Kontroll- und Vertrauensverluste absichern zu wollen. Eine Möglichkeit des Absicherns: das Setzen auf unabhängiges Asset ohne Gegenparteienrisiko wie Gold – oder in Zukunft vielleicht auch Bitcoin.

Bitcoin also neues unabhängiges Reserve-Asset könnte dereinst von Zentralbanken auch dafür verwendet werden, die von ihr ausgegebene E-Währung bilanztechnisch zu decken. So hört man: Einige Zentralbanken seien dabei, neue Wege mit einer eigenen Digitalwährung auszuloten. Gerüchten zufolge würde beispielsweise die schwedische Riksbank nach Möglichkeiten suchen, eine E-Krona ins Leben zu rufen.

Warum dieser Schritt, wo doch die überwiegende Mehrheit aller sich im Umlauf befindlichen Dollar, Euros oder Kronen ohnehin schon elektronisches Buchgeld sind? Der Grund liegt in der Geldschöpfung: Diese passiert heute gemeinhin über die Geschäftsbanken – die Zentralbanken haben bloss indirekten Einfluss. So sind ungefähr 90 Prozent aller existierenden «Schweizer Franken» digitale Buchungseinträge bei einer Bank, sogenanntes Buchgeld, dass ausschliesslich elektronisch existiert. Interessanterweise ist dieses Buchgeld heute nicht gesetzliches Zahlungsmittel, sondern «bloss» eine allgemein akzeptierte Forderung auf dasselbe. Wenn ein Bürger heute also eine elektronische Zahlung macht, bezahlt er mit einem impliziten Schuldtitel, den eine Geschäftsbank herausgegeben hat. Mittels einer eigenen Digitalwährung dürfte eine Notenbank die Kontrolle über den Geldschöpfungsprozess samt Inumlaufsetzung vollumfänglich an sich ziehen.

Im Zuge der Blockchain-Euphorie scheinen solche Ansätze an Popularität gewonnen zu haben. Auch in der Schweiz wurde jüngst der E-Franken gefordert. Selbstverständlich «auf Basis der in Zug mitentwickelten Blockchain- und Kryptografie-Technologie, um jedefrau und jedermann den bisher nicht möglichen direkten Zugang zum elektronischen Notenbankgeld zu ermöglichen». Der prominenteste Kopf hinter diesem Ansinnen: Hypothekarbank-CEO Marianne Wildi. Sie fordert: «Die Schweiz ist Vorreiterin in der Blockchain-Technologie. Sie sollte einen Krypto-Franken einführen und hier vorangehen».

Digitaler Franken – aber wie?

Wie eine Einführung eines E-Frankens und SNB-Girokonten im Detail genau aussehen würde und welche Auswirkungen ein solcher Schritt auf die Geschäftsbankenwelt hätte, darüber lässt sich zum heutigen Zeitpunkt nur spekulieren. Es gibt grob gesagt zwei verschiedene Arten, wie ein System mit einer durch die Nationalbank herausgegebenen Digitalwährung konzipiert sein könnte.

Denkbar wäre: Die Nationalbank bietet direkt oder aber indirekt über die Geschäftsbanken ein SNB-Girokonto an. Die Vermögenswerte wären in Form von Daten auf einer zentralen Datenbank gespeichert, sprich der E-Franken wäre letztlich ein Eintrag in einem zentral organisierten Buchungsregister bei der Zentralbank. Transaktionen würden so durch Eingabe einer Zahlungsanweisung auf einer Web- oder Smartphone-Applikation ausgeführt. Eine jeder Zahlungsauftrag müsste durch das zentrale System verifiziert werden.

Aus Sicht der Privatperson bedeutete dies: Wer über ein SNB-Girokonto verfügt, ist nur scheinbar im Besitz der eigenen E-Franken – genauso wenig wie man auch heute nicht Eigentum am bei einer Geschäftsbank hinterlegten Buchgeld hat. Da die E-Franken «bloss» als Buchungseinträge in einer zentralisierten Datenbank lagern, können Transaktionen sogar zensuriert werden. So wäre hypothetisch möglich: Unangebrachte Transaktionen an unerwünschte Gruppierungen beispielsweise könnten boykottiert werden. Auch wenn solches unwahrscheinlich erscheint, ganz ausgeschlossen werden kann es nie. Auch dürfte die Einführung nominaler Negativzinsen durch eine Zentralbank einfacher sein, insbesondere dann, wenn mit der Implementierung des E-Frankens das Bargeld abgeschafft würde.

Anders sähe es aus, wenn der E-Franken als digitaler Token mithilfe der Blockchain- oder – etwas allgemeiner formuliert – der «Decentralized-Ledger-Technologie» (DLT) ins Leben gerufen würde. Auf diese Weise wäre der E-Franken, was in der Fachsprache ein «Digital Bearer Instrument» genannt wird. Im Gegensatz zu Nachrichten, Musikstücken oder Fotos, deren digitale Versionen beliebig vermehrt werden können, definiert sich ein «Digital Bearer Instrument» darüber, digitales Eigentum an einer Sache zu sein, welches gleichzeitig niemand anderes Eigentum sein kann. Der E-Franken existierte so als digitales Besitzstück, über das man via privaten Zugangsschlüssel eigenständig verfügen könnte. Damit wäre er nicht nur ein Buchungseintrag bei einer Drittpartei. Privatpersonen könnten ihre E-Franken in einer privaten Wallet – einer digitalen Geldbörse – aufbewahren.

Blockchain und Zentralbanken – eine sinnvolle Kombination?

Das bekannteste und erste «Digital Bearer Instrument» war Bitcoin. Wäre ein E-Franken basierend auf der Blockchain-Technologie somit das gleiche wie Bitcoin – nur besser, weil er eben von der Zentralbank herausgegeben wird?

Aus Sicht der Zentralbank liesse sich mit dem Einsatz einer DLT die Ausfallsicherheit erhöhen, da durch die Dezentralisierung des Netzwerkes ein «Single-Point-of-Failure» vermieden werden kann. In gewisser Weise würde diese zweite Variante dem heutigen Bargeldsystem ähneln. Genau wie mit Cash wäre eine direkte und endgültige Abrechnung, letztlich also sogenannte erlaubnisfreie Transaktionen möglich. Zahler und Zahlungsempfänger wären somit nicht von einem Dritten abhängig. Ob die Anonymität in gleichem Ausmass gegeben wäre, scheint zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht klar. Die Daten könnten kryptografisch verschlüsselt werden und über sogenannte «Zero-Knowledge-Proofs» dürfte gleichwohl sichergestellt werden, dass ein Konsens über die Gültigkeit der Transaktionen innerhalb des E-Franken-Netzwerkes erreicht werden kann. Die zusätzliche Verschlüsselung erhöhte jedoch die Komplexität und liesse daher Fragen zur Geschwindigkeit und Skalierbarkeit solcher Systems aufkommen. Gegen diese zweite Variante dürften auch Stimmen laut werden, welche die in der heutigen Anonymität von Bargeldzahlungen gerade einen Anachronismus sehen, den es kaum weiterzuführen gälte.

In dieser Diskussion gilt es allerdings, die einzelnen Begriffe der Klarheit wegen auseinanderzuhalten: Zwischen einer Digital- und einer Kryptowährung gibt es einen entscheidenden Unterschied: Kryptowährungen wie Bitcoin entziehen sich jeglicher Kontrolle durch eine Zentralinstanz, während eine Digitalwährung, wie ein durch die Schweizer Nationalbank herausgegebener E-Franken, eben durch die Zentraleinheit beliebig gesteuert, einfacher besteuert und notfalls manipuliert werden kann. Alle Netzwerkteilnehmer des Blockchain-Netzwerkes dürften der Nationalbank bekannt und durch sie eingesetzt sein, um auf diese Weise die letztgültige Kontrolle über das System beizubehalten. Noch immer hätte die SNB die Möglichkeit, das Angebot eines solchen digitalen Frankens bei Bedarf zu inflationieren. Daran würde auch ein E-Franken nichts ändern.

Bitcoin: Geld, Gold oder Garnichts?

Bitcoin wird von einigen als digitale Alternative zu Gold angesehen wird, da die Kryptowährung dem gelben Edelmetall nachempfunden sein soll. Nicht selten wird Bitcoin daher als das digitale Gold bezeichnet.

Ähnlich wie Gold müssen auch Bitcoin geschürft werden, nur eben digital. Die Herstellung neuer Bitcoin erfordert die Aufwendung externer Energie (Strom) und verursacht deshalb Kosten. Je mehr Bitcoin man schöpfen möchte, desto stärker steigen deren Grenzkosten in der Produktion. Dem Bitcoin liegt also eine digitale Knappheit zugrunde. Im Unterschied zu Gold ist Bitcoin allerdings auf eine absolute Gesamtmenge begrenzt, die durch den Bitcoin-Programmiercode festgelegt ist: So wird es nie mehr als 21 Millionen Bitcoin geben, die allesamt im Jahr 2140 geschürft sein sollten. Bitcoin ist so programmiert, dass ungefähr alle zehn Minuten eine gewisse Anzahl neue Bitcoin geschaffen wird. Seit der Entstehung 2008 nimmt diese Menge neugeschaffener Bitcoin alle vier Jahr um die Hälfte ab. Heute sind wir bei 12,5 Bitcoin – 2020 werden es noch 6,25 sein, 2024 noch 3,125 und so weiter.

Ist Bitcoin Geld?

Neben Gold wird Bitcoin auch als Geld beschrieben. Doch ist es das überhaupt? Und ist Gold etwa Geld? Die Verwirrung scheint heute schon perfekt zu sein und Bitcoin verkompliziert die Geldtheorie nur noch mehr.

In den Worten des wohl scharfsinnigsten Geldtheoretikers des 20. Jahrhundert, Ludwig von Mises, ist Bitcoin am ehesten als Zeichengeld zu beschreiben, das ein Sachgeld technisch imitiert. Die bedeutendsten Sachgelder sind Gold und Silber. Da ein Sachgeld in seinem natürlichen Vorhandensein knapp ist, steigen dessen Grenzkosten in der Produktion schneller, als dies bei anderen Gütern der Fall ist. Im Vergleich zu gewöhnlichen Gütern, ist die Skalierung eines Sachgeldes somit deutlich schwerer.

Ob Bitcoin als Geld angesehen werden kann, hängt letztlich von den Definitionen ab. Der heute gesellschaftlich dominierende Tenor des Positivismus wertet Bitcoin nicht als Geld. Dem positivistischen Ansatz zufolge ist nur Geld, was durch staatliche Institutionen gesetzlich als Geld anerkannt und eingesetzt ist – die staatlichen Währungen also.

Nimmt man eine andere Perspektive ein, wonach Macht nicht vor Recht gehen muss und Geld nicht zwingend nur deshalb Geld ist, weil es durch ein gesetzliches Mandat alias Zwang verordnet ist, kann man sich dieser Frage wiederum auch mit der Brille des Ökonomen von Mises nähern. Dieser nennt Geld das allgemein akzeptierte Tauschmittel. Auch dieser Definition folgend müsste man zum Schluss kommen, dass Bitcoin wahrscheinlich kein Geld ist. Denn allgemein akzeptiert sind heute ebenfalls die staatlichen Währungen – wesentlicher Grund dafür ist wiederum deren gesetzliche Privilegierung.

In der Diskussion mit eingefleischten Bitcoin-Jüngern ergibt sich allerdings ein anderes Bild. Schon seit einigen Jahren findet die Kryptowährung in der Community als Tauschmittel Verwendung. Darüber hinaus wird sie sogar als Lohnbestandteil akzeptiert. Auch als Wertaufbewahrungsmittel setzen nicht wenige auf den Bitcoin. In den Augen der Bitcoin-Enthusiasten bestehen keine Zweifel: Bitcoin ist Geld.

Wie also ist dieses vermeintliche Dilemma aufzulösen? Eine Antwort findet sich bei Friedrich August von Hayek, einem österreichischen Ökonomen, der sich selber auch als Philosoph, Anthropologe und Historiker gesehen hat. In seinem Werk «Die Entnationalisierung des Geldes» weist er auf folgenden weit verbreiteten Irrtum hin: Geld werde gemeinhin als Nomen verwendet, obschon man den Begriff eigentlich als Adjektiv verstehen müsse, so Hayek.

Nach Hayek gibt es also vielmehr eine «Geldigkeit» von Dingen, da Geld letztlich eine Eigenschaft ist, welche die verschiedensten Güter aufweisen können. Geld ist keine in Stein gemeisselte Grösse, die auf Erlass ein für alle Mal festgelegt werden sollte. Denn Menschen befinden sich stets in den verschiedenartigsten Kontexten und sehen sich daher mit den unterschiedlichsten Problemstellungen konfrontiert, weshalb sie unterschiedliche Antworten als Lösungen betrachten und unterschiedliche Angebot daher auch unterschiedliche Funktionalitäten haben.

In Anlehnung an die Theorie der subjektivistischen Wertlehre liegt die Frage «was Geld denn ist» durchaus im Auge des jeweiligen Betrachters. Das bedeutet jedoch nicht, dass gutes Geld völlig beliebig ist. So scheint es in der realen Welt durchaus gewisse Eigenschaften zu geben, die zur Folge haben, dass wenn ein Mittel über diese verfügt, es zur Erreichung eines bestimmten Ziels besser geeignet ist als ein Mittel ohne diese Eigenschaften.

Was Geld zu Geld macht

In Sachen Geld besteht das Hauptziel wohl darin, einen Wert bzw. Nutzen oder auch Kaufkraft zu behaupten – und das über eine möglichst lange Zeitperiode. Das Abstraktum «Geld» wird daher als Geld bezeichnet, weil dessen Grenznutzen im Vergleich zu allen anderen Nicht-Geldgütern am wenigsten stark abnimmt, da es sich bei Geld per Definition um das marktgängigste Gut handelt. Folgendes Beispiel verdeutlicht dies: Einen Korb voller Brot nehme ich gerne entgehen, einen zweiten und dritten wohl auch noch. Ein vierter, fünfter und sechster Brotkorb scheint mir schon weniger wert zu sein, da ich dafür jede weitere Einheit an Brot weniger Verwendung sehe. Das ganze Brot wird ungeniessbar, ehe ich es konsumieren kann. Das Brot im Tausch gegen andere Güter zu veräussern, ist ebenfalls mit Kosten verbunden.

Ein Koffer voller IPhone X ist mir da schon lieber, ist das Smartphone doch weniger schnell vergänglich als das Brot. Aufgrund der höheren Absatzfähigkeit (Marktgängigkeit) würde ich wohl einige IPhone X entgegennehmen. Doch letztlich sind auch diese in ihrer Absatzfähigkeit begrenzt, weshalb der Grenznutzen eines jeden zusätzlichen IPhones fallen muss.

Interessanterweise scheint der Grenznutzen für zusätzliche Geldeinheiten kaum zu fallen. Mehr Geld scheint immer gut zu sein, gerade weil es über die höchste Absatzfähigkeit verfügt und diese dauerhaft ist. Aufgrund des weniger stark abnehmenden Grenznutzens werden Geldgüter deshalb gehortet. Das führt zu relativ grossen Lagerbeständen. Das Verhältnis zwischen Lagerbestand und Produktion nennt man in der Ökonomik das Stock-to-Flow-Verhältnis. Der Stock beschreibt die Lagerbestände, während der Flow das in einem Jahr neugeschaffene Angebot des jeweiligen Gutes umschreibt. Edelmetalle haben bis heute das allerhöchste Verhältnis. Dies dokumentieren Jahrtausende des Hortens.

Während Gold ein Stock-to-Flow-Verhältnis von ca. 64 Jahren besitzt, liegt dasjenige von Bitcoin derzeit bei ungefähr 25 Jahren. Das heisst: Mit Rücksicht auf die aktuelle Jahresgoldproduktion bräuchte es 64 Jahren, um die Gesamtheit aller Geldvorräte zu produzieren. Bei Bitcoin wären momentan 25 Jahre vonnöten. Das Stock-to-Flow-Verhältnis von Bitcoin wird sich allerdings in Zukunft erhöhen, da sich die Anzahl neugeschaffener Bitcoins pro Zehn-Minuten-Intervall alle vier Jahre halbiert. Im Jahr 2024 wir das Stock-to-Flow-Verhältnis von Bitcoin ungefähr bei 119 Jahren liegen. Das Stock-to-Flow-Verhältnis von Bitcoin wird dann ceteris paribus um etwa das Doppelte höher sein, als dasjenige von Gold. Für einige macht dies Bitcoin zum ultimativen Wertaufbewahrungsmittel, das preistechnisch künftig sogar Gold überlegen sein soll.

Niemandes Verpflichtung

Die wesentlichste Gemeinsamkeit zwischen Gold und Bitcoin liegt jedoch darin, dass sie innerhalb der symbolischen Vertrauenspyramide der Finanzwelt auf ziemlich gleicher Stufe anzusiedeln sind. Folgende schematische Illustration stammt vom amerikanischen Ökonomen und ehemaligen Vizepräsidenten des New Yorker Fed John Exeter und ist durch Bitcoin ergänzt:

Der ungarische Ökonom Antal Fekete sieht Gold als bedeutendstes Instrument für den Lackmustest des Vertrauens bei Finanzgeschäften. Für ihn bedarf es keines Vertrauensaktes, wenn Gold bei Transaktionen verwendet wird sowie auch keines gesetzlichen Zwanges. Für Bitcoin gilt ähnliches (Ohne Vertrauen kommt auch Bitcoin nicht aus, siehe hier). Der springende Punkt ist: Wie physisches Gold kann auch Bitcoin nicht durch eine Zentralbank inflationiert werden. Weder Gold noch Bitcoin sind jemand anderes Verpflichtung, weshalb sie kein unmittelbares Gegenparteirisiko aufweisen. Wer seine Bitcoin auf einem Hard-Wallet oder seine physischen Goldmünzen zuhause hat, kann auf diese immer Zugreifen und ist nicht auf eine Drittpartei angewiesen. Darüber hinaus sind staatliche Währungen letztlich eine Verpflichtung der Zentralbank. Diese Verpflichtung befindet sich auf der Passiv-Seite der Zentralbankenbilanz. Ihr sind Vermögenswerten auf der Aktiv-Seite gegenübergestellt. Der Schwarze Schwan an der Sache: Verlieren die Vermögenswerte an Wert, hat dies Auswirkungen auf die Verpflichtung bzw. das Vertrauen in die staatliche Währung (genauere Ausführungen zu dieser Thematik, siehe hier).

Eine Kampfansage an Gold?

Aufgrund der Ähnlichkeiten sehen einige Gemüter die Stellung von Gold durch Bitcoin bedroht. So wird spekuliert, dass Gold einen Grossteil seiner Marktkapitalisierung künftig an die Kryptowährung verlieren könnte. Noch liegen die beiden weit auseinander: Während die Marktkapitalisierung von Bitcoin bei etwas über 100 Milliarden Dollar liegt, macht diejenige von Gold über sieben Billionen Dollar aus.

Was spricht dafür, dass Bitcoin – vielleicht sogar auf Kosten des Edelmetalls – immer mehr Boden gegenüber Gold gutmachen könnte? Es ist der Umstand, wonach unser Leben zunehmend digitaler wird. Mit der Entstehung des Internets und der Etablierung von E-Mail hat sich die zwischenmenschliche Kommunikation grundlegend verändert. Heute ist E-Mail bereits out – wohin gegen die direkte Kommunikation in Echtzeit, wie diese von Instant-Messenger aller Art ermöglicht wird, nicht mehr wegzudenken ist. Mit Bitcoin steht eine neue digitale Revolution an: Die Art und Weise, wie Menschen Werteinheiten online teilen.

Für immer mehr Menschen wird das Digitale zur Selbstverständlichkeit (was nicht ohne Gefahren ist). Allen voran die Millennials nehmen hier eine entscheidende Rolle ein. Als «digital natives» ausgewachsen, pflegen und hegen sie von Grund auf einen digitalen Lebensstil. Auf jene Generationen, die nicht in der digitalen Welt aufgewachsen sind, mögen Bitcoin und Kryptowährungen surreal und kurios wirken. Nicht so auf das Gros der sogenannten Google-Kids. Genauso wie sich gewisse weibliche Millennials heute schon zum Valentinstag mehr über einen digitalen, per Smartphone empfangenen Blumenstrauss freuen können, könnte dieser Generation das digitale Gold in Form von Bitcoin realer erscheinen als das echte Gold.

Eine fruchtbare Symbiose?

Die Zukunft muss allerdings nicht zwingend einen bitteren Kampf um die Vormachtstellung zwischen Gold und Bitcoin bringen. Denn letztlich haben beide ihre Trade-Offs. Aufgrund seiner digitalen Natur lässt sich Bitcoin – anders als Gold – auch in grossen Mengen bequem um die ganze Welt verschicken. Auch erschwert die virtuelle Beschaffenheit wohl staatliche Konfiszierung. Andererseits setzt Bitcoin technisches Flair und Knowhow voraus und ist im Vergleich zu Gold anfälliger auf einen potenziellen Strom-Super-GAU. Insofern legt eine sorgfältige Analyse nahe: Gold und Bitcoin stehen nicht im Wettstreit zueinander, sondern ergänzen sich vielmehr. So lassen sie sich auch kombinieren, um das Beste aus beiden Welt zu bekommen. In eine ähnliche Richtung gehen auch sogenannte durch Gold gedeckte Kryptowährungen.

Um tatsächlich als solide Ergänzung zu Gold wahrgenommen zu werden, wird sich der Bitcoin über die nächsten Jahre bis Jahrzehnte noch beweisen müssen. Gold hat seine Werthaltigkeit über mehrere tausend Jahre bewiesen und ist deshalb zu einer Art unabhängige Reserve-Anlage aufgestiegen. Bitcoin seinerseits ist heute gerade mal etwas mehr als neun Jahre jung. Kritiker von Bitcoin weisen zu Recht darauf hin, dass die Kryptowährung bislang nur ein ungewöhnliches Marktumfeld kennt. So haben Zentralbanken in den vergangenen zehn Jahren – also während der Lebensdauer von Bitcoin – mit ihrer ultraexpansiven Geldpolitik für einen allgemeinen Aufschwung bei allerlei Vermögenswerten gesorgt. Gleichzeitig haben sie die Marktvolatilität in den Keller gedrückt und die Risikoeinpreisung auf den Finanzmärkten de facto eliminiert. Wie sich Bitcoin in einem anderen Marktumfeld verhalten würde, ist bis zum heutigen Zeitpunkt ungeklärt. Die kommenden Jahre werden es wahrscheinlich zeigen.

Bitcoin: when Mainstream?

Seit Jahresbeginn hat der Bitcoin weit über die Hälfte seines Kurses eingebüsst. Andere Krypto-Assets sind sogar noch mehr gefallen. Zwar hat sich der König der Krypto-Welt in den vergangenen Monaten ab und an ein wenig aufgebäumt – bislang allerdings erfolglos waren die jeweiligen Kurssteigerungen doch stets innert einigen Tagen wieder dahin. Ob der jüngste Preisanstieg vor ein paar Tagen das Erwachen oder doch nur ein kleines Husten ist, wird sich zeigen.

Noch immer ist der Krypto-Markt hauptsächlich von Privatanlegern bevölkert. Institutionelle Anleger, allen voran die Wall Street, sind abgesehen von ein paar wenigen Hedge-Fonds nicht investiert. Meldungen wie jene von BlackRock vor ein paar Tagen lassen zwar erahnen, dass das Interesse da ist, konkrete Schritt zur professionellen Anlage seitens der Institutionellen werden aber kaum getätigt.

Dieser Umstand wurde seit jeher von vielen Krypto-Enthusiasten als wunderbarer Glücksfall angepriesen, bedeutet dieser doch, dass der einfache, wenn auch digital versierte Mann von der Strasse für einmal vor den Banken, Vermögensverwaltern und Pensionskassen in einer Anlageklasse investiert ist.

Mittlerweile ist die Situation rund um die Krypto-Investments für viele Privatinvestoren allerdings immer mehr zum nervenauftreibenden Geduldspiel geworden. Wurde die Abwesenheit institutioneller Akteure anfangs noch glorifiziert, scheint deren anhaltendes Fernbleiben langsam zu beunruhigen. Immer mehr Involvierte sehnen daher den Eintritt der institutionellen Investoren herbei. Denn bereits seit Monaten hiesse es, dass institutionelle Anleger an der Seitenlinie stehen und den richtigen Zeitpunkt abwarten würden. Beispielsweise hat die von Nasdaq betriebene Krypto-Handelsbörse DX offenbar bereits über 500’000 Nutzer registriert und das noch vor der Markteinführung, die Ende Juni war. Auch der kürzlich erschienene Capgemini World Wealth Report widmete den Krypto-Assets ein ganzes Kapitel, in dem davon berichtet wird, dass Krypto und die Blockchain bei sehr vermögenden Kunden weltweit auf grosse Aufmerksamkeit stossen würde.

Wann öffnen die Schleusen?

Dass institutionelle Anleger Krypto-Assets noch nicht angefasst haben, scheint einige insbesondere vor dem Hintergrund des globalen Anlagenotstandes zu verwundern. Die Zentralbankeninterventionen der vergangenen Jahre haben die Preise vieler Anlagegüter immens aufgebläht und deren Renditen schmälern lassen. Mit Bitcoin und den Krypto-Assets ist just in dieser Zeit eine neue Anlageklasse geboren – warum aber wurde diese von der nach Rendite lechzenden Finanzwelt nicht als aussichtsreiche Investitionsmöglichkeit aufgenommen?

Bis 2017 wurde Bitcoin mehrheitlich ignoriert. Nur logisch, dass von institutioneller Seite niemand über ein Investment nachdachte. Heute jedoch ist Krypto der ganzen Welt ein Begriff und gleichwohl scheinen institutionelle Anleger noch immer ihre Finger davon zu lassen. Die Gründe sind wohl vor allem in der Unausgereiftheit des Marktes zu finden. So gibt es noch zu wenige sogenannte Onramp-Möglichkeiten. Die Mehrheit der Banken verfügt weder über ein Research- noch ein Trading-Desk für Krypto-Assets. Zudem sind auch die Verwahrungsoptionen, sogenannte Storage-Lösungen, kaum vorhanden. Niemand möchte Krypto-Assets im Wert von mehreren Millionen Dollar einfach auf einem gewöhnlichen Hard-Wallet lagern.

Jene Akteure, die sich bereits eine gewisse Krypto-Infrastruktur aufgebaut haben, sind noch zu unbekannt – es fehlt ihnen der Track-Record. Denn geht es um Finanzen und Investments, sind Leumund und Erfahrung zur Vertrauensbildung unerlässlich. Angesichts der Sicherheits- und Betrugsrisiken, von denen man im Zusammenhang mit Krypto immer mal wieder hört, ist die Zurückhaltung vonseiten institutioneller Investoren nachvollziehbar. Dass die rechtliche Situation in vielerlei Hinsicht noch nicht abschliessend geklärt ist, verschärft die Problematik zusätzlich.

Ebenfalls abschreckend auf institutionelle Investoren wirkt die nach wie vor hohe Volatilität des Krypto-Marktes. Preisschwankungen von bis zu zwanzig Prozent innerhalb von nur wenigen Stunden sind bei Bitcoin keine Seltenheit, während andere Krypto-Assets noch eine viel schlechter Bilanz haben. Als die US-Aktien im Februar dieses Jahres um lediglich fünf Prozent tauchten, versetzte das die Wall Street bereits in grosse Aufruhr. Derartige Preisfluktuationen können sich institutionelle Anleger schlichtweg nicht leisten.

Doch ist ihnen nicht nur die Volatilität ein Dorn im Auge, sondern auch die Unberechenbarkeit des Gesamtmarktes. Gerade weil der Krypto-Markt seinen eigenen Regeln zu folgen scheint, ist er gegenüber den traditionellen Märkten zwar unkorreliert, dafür aber auch weniger gut ein- und abzuschätzen. Für einen institutionellen Akteur etwas ungemütlich: Was, wenn ich als Pensionsgesellschaft liquide Mittel benötige und ich mich zu einem Verkauf meiner Krypto-Assets gezwungen sehe? An einem guten Tag kann ich das Krypto-Asset mit einem astronomisch hohen Gewinn verkaufen. An einem schlechten Tag hingegen verliere ich eine echte Stange Geld, das Tausenden von Rentnern gehört.

Gegen die Volatilität wird oft das Argument ins Feld geführt: Ist der Markt erst einmal erwachsen und verfügt über eine genügend hohe Markttiefe, werden sich auch die Preise stabilisieren. Ob das stimmt, wird die Zeit zeigen. Letztlich handelt es sich hier um die berühmte Huhn-Ei-Problematik: Soll der Krypto-Markt endgültig entbunden, erwachsen und somit zu einer anerkannten, preisstabilen Anlageklasse werden, benötigt er die Liquidität institutioneller Investoren. Zurzeit halten sich diese jedoch gerade aufgrund der Volatilität fern.

Kein passives Einkommen

Bitcoin sowie die meisten anderen Krypto-Assets haben allerdings noch einen anderen gewichtigen Nachteil, der ihnen inhärent ist: Es lässt sich mit ihnen kein passives Einkommen erzielen. Ein solches ist für institutionelle Investoren wie Pensionskassen, Anlagefonds und Versicherung jedoch eminent wichtig. Sie alle haben regelmässige Zahlungen zu leisten. Deren Geschäftsmodell besteht am Ende des Tages darin, mit ihren Investitionen genügend Geld zu verdienen, um Rentner- Investoren- und Versicherungsansprüche decken zu können.

Ob Dividenden aus Aktien oder Zinszahlungen durch Anleihen, die traditionellen Anlagevehikel ermöglichen ein regelmässiges, indirektes Einkommen, womit institutionelle Anleger ihre Auslagen finanzieren können. Aktien und Anleihen müssen nicht verkauft werden, um für den Inhaber finanziell profitabel zu sein. Bitcoin vermag dieses so wichtige indirekte Einkommen für institutionelle Investoren nicht zu leisten, ausser man beteiligt sich am Bitcoin-Mining.

Eine Möglichkeit zur Erzielung eines indirekten Einkommens bietet das sogenannte Staking, welches durch «Proof-of-Stake» ermöglicht wird, ein alternativer Konsensus-Algorithmus zum «Proof-of-Work»-Algorithmus von Bitcoin. Staking erlaubt es gewissermassen eine Rendite für «gestakte» Coins zu erzielen. Vor diesem Hintergrund wäre zu erwarten, dass institutionelle Investoren – wenn überhaupt – auf Krypto-Assets setzen werden, welche ein solches Staking ermöglichen. Einer möglicher Grund also, weshalb Ethereum, das von «Proof-of-Work» auf «Proof-of-Stake» zu wechseln plant, in der «Corporate World» auf grössere Akzeptanz zu stossen scheint.

Ist es somit vor allem die ungünstige Beschaffenheit von Bitcoin und anderen Krypto-Assets, welche institutionelle Anleger an einem Investment hindert? Wir können nur spekulieren. Ganz unplausibel wäre eine solche Annahme jedoch nicht, wonach Krypto-Assets als neue Anlageklasse bei institutionellen Anlegern nicht auf Anklang stossen, eben weil sie aus deren Sicht eben keine Assets sind. Das wäre eine bittere Pille für die so hoffnungsvolle Krypto-Community.

Mit Sicherheit sind auch die Preise ein Problem. Denn anders als bei herkömmlichen Vermögenswerten hat man sich bei den Krypto-Assets noch kaum auf einheitliche Bewertungsgrundlagen geeinigt. Da Bitcoin und andere Krypto-Protokolle keinen kontinuierlichen Cash-Flow generieren, taugen traditionelle Bewertungsmodelle wie das Discounted-Cash-Flow-Verfahren wenig.

Neue Methoden werden bereits diskutiert. So wird versucht, das Potenzial der Marktdurchdringung eines Krypto-Assets zu evaluieren, um mögliche Netzwerkeffekte abzuschätzen. Dabei greift man auf eine Faustregel des Metcalfe’schen Gesetzes über das Kosten-Nutzenverhältnis von Kommunikationssystemen zurück. Die Schwierigkeit hier: Wie sollen die Marktdurchdringungspotenziale sinnvoll eruiert werden, wenn kaum klar ist, welchen Markt die Protokolle dereinst einmal bedienen werden? Eine andere häufig gewählte Art der Bewertung basiert auf der Einschätzung der Entwicklerteams eines Krypto-Assets. Doch diese sind hoch subjektiv. Die wenigsten Investoren kennen die jeweiligen Entwickler persönlich. Da das Krypto-Phänomen noch so jung ist, verfügen die wenigsten Blockchain-Entwickler über einen aussagekräftigen Leistungsausweis.

Es muss nicht kommen, wie es kommen muss

Sind Krypto-Assets deshalb abzuschreiben? Wir wissen es nicht. Was wir aber wissen: Auch wenn Krypto-Assets aufgrund ihrer Beschaffenheit nach heutigen Standards keine Assets sind, muss das nicht heissen, dass dies für immer so bleiben muss. Nicht zuletzt deshalb wird dem Modell der Security-Tokens eine grosse Zukunft vorausgesagt.

Doch selbst für den Bitcoin stehen die Zeichen gut. Denn wie so oft im Leben geht es nicht rein um «fill» oder «kill» bzw. «schwarz» oder «weiss. 98 Prozent unserer Gesellschaft haben auch kein Interesse an Zweimarktpolicen, Antiquitäten, Oldtimern, Katastrophenanleihen oder Mikrofinanz. Und doch sind diese Anlageklassen das zehn-, hundert, oder gar tausendfache der Marktkapitalisierung von Bitcoin. Wie die Portfolio-Perspektive zudem zeigt: Bitcoin zeigt nach wie vor so gut wie keine Korrelation zu herkömmlichen Vermögensklassen. Aufgrund solcher (und anderer) einzigartigen Charakteristika wird Bitcoin auch ohne breite Mainstream-Adoption zusätzliches Potenzial haben. Es ist überhaupt nicht nötig, dass Bitcoin im Jahr 2023 das dominierende Zahlungsmittel ist – das Beispiel von Gold veranschaulicht diesen Umstand auf eindrückliche Weise. Eine stabile Nische mit ein paar 100’000 Investoren reicht völlig aus, um den Preis von Bitcoin noch um einiges in die Höhe zu treiben. Auch wenn das Gros der institutionellen Investoren dem Bitcoin fernbleiben sollte, hätte das einen entscheidenden Vorteil, würde das doch bedeuten: Die Korrelation zu den von institutionellen Anlegern dominierten Anlageklassen dürfte auf einem überschaubaren Niveau verharren. Sollte sich die Bitcoin-Blockchain dann auch über mehrere Dekaden als unangreifbar erwiesen haben, dürfte dieser Umstand in Kombination mit einer anhaltenden Nicht-Korrelation noch so manch vernünftigen Privatinvestor dazu bewegen, Bitcoin im Portfolio-Kontext nicht länger zu ignorieren.

Gegenreaktion mit Revolutionspotential

Das Erscheinen des Bitcoin-Whitepapers unmittelbar nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise 2008 ist kaum als blosser Zufall zu werten. Der Finanzkollaps liess im Zuge der Ereignisse eine Frage wieder stärker in den Vordergrund treten: Geld regiert die Welt, doch wer regiert das Geld? Laut Satoshi Nakamoto, dem Pseudonym hinter Bitcoin, sind es die Zentral- und Geschäftsbanken dieser Welt.

Mit dieser Feststellung scheint Nakamoto nicht falsch zu liegen. Angefangen mit der industriellen Revolution hat die stetig wachsende Verflechtung zwischen Industrie, Staat und Banken ihren Lauf genommen. Immer grössere Industrieräume und -projekte bedingten eine immer stärkere Finanzmarktintegration und damit die Zentralisierung von Vertrauensstrukturen. Mit der digitalen Internetrevolution sind diese zentralisierenden Dynamiken bislang nochmals um einiges verstärkt worden. Der wohl grösste Nutzen dieser beeindruckenden Finanzialisierung: eine unglaubliche, noch nie dagewesene Wohlstandsexplosion in denjenigen Gebieten, wo dieser Prozess am weitesten vorangeschritten ist. Doch Nakamoto beleuchtet die Schattenseite dieser Entwicklung. So weist er darauf hin, dass Zentral- sowie Geschäftsbanken ihre hohe Stellung und das Vertrauen, das ihnen im Laufe der Zeit zugekommen ist, immer wieder missbraucht hätten.

Auch in diesem Punkt ist Nakamoto durchaus Recht zugeben. Immer mehr scheint ein Finanzkartell von Geschäfts- und Zentralbanken in Gott spielerischer Manier die Finanz- und Realwirtschaft minutiös administrieren und steuern zu wollen. Passieren Fehler, die angesichts der unlösbaren Steuerungs- und Lenkungsaufgabe zwingend sind, werden die Verluste der Allgemeinheit aufgebürdet oder über inflationistische Tarnmittel sozialisiert, während die Gewinne privatisiert werden.

Eine langersehnte Alternative

Als universeller, abstrakter Wertträger kommt dem Geld in unserer von Ungewissheit und Zufall geprägten Welt eine tragende Rolle zu. Denn liquide Mittel helfen uns für die ungewisse Zukunft und deren unerwartete Ereignisse vorzusorgen. Wird Geld bzw. die Verfügbarkeit und der Wert desselben unsicherer – eine Tatsache, die uns durch etliche Bank-Runs, die Rationierung von Bargeldabhebungen in Griechenland oder das komplette Einfrieren von Bankkonten in Zypern im Zuge der Finanzkrise vor Augen geführt wurde – steigt die Ungewissheit und damit das Gefühl schlummernder Hilflosigkeit. Die Suche nach Alternativen beginnt und führte schliesslich zur Entdeckung Bitcoins.

Doch nicht nur eine zunehmende Ohnmacht hinsichtlich Zukunftsangelegenheiten kann als problematischer Auswuchs unseres heutigen Finanzsystems angesehen werden. Eine weitere Problematik unserer zentralisierten Finanzstrukturen wird auch an einem anderen Beispiel ersichtlich.

Wikileaks ist eine der kontroversesten Organisationen überhaupt. Unterstützer argumentieren, dass sie mächtige Institutionen zur Rechenschaft ziehen würde, indem sie Informanten befähigt, anonym Beweise für unethisches Verhalten zu veröffentlichen. Kritiker halten dagegen, Wikileaks würde so nationale Sicherheit und internationale Beziehungen von Ländern bedrohen und gleichzeitig nur sehr ungleichmässig gegen Grossmächte vorgehen. Beide Ansichten haben denn auch einen Kern Wahrheit. Als Folge dieser Kontroverse begannen 2010 sodann mehrere der weltweit größten Zahlungsanbieter, darunter Visa, Master Card, Bank of America, PayPal und Western Union, Spendengeldzahlungen für Wikileaks einzustellen. Für die gemeinnützige Organisation, die auf Spenden angewiesen ist, war das ein herber Schlag. Das Unterbinden der Spendengeldzahlungen entbehrte jeglicher Rechtsgrundlage – Wikileaks war auch nicht wegen irgendeiner Straftat angeklagt, geschweige denn verurteilt worden. Selbst einige Kritiker mussten widerwillig zugeben: Diese Art von Zensur ist als gefährlicher Präzedenzfall zu werten.

Der Leser mag sich vielleicht nicht für Wikileaks interessieren. Letztlich handelt es sich dabei jedoch nur um ein Veranschaulichungsbeispiel. Es gibt unzählige andere gemeinnützige Organisationen, die anderen Interessensgruppen ein Dorn im Auge sind. Ob eine allgemein unbeliebte Organisation auf einer schwarzen Liste landet, hängt vielfach davon ab, wie das Tauziehen und die Ränkespiele im Polit-Zirkus ausgehen. Was also, wenn plötzlich eine Vereinigung unter die Räder gerät, die einem persönlich lieb ist?

Nicht nur mittels Zensur werden gewisse Parteien durch unser modernes Finanzsystem ausgeschlossen. Weltweit gelten immer noch zwei Milliarden erwachsene Menschen als «unbanked» und verfügen nicht einmal über ein einfaches Giro- oder Sparkonto, geschweige denn einen Zugang zu einem elektronischen Zahlungssystem wie Visa oder Master Card. In unmittelbar wird sich das auch nicht ändern, da traditionelle Banken aufgrund der herrschenden Sachzwänge kaum Anreize haben, diese Menschen grossflächig mit Dienstleistungen zu bedienen. Natürlich wird auch Bitcoin die genannten zwei Milliarden Menschen nicht von heute auf morgen aus der Armut herausholen. Schreitet die Technologie voran, dürfte diesen Menschen dennoch erstmals eine Tür offenstehen, die es bislang noch nicht gegeben hat.

Bitcoin und damit die breitere Krypto-Welt sind daher in ihren Ursprüngen ein Versuch, eine mögliche Alternative für oder gar Antwort auf die eben beschriebenen Entwicklungen und Probleme unseres Finanzsystems zu bieten. Insofern kann dieses neuartige Phänomen als eine Art Geld- oder Finanzreform gesehen werden. Doch unterscheidet sich diese «Reform» von anderen politisch motivierten, zentral orchestrierten Unterfangen wie Konventionalgelder, Vollgeld oder globalen UNO-Finanzreformen. Bitcoin wurde von keiner Partei lanciert, stieg ausserhalb der bestehenden Finanzstrukturen auf und erlangte seine zunehmende Bedeutung auf spontanem Weg durch den Zuspruch und die Wertschätzung einzelner Individuen. Es sind diese Punkte, die Bitcoin und Krypto im Allgemeinen weitaus erfolgreicher machen werden als konventionelle Geldreformen. Als Alternative bricht Bitcoin die eingesessen, zentralisierten Vertrauensstrukturen unseres Finanzsystems auf. Noch scheinen diese unsere Finanzmöglichkeiten nicht nur zu prägen, sondern regelrecht zu definieren, ist doch ein Bankkonto für komplexere und daher digitale Finanzangelegenheiten unerlässlich. Mit Krypto dürfte sich das ändern.

Ignorieren auf eigene Gefahr

Als Europäer, allen voran als Schweizer, scheint die Neuentdeckung von Bitcoin und Kryptowährungen wenig revolutionär zu sein, weshalb sie vor allem als Spekulationsobjekte abgetan werden. Hierzulande sind wir derart «overbanked», dass uns deren Nutzen kaum einleuchtet: Wir haben alle mehrere Bankkonten, Visa und/oder Mastercard, Twint, ein funktionierendes Bankensystem sowie den Schweizer Franken. Diese Dinge gilt es alle nicht kleinzureden, sind sie doch höchst schätzenswert. Allerdings sollte niemals vergessen gehen, dass keine vom Mensch geschaffene Idee, kein System und keine Institution für alle Ewigkeit in Stein gemeisselt ist. Denn auch in der Schweiz gehört einem das Geld auf dem eigenen Konto nicht endgültig, sondern der Kontoinhaber hat lediglich eine Forderung auf ein gesetzliches Zahlungsmittel gegenüber der Bank. Denn auch in der Schweiz sind Bank-, Visa- oder Mastercard-Transaktionen nicht irreversibel, sondern können immer, auch nachdem die Abwicklung bereits abgeschlossen ist, rückgängig gemacht werden. Denn auch in der Schweiz verfügen die Banken nur über magere Eigenkapitalquoten und mögen in ihren Bilanzen mehr faule Eier halten, als zum derzeitigen Zeitpunkt allgemein angenommen wird. Denn auch in der Schweiz hat sich die Nationalbank mit einer noch nie dagewesenen Aufblähung ihrer Bilanzsumme auf dünnes Eis begeben und tätigt derzeit ein Experiment, von dem niemand mit Klarheit sagen kann, wie es ausgehen wird. Wir sollten uns bewusst sein, dass – in unserer von Ungewissheit geprägten Welt – eine Phase langer Stabilität stets das Potenzial für Instabilität erhöht. Gerade weil wir uns finanziell stabile Verhältnisse und funktionelles Geld gewöhnt sind, sollten wir zur Vorsicht, Offenheit und Umsicht angehalten sein. Staatliche Papiergeldwährungen und deren elektronisches Derivat, das Buchgeld, waren in der Geschichte der Menschheit nicht immer Geld und werden es wohl auch nicht immer sein.

Letztlich ist es also diese Umsicht, Demut und Neugier, die einen das neue Krypto-Phänomen nicht kategorisch ablehnen lassen sollten. Bitcoin bietet die Möglichkeit, alleiniger Herr über einen Teil seines eigenen Geldes. zu sein: Wer über die entsprechenden Privatschlüssel auf die eigenen Bitcoin Zugriff hat, kann dies immer und ohne Einwilligung Dritter tun. Auch können einmal abgewickelte Bitcoin-Transaktionen durch niemanden mehr rückgängig gemacht werden. Ein jeder der seine Bitcoin selber hält, muss zudem nicht befürchten, dass diese im Hintergrund durch eine Drittpartei verliehen werden. Und letztlich gibt es bei Bitcoin auch keine Zentralbank, die das Angebot an Bitcoin manipulieren kann.

Bitcoin und andere Kryptowährungen werden von einigen gar als Schutz oder finanztechnisch gesprochen als «Hedge» betrachtet. Ob diese Ansicht gerechtfertigt ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Kritiker von Bitcoin weisen mit Recht darauf hin, dass die Kryptowährung bislang nur das ungewöhnliche Marktumfeld seit der letzten Finanzkrise kennt. So haben Zentralbanken in den letzten zehn Jahren – also exakt während der bisherigen Lebenszeit von Bitcoin – mit ihrer ultraexpansiven Geldpolitik für eine regelrechte Alles-Blase bei den Vermögenswerten gesorgt. Gleichzeitig haben sie die Marktvolatilität in den Keller gedrückt und die Risikoeinpreisung auf den Finanzmärkten de facto eliminiert. Es stellt sich die berechtigte Frage: Wie wird sich Bitcoin in einer Rezession verhalten? Und wie wird der Bitcoin-Preis im Zuge eines möglichen Crashes an den Finanzmärkten reagieren? Das weiss niemand. Doch vielleicht könnte Bitcoin gerade den Unterschied machen, verkörpert er in seinen Ursprung doch die Antithese zu unserer heutigen Finanzwelt. Dass dieser anfängliche Geist noch schlummert und im Fall einer Krise manchen Anleger auf der psychologischen Ebene wieder einholt, darauf hoffen einige Krypto-Begeisterte. Die Chancen stehen nicht einmal so schlecht, wenn man bedenkt, dass Bitcoin bis lang immer zu überraschen vermochte.

Es werde Bitcoin. Und es ward Bitcoin

Etwas salopp gesagt lässt sich Bitcoins Ursprung auf den 15. September 2008 zurückführen. Es ist dies der Tag, an dem die Investmentbank Lehman Brothers ihren Konkurs bekannt gibt und die Finanzkrise ihren Höhepunkt erreicht. Mit dem Bankrott von Lehman Brothers setzt eine Kaskadenwirkung ein, etliche weitere Banken müssen durch ihre Schutzpatrone, die Staaten, gerettet werden. Diese Rettungsaktionen lassen die Verschuldung vieler Staaten vollends aus dem Ruder laufen, weshalb letztlich die Zentralbanken zu deren gewaltigen Staatsanleihen-Ankaufprogrammen übergehen. Noch heute sind die Bilanzen der grossen Zentralbanken deswegen massiv aufgebläht und obschon die Notenbanken damit begonnen haben, ist immer noch nicht klar, ob sie diese Liquidität ohne grosse Probleme jemals wieder aus dem System werden abschöpfen können.

Nur etwa ein Monat später nach dem Krisenhöhepunkt vom 31. Oktober 2008 erreicht einige hundert Mitglieder einer obskuren E-Mail-Liste von Kryptografie-Experten die Nachricht eines gewissen Satoshi Nakamoto. «Seit geraumer Zeit arbeite ich an einem elektronischen Zahlungssystem, das vollständig Peer-to-Peer ist und keiner vertrauenswürdigen Drittpartei bedarf», schreibt der unbekannte Absender. In seiner E-Mail findet sich ein Link zu einem White Paper, das auf eine zwei Monate zuvor registrierte Webseite hochgeladen wurde. Die neunseitige Schrift beschreibt ein Zahlungssystem namens Bitcoin. Dessen spezifisches Alleinstellungsmerkmal: Es basiert auf einer Datenbank, die gleichzeitig über unzählige Rechner verteilt ist und immer wieder alle zehn Minuten aktualisiert wird. Aufgrund dieser Non-Zentralität verfügt das Bitcoin-Netzwerk über keinen zentralen Server und keine Autorität, welche die Buchhaltung über die Wertaustausche innerhalb des Systems sicherstellen muss und somit auch kontrollieren kann.

Den adressierten Kryptografie-Freaks und Informatikern waren derartige Ideen keinesfalls neu. Bereits vor der Jahrtausendwende gab es verschiedenste solcher Ansätze, die jedoch allesamt gescheitert waren. Der Grund: Keines der Projekte vermochte die sogenannte «Double-Spending»-Problematik zu lösen, wonach jemand innerhalb des Systems sicherstellen muss, dass Transaktionen nicht doppelt ausgeführt und somit keine Geldeinheiten aus den Nichts geschaffen werden. Wenig überraschend also, dass auch Bitcoin erstmal auf wenig Euphorie stiess. Warum sollte ausgerechnet dieses System grundlegend besser sein und das Problem des «Double Spending» lösen können?

Wie funktioniert Bitcoin?

Bitcoin setzt dafür auf die einzelnen Netzwerk-Teilnehmer, genauer gesagt die «full nodes». Diese stehen für all jene Netzwerk-Teilnehmer, die sich eine vollständige Kopie der mit allen anderen «full nodes» geteilten Datenbank herunterladen. Aufgrund des Open-Source-Charakters der Bitcoin-Software kann sich jede Person, egal von auf diesem Planeten, in das System mit einschalten. Da die «full nodes» also zu jeder Zeit über den aktuellen Stand der Buchhaltung Bescheid wissen, prüfen sie, dass keine Transaktion doppelt ausgeführt wird.

Doch woran orientieren sie sich? Wie können sie wissen, ob eine Transaktion ausgeführt, bzw. deren Geldeinheiten bereits ausgegeben worden sind? Dafür gleichen sie eine jede neue Transaktion mit der der Datenbank ab. Denn in dieser hält das Bitcoin-System alle jemals ausgeführten Transaktionen fest. Doch nicht nur das. Die einzelnen Transaktionen sind zu einem Block zusammengefasst. Jeder Block wiederum verfügt über einen einzigartigen Hash, der mit einem einmalig vorhandenen Fingerabdruck verglichen werden kann. Oder nochmals anders gesprochen: Es handelt sich dabei um eine Art Identifikationsnummer, die jeweils auf dem vorangegangenen Block referenziert. Auf diese Weise sind die einzelnen Blöcke über die jeweiligen Identifikationsnummern chronologisch miteinander zu einer Kette, der Blockchain, verbunden und lassen sich bis zum Genesis-Block, dem allerersten Block und seinen Ursprungstransaktionen, zurückführen. Das schafft eine transparente Transaktionshistorie, die niemand, ohne Spuren zu hinterlassen, verändern kann. Erfährt ein Block auch nur die kleinste Änderung, zum Beispiel das nachträgliche Anpassen des Inhalts einer einzelnen Transaktion, ändert die Identifikationsnummer dieses Blockes, mit der Konsequenz, dass dies eine Unstimmigkeit mit der Identifikationsnummer des Folgeblocks schafft.

Wie also werden neue Blöcke an die bestehende Kette angefügt und wer stellt sicher, dass diese lediglich nicht ausgeführte Transaktionen beinhalten, damit es zu keinem «Double-Spending» kommt? Hier kommen die sogenannten Bitcoin-Miners ins Spiel. Im Wettbewerb darum, den jeweils neuen Block der Blockchain hinzufügen zu können, versucht ein jeder Miner unter Verwendung von Rechenleistung schnellstmöglich einen neuen Block zu erstellen. Ungefähr alle zehn Minuten gelingt es einem Miner, einen Block zu erstellen, dessen Gesamtinhalt den Anforderungen des Bitcoin-Algorithmus entspricht. Als Belohnung locken neue Bitcoin.

Ein vereinfachendes Bild mag an dieser Stelle helfen: Derjenige Miner, der bei einer zehnziffrigen Zahl zuerst für jeden Faktor eine Sechs gewürfelt hat, gewinnt den Wettlauf, vorausgesetzt der Block umfasst nur noch nicht ausgeführte Transaktionen. Die Miner kontrollieren ihre Ergebnisse gegenseitig und sorgen so dafür, das stets bloss gültige Blöcke in die Blockchain integriert werden. Während sich das Finden eines gültigen Blockes als hochkompetitiv und schwierig darstellt, ist der anschliessende Prozess der Verifikation trivial. Kaum ist ein Block verifiziert, widmen sich die Miner auch schon dem nächsten Block und versuchen erneut ihr Glück.

No Rulers, no Leader: «In Code we Trust»

Es ist dieses ausgeklügelte, Software-programmierte Anreizsystem, das den Bitcoin von seinen Vorgängeransätzen abhebt. Wie die Versuche vor Bitcoin gezeigt haben, kann ein non-zentralistisches Computernetzwerk für Peer-to-Peer Werttransfer ohne ein solches Anreizsystem kaum funktionieren. Denn Software-Code ist nicht in Stein gemeisselt und kann theoretisch geändert und somit sabotiert werden – so auch der Bitcoin-Programmiercode. Das Bitcoin-Ökosystem besteht allerdings aus verschiedenen Hauptgruppen mit unterschiedlichen Interessen: So gibt es die Miners, Kern-Entwickler, Nutzer sowie Geschäfte und Unternehmen. Alle diese Gruppen haben unterschiedliche, teils sogar entgegengesetzte Interessen. Beispielsweise möchten die Nutzer und Unternehmen eher geringe Transaktionsgebühren, während die Miner, welche diese erhalten, in der Regel eher für höhere Transaktionsgebühren plädieren. Aufgrund dieser unterschiedlichen Interessenslagen lassen sich Änderungen innerhalb des Systems nur schwer realisieren. Wann immer eine Gruppe den Bitcoin-Quellcode in eine Richtung vorentwickeln möchte und diese Änderung einer anderen Gruppe nicht passt, kann diese mit einem Fork liebäugeln. Damit würde sich eine neue Bitcoin-Variante abspalten (so geschehen mit Bitcoin Cash am 1. August 2017), worauf sich auch das Bitcoin-Netzwerk teilt. Letztlich liegen unzählige Aufspaltungen jedoch nicht im Interesse dieser einzelnen Gruppen, da so ihr gemeinsames Ökosystem immer weiter verwässert würde. Die überwiegende Mehrheit aller Forks ist daher kaum erfolgreich – ein Zeichen dafür, dass sich die antagonistischen Gruppen innerhalb des Bitcoin-Netzwerks miteinander arrangieren.

Diese Non-Zentralität und das unterschiedliche Interessensgefälle innerhalb des Bitcoin-Systems wird von ausserhalb vor allem als Bremsklotz wahrgenommen, der das Ökosystem nur schwer reformierbar macht. Für viele Bitcoin-Enthusiasten ist darin jedoch viel eher ein Feature als ein Bug zu sehen, verspricht doch die Non-Zentralität Beständigkeit und Resilienz. Das gleiche Argument der Langwierigkeit wird häufig auch gegen die Schweiz und ihre halbdirekte Form der Demokratie vorgebracht. Von Schweizern wird der dezentrale Regierungscharakter und das Mitspracherecht via Initiativen und Referenden allerdings auch eher als Vorteil angesehen.

Mythischer Schöpfungsakt

Zugegebenermassen: Der Wunsch nach einer alles überspannenden Autorität, dem wohlmeinenden Diktator erscheint menschlichen. In Zeiten der Unklarheit und der Ungewissheit sehen sich viele Menschen nach dem konfliktlösenden Machtwort. Ein solches gibt es bei Bitcoin nicht. Das Bitcoin-Ökosystem hat zwar auch seine Galionsfiguren und Vordenker. Diese sind aber über alle Haupt- und Interessensgruppen verteilt. Am ehesten würde wohl eine Aussage Satoshi Nakamotos starkes Gewicht haben. Doch dieser hat sich seit dem April 2011 nicht mehr zu Wort gemeldet und niemand weiss, wer hinter dieser Person steckt.

Wie kann das sein? Der Name Satoshi Nakamoto ist bloss ein Pseudonym. Um seine wahre Identität zu verschleiern, verwendete Nakamoto mindestens drei E-Mail-Adressen, die allesamt aufwendig verschlüsselt waren. Heute kursieren zwar die wildesten Verschwörungstheorien, wonach die Identität Nakamotos geklärt sei. Doch bislang bleibt ein jeder, der sich also Satoshi geoutet hat, den Beweis schuldig.

Für viele Bitcoin-Jünger soll die wahre Identität ohnehin für immer ungelöst bleiben. Denn Satoshi Nakamoto ist nicht nur das einsiedlerische Computergenie hinter Bitcoin, sondern die Personifizierung einer höheren Macht, die sich aus ihrer aktiven Rolle zurückgezogen hat und noch als gottähnliche Gestalt in Köpfen von uns Menschen weiterlebt. Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde», steht in der Genesis. Und Nakamoto schuf am Anfang den ersten Block an Bitcoins, den Genesis-Block. Die Parallelen zur Schöpfungsgeschichte der Bibel sind nicht zu übersehen.

Rückblickend ist dieser Schöpfungsmythos denn auch als brillant zu bewerten, widerspiegelt er letztlich das Hauptanliegen Bitcoins: Non-Zentralität. Dass selbst die begründende Kraft hinter Bitcoin unbekannt ist und keine zentrale Machtposition innehat, unterstreicht die Integrität und das Wertversprechen dieser Idee und ist zudem äusserst raffiniert. Denn gerade in den Anfängen Bitcoins hätte das System über die Manipulation oder Eliminierung des Begründers arg erschüttert oder gar zerstört werden können. Ohne neuralgischen Hauptpunkt war derartiges viel schwieriger.

Heute wird gemeinhin kritisiert, dass der Bitcoin überhaupt nicht so non-zentralisiert ist, wie es dessen Befürworter gerne hätten. In der Tat ist das Mining weniger verteilt, als dass man es sich wünschen könnte. In unserer realen, nicht perfekten Welt muss man sich die Eigenschaft der Non-Zentralität allerdings als Kontinuum vorstellen. Auch wenn der Bitcoin den in der Theorie formulierten Höchstgrad der Non-Zentralität nicht erfüllt, so ist in der Praxis im Vergleich zu anderen bestehenden Institutionen und Strukturen wohl noch immer das non-zentralistische Projekt, das wir kennen.

Teile dieses Artikels sind erstmals hier erschiehnen.

Krypto wirklich verstehen

Ende 2017 erlebte Bitcoin – und mit ihm die Kryptowährungen – einen regelrechten Hype. Innert weniger Monaten schossen die Preise durch die Decke. Die Euphorie war riesig und rückblickend beurteilt wohl etwas gar wahnwitzig.

Im neuen Jahr hielt dann die Ernüchterung Einzug. Die Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen reduzierte sich um über die Hälfte und die Preise stürzten ab. Diese Konsolidierung schien die Krypto-Welt wieder auf den Boden der Realität zurückzuholen und viele hofften, dass dies zu einem solideren Fundament führen wird, auf dem unweigerlich echtes Wissen, mehr Wirklichkeitssinn und ein tieferes Verständnis für Krypto gedeihen muss.

Nach bald sieben Monaten im neuen Jahr scheint jedoch klar: Das breite Interesse an Krypto ist verfolgen. Nicht selten kommt die Frage: «Gibt es diesen Bitcoin überhaupt noch?» Denn für viele scheint die Preisblase ihren tödlichen Nadelstich erlitten zu haben – und auch wenn die Luft noch nicht ganz draussen sei, die nächsten Monate würden schon dafür sorgen, so das allgemeine Ahnung.

Ob der augenscheinlichen schlechten Kurse fühlen sich sodann auch die Gegner von Bitcoin und Co. bestätigt: Natürlich handele es sich bei diesem Krypto-Phänomen um ein Schneeballsystem, Kriminellenwerkzeug und Spekulationshype, weshalb man sich kaum tiefgehend damit zu beschäftigen haben, schlussfolgern die Kritiker. Jüngst äusserte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ihre vernichtenden Bedenken: «Die dezentrale Technologie der Kryptowährungen, egal, wie fortgeschritten, ist ein schlechter Ersatz für Geld, das sich auf solide Institutionen stützt.»

Dass die selbsternannten Gralshüter der ökonomischen Theorie zusammen mit anderen Professoren, Politikern und Wirtschaftsgrössen das Phänomen um Bitcoin nicht verstehen, ist verständlich. Wie sollen sie auch, widerspricht es doch Lehrbüchern, Politikgeschehen und Wirtschaftlichkeit. Letztlich tragen deren Reaktionen, Analysen und Schlussfolgerungen allerdings wenig dazu bei, die Krypto-Welt wirklich zu verstehen. Angesichts der Tatsache, dass deren Erwachen ernüchternd sein könnte, wenn sie feststellen müssen, wie die neue Technologie unsere Welt nach und nach erschüttert, tut es not, sich der Sache ohne ideologischen Scheuklappen und intellektuellem Elfenbeinturmgehabe anzunehmen.

In diesem Sinne folgt hier der sachliche Versuch, die eigentliche Innovation, Wesensart und Daseinsberechtigung hinter Krypto nüchtern aufzuzeigen. Nichts eignet sich dazu besser als Bitcoin, die Mutter aller Kryptowährungen.

Eine gewöhnliche Digitalwährung?

Vielfach wird Bitcoin bloss als eine neue Digitalwährung beschrieben, von der Kriminelle, Zocker und Steuerhinterzieher regen Gebrauch machen würden. Da Bitcoin tatsächlich den Wertaustausch über das Internet ermöglicht, wird sie auch als Währung und somit für dunkle Machenschaften verwendet. Doch auch andere Währungen wie der US-Dollar, Euro oder Schweizer Franken können für schmutzige Geschäfte verwendet werden. Aufgrund der Pseudonymität – und nicht Anonymität – von Bitcoin und dessen zunehmenden Bekanntheit eignet sich die Kryptowährung allerdings immer weniger als Kriminellenwerkzeug. Behörden und Fahnder verstehen immer besser, wie einfach es ist, eine jede Bitcoin-Transaktion auf dessen öffentlichen und für jedermann einsehenden Ledger (Datenbank) nachzuvollziehen.

Bitcoin (und letztlich auch einige andere Kryptowährungen) ist jedoch nicht nur eine gewöhnliche Digitalwährung, die wie Apple Pay oder Twint das virtuelle Bezahlen ermöglichen. Hinter Bitcoin steckt mehr: Die Lösung eines uralten technologisch-mathematischen Problems, was neue Vertrauensstrukturen auf der Grundlage von Kryptografie und Mathematik ermöglicht. Bitcoin macht es erstmals in der Geschichte der Menschheit möglich, das Vertrauensproblem von auf menschlichen Beziehungen beruhenden Vertrauensstrukturen zu entschärfen, die inhärent anfällig sind für Vertrauensverlust aus Unvermögen oder Fahrlässigkeit aber auch bewussten Vertrauensmissbrauch.

Das Problem, das Bitcoin zu lösen imstande war, ist die sogenannte «Double-Spend-Problematik». Wie kann sichergestellt werden, dass virtuell keine Bitcoin-Einheiten doppelt ausgeben werden, ohne dass es eine zentrale Datenbank gibt, in der über die gesamte Transaktionshistorie Buch geführt wird. Wie also funktioniert das Bitcoin-Zahlungssystem ohne zentrale Buchhalterinstanz?

Hierfür hat Bitcoin das uralte Problem der byzantischen Generäle auf technologischem Weg gelöst. Die entscheidende Frage, welche das Problem der byzantischen Generäle aufwirft: Wie stellt man sicher, dass mehrere Parteien (Generäle), die räumlich voneinander getrennt sind, zu einem vollständigen Konsens finden können, bevor sie eine gemeinsame geplante Aktion (Angriff) durchführen? Oder anders ausgedrückt: Wie gelangen einzelne, voneinander getrennte Individuen zu einem Konsens über eine sie betreffende Sache?

Das folgende Beispiel veranschaulicht das Problem: Man stelle sich vor, ein General der byzantinischen Armee zu sein, die kurz vor einem Angriff auf eine belagerte Stadt steht. Mit mehreren Truppenverbänden hat die Armee die gegnerische Stadt umzingelt, jede einzelne Truppeneinheit befindet sich allerdings mehrere Kilometer von der jeweils nächsten entfernt und wird durch einen anderen General angeführt. Ein koordinierter Angriff von allen Seiten gleichzeitig würde zum Sieg über die belagerte Stadt führen, doch kommt es zu einem unkoordinierten Angriff, geht der Kampf verloren. Vor der Belagerung haben sich die Generäle darauf geeinigt, im Morgengrauen anzugreifen. Doch wie kann sich ein jeder General sicher sein, dass die anderen kooperieren und zur gleichen Zeit angreifen. Funkgeräte oder Smartphone besitzen sie keine und jegliche Zeichen wie Fackeln oder brennende Pfeile zur Angriffsauslösung könnten durch den Feind erkannt werden. Natürlich bestünde die Möglichkeit, Boten auszusenden, doch kann man sich als General nie sicher sein, ob die Nachricht korrekt angekommen ist oder der Bote nicht gekidnappt wurde und ein Verräter nun die Nachricht überbringt und damit bewusst in die Irre leitet.

Der erste non-zentralisierte Ledger überhaupt

Bis zur Ankunft Bitcoin galt dieses so wichtige Problem gemeinhin als ungelöst. Um die Lösung Bitcoins zu verstehen, stelle man sich nun vor: Die Truppenverbände sind eigentlich Computer eines Netzwerkes und die Generäle stellen Kopien eines Computerprogrammes dar, über welches eine Datenbank läuft. In dieser Datenbank (Ledger) werden mittels kryptografischer Verschlüsselung Transaktionen und deren Erstellungsdatum (Timestamp) festgehalten, so dass eine exakte Transaktionshistorie entsteht. Diese ist auf allen am Netzwerk teilhabenden Computer identisch, das heisst, jeder Computer verfügt über eine exakte Kopie der Datenbank. Wird diese geändert, nimmt jeder Computer im Netzwerk diese Anpassung zeitgleich vor. Sobald also auf einem Ledger eine Veränderung passiert und diese der hinter dem Bitcoin-Code stehende Mathematik nicht widerspricht, werden alle anderen Ledger angepasst. Auf diese Weise ist das Gesamtnetzwerk immer in Übereinstimmung – es herrscht zu jeder Zeit vollständiger Konsens.

Auf diese Weise schuf Bitcoin die erste, non-zentrale Datenbank mit permanentem Konsens, welche die Menschheit je gesehen hat. Über das globale Netzwerk von Bitcoin können Menschen heute Werte austauschen, ohne sich jemals gesehen zu haben. Das heisst: Die unterschiedlichsten Parteien, die in den unterschiedlichsten Gegenden unseres Planeten zuhause sind, können einen Konsens finden, ohne dass es einen Intermediär, eine kontrollierende Drittpartei für die Herstellung von Vertrauen benötigt. Die Teilnehmer des Bitcoin-Netzwerkes können sich sicher sein, dass es innerhalb des Netzwerkes zu keinen «Double-Spend-Attacken» kommt, da diese durch das Netzwerk erkannt und folglich verworfen werden.

Bitcoin ist also nicht bloss eine weitere Digitalwährung, sondern die erste weltweit verteilte non-zentrale Datenbank, auf welcher Werte verbucht und somit getauscht werden können. Hierin besteht dessen Innovation und Daseinsberechtigung. Häufig wird die Ursprungs-Kryptowährung auch als «trustless» beschrieben (vertrauenslos, gemeint ist, dass Bitcoin zur Aufrechterhaltung kein Vertrauen benötigen würde). Bitcoin eliminiert Vertrauen jedoch nicht. Das Lösen des Problems der byzantinischen Generäle jedoch hat es möglich gemacht, potenziell nicht nur einer Entität vertrauen zu müssen, sondern das Vertrauen auf zahlreiche Parteien auszuweiten. Auf diese Weise wird bei Bitcoin kein Vertrauen in einzelne Akteure vorausgesetzt. Die digitalen Bitcoin-Einheiten sind also am ehesten als Anteile an einem Netzwerk zu verstehen, wobei das Vertrauen in andere Menschen durch das Vertrauen in das Netzwerk selber ersetzt wird. Gewiss muss ein solcher Ansatz nicht perfekt sein. Denn auch Bitcoin wird nicht das Allerheilsmittel sein, für das es einige halten. Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine wichtige Option, die es bislang nicht gegeben hat. Gerade in unserer heutigen Welt, die immer weniger echte Alternativen bietet, tut eine solche not.

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