Tractatus Logico-Philosophicus

Ist manchmal verblüffend – um nicht zu sagen: erschreckend – wie schwer ist, gewisse Standardwerke von Literatur und Philosophie einfach und lesbar aus dem Internet zu beziehen.

So ging es mir gerade mit dem

Tractatus Logico-Philosophicus von Ludwig Wittgenstein. Das ist nun wirklich kein Leichtgewicht in der Philosophie. Es ist weltbekannt und hat mit Sicherheit weltweit gewirkt. Aber warum ist es so schwierig, dieses Buch als eBook zu beziehen?

Gut, das Buch enthält Formeln und Bilder. Dadurch ist es nicht ganz so einfach, es in elektronischer Form zu publizieren. Aber unmöglich ist es natürlich nicht. Warum finde ich dieses Buch zwar einigermaßen häufig als PDF in Englisch, aber keine vernünftige deutsche Fassung, nicht einmal als PDF?

Die lesbarste Fassung habe ich auf der Seite eines Japaners gefunden (Satoh Sin), der sich ebenfalls mit der elektonischen Lesbarmachung dieses Buches beschäftigt hat.

Das Projekt Gutenberg hat ein deutsch-englisches PDF, das mir nicht gefällt: Deutsche Muttersprachler wollen die deutsche Version lesen. Die wenigstens sind an einer Synopsis interessiert, oder wollen gleich noch die allfälligen Glaubenssätze eines Herausgebers oder des Projektes Gutenberg lesen. Ich habe mir deshalb erlaubt, aus diesem PDF den originalen Text herauszuschneiden.

Wer ist Venkatesh Rao?

Venkatesh ist der Gründer des blogs ribbon farm

Hier ist ein deutsches Interview (vermutlich übersetzt) des Deutschlandfunks mit ihm.

Früher hätte man ihn wohl einen Intellektuellen genannt. Hätte er einen entsprechenden akademischen Abschluss, würde man ihn vielleicht einen Philosophen nennen. Wenn man ihm unbedingt nicht gerecht werden möchte, dann kann man ihn einen Blogger nennen.

Sein Blog enthält eine Unmenge von Texten, die sich seit 2013 angesammelt haben.

Bekannt geworden ist er durch seine Überlegungen zum Gervais-Prinzip und dafür, dass er Schöpfer des Begriffs Premium Mediocre ist.

Wir wollen ihn hier nicht einen Intellektuellen nennen, denn das würde ihn in die Nähe eines biederen Bildungsbürgertums rücken, das so gar nicht zu ihm passt. In seinen eigenen Worten bemüht er sich um refactored perception, iaber das ist auch seiner Anicht nach kein besonders hilfricher Begriff. Sagen wir einmal, er versucht sich darin, eine neue Sichtweise auf das alltägliche Leben zu erzielen, und zwar indem er darüber nachdenkt und schreibt und liest. Im Leben eine Position finden, sich besser darin zurecht finden. Darum geht es.

Und er ist witzig:

Warum müssen wir uns immer festlegen?

Warum muss man sich immer festlegen?

Gewiss! Um Höchstleistungen erbringen zu können, muss man sich spezialisieren. Und dann trainieren, lernen, besser werden.

Wettbewerbsfähig bleiben. Das scheint in einer Zeit, die ja auch immer noch vom Weltbild des Darwinismus geprägt ist, die erste Priorität zu sein.

Aber was kommt danach? Was kommt nach der Erschöpfung? Wann kommt die Erholung, wenn überhaupt?

Man darf nichr mehr alt sein, schlecht ausgebildet sein, sensibel, desinteressiert, ohne Ehrgeiz. (War das eigentlich schon einmal anders?)

Womöglich ist es sogar zu spät, die aktuell hoch gehaltenen Werte vom Sockel zu stoßen und noch einmal neu anzufangen. Es ist ja alles schon da gewesen. Was denkbar war, das wurde zumindest erprobt. Was soll noch Neues nachkommen?

Es schließt sich der Gedanke an, der Mensch sei nun doch allmählich zu einer Art Auslaufmodell geworden. Zu deutlich spüren wir inzwischen die eigene Unvollkommenheit. Wir können den Anforderungen, die wir selbst an uns stellen, nicht mehr gerecht werden. So manches kann die Maschine inzwischen auch besser …

… nun, für jedes einzelne Dasein können wir nicht anders, als anzuerkennen, dass der Zenit eines Tages überschritten sein wird, man einem Ende entgegen gehen wird. Bei der Gattung Mensch als Ganzes aber, da sehen wir das anders.

Warum eine Seite für alles?

Zunächst erscheint es wenig sinnvoll, eine neue Internetseite zu machen, die thematisch überhaupt nicht eingegrenzt ist. Dennoch kommt mir natürlich gerade das entgegen, weil ich auf diese Weise ein Experimentfeld habe, das mir keine Grenzen auferlegt. Ich kann also etwas tun, was sonst nur schwer möglich ist: Für alle, wirklich alle meine Ideen einen einheitlichen Rahmen zu nutzen und mich even nicht durch eine inhaltische oder thematische Beschränkung schon im vorhinein einschränken zu lassen.

Nicht einmal, was die Sprachen betrifft, möchte ich mich einschränken lassen. Ich werde – wo möglich – auch englische Text schreiben und veröffentlichen, oder auch weitere Sprachen nutzen, wenn sich das so ergibt.

Andererseits ergibt sich durch die Einordnung unter einer bestimmten (WordPress-Seite) natürlich auch die Möglichkeit, Ordnung zu schaffen und zu veröffentlichen, was ansonsten womöglich ungeordnet und vergessen wäre. Im besten Fall wird es gelingen, hier Juwelen zum leuchten zu bringen, die ansonsten in irgend einer Schublade ein Schattendasein führen und ungesehen bleiben würden.

Die Phänomenologie des Geistes

Luftspiegelung

Die Phänomenologie des Geistes ist das unmögliche Buch. Die Wenigsten werden bei ihrer Lektüre überhaupt ans Ende kommen. Die Allerwenigsten werden das Gefühl haben, es zu verstehen. Dennoch, es ist das Buch der Bücher. Eine Bibel der Philosophie. Hier wurde das Unmögliche versucht und das Ausdrucksmittel Sprache bis zum Äußersten belastet. Das ist der Grund, warum dieses Buch seit 1807 immer wieder neu aufgelegt wird – und immer wieder von Neuem nicht verstanden und nicht begriffen wurde.

Aber die Zeit ist ein guter Richter über die Frage, was in der Geisteswelt Bestand hat, und was nicht. Unstreitbar ist, dass die Phänomenologie seit mehr als 200 Jahren Bestand hat, dass sie gewirkt hat, dass sie in die Geistesgeschichte entscheidende Auswirkungen hatte und wohl auch weiter haben wird.

So schwer das Buch also zu lesen ist, so unmöglich ist es doch, ihm aus dem Weg zu gehen. Das Argument, hier sei nur unverständliches Kauderwelsch zwischen zwei Buchdeckel gepresst worden, hatte schon zu Lebzeiten Hegels keine Chance – und hat es auch heute nicht.

Man kann nicht sagen, dass Hegel an der Sprache gescheitert ist. Dies obwohl er mit der deutschen Sprache zweifellos seine Probleme hatte. Er war ein schlechter Redner, und auch am Ende seines Theologiestudiums ein schlechter Prediger. Er konnte sich des Ausdrucksmittels Sprache nicht auf elegante Weise bedienen. Er war dieser Herausforderung nicht gewachsen. – Vielleicht ist es zutreffender, das Gegenteil zu behaupten: Die Sprache war seinem gedanklichen Tiefgang nie gewachsen.

Ja, es ist gerade die Sprache, die in diesem Buch auf schmerzhafte Weise an ihre Grenzen gerät: Jeder Satz wird bis aufs Äußerste mit Bedeutung befrachtet. Im “Sprachgerüst” biegen sich die Balken. Das Gebälk der Sätze ächzt und quietscht unter der Last des Gemeinten.

Mit Kommata wird hemmungslos geschachtelt, eingeschoben, unterbrochen und wieder aufgenommen. So lange, bis das Ganze kaum mehr zusammengehalten werden kann, und bis der Sinn der Sätze sich dem Verständnis des Lesers so weit entzogen hat, dass nur noch die Erkenntnis bleibt: Hier ist Textarbeit nötig, sonst geht gar nichts mehr!

Wir sind nicht dazu auserkoren, in einem kurzen Vorwort zu paraphrasieren oder auf den Punkt zu bringen, was in diesem Buch geschrieben steht. Das haben schon Bessere versucht, und viele haben dabei Beachtliches geleistet.

Wikipedia gilt heute als Paradebeispiel für die Verramschung des Wissens. Die akademische Welt schaut oft noch immer mit Verachtung darauf herab. Es gibt dort aber auch Juwelen, und Juwel der Wikipedia-Artikel über die Phänomenologie ist so einer. Wer eine Ahnung davon bekommen möchte, worum es in diesem Buch geht, der sei zuerst dort hin verwiesen.

Darüber hinaus gibt es eine riesige Bibliothek seriöser Sekundärliteratur, über die man sich seinen Weg zurück in dieses Buch bahnen kann, wenn man das so möchte. Aber das wird ein Weg durch eine trockene, um nicht zu sagen ausgedorrte Landschaft sein. Da blüht kein Blümchen am Wegesrand. Und am Ende des Weges warten doch wieder Hegels Schachtelsätze auf einen.

Fruchtbar wird das Ganze erst dann, wenn es gelingt, den Staub von den Büchern zu blasen und diesen Philosophen mit dem wahren Leben zu konfrontieren. Und mit der Gegenwart. Dann blüht er auf!

Genau genommen ist auch das Ringen mit diesem Buch das Thema desselben, nämlich ein Werden des Geistes. Gründlich, vollständig und “wissenschaftlich”. “Wissenschaftlich” ist hierbei gemeint in dem ehrfurchtheischenden und respektvollen Sinne, in dem dieser Begriff vor zweihundert Jahren geformt worden ist, als die Wissenschaftlichkeit als Grundlage eines neuen Wertesystems entwickelt wurde, das bis heute existiert.

Das Buch ist auf der Suche nach der absoluten Wahrheit. Was Wahrheit ist, dazu soll Hegel dann doch noch kurz zitiert werden:

Die Wahrheit ist die Bewegung ihrer an ihr selbst, […]

Eines von vielen Zitaten aus dem Buch, die das Potential haben, einem den Atem zu rauben. Es klingt die Dialektik an, für die Hegel so berühmt ist. Aber die Dialektik ist weitaus mehr als ein Mühlespiel von These und Antithese, wie dasjenige, was den Weg in die Allgemeinbildung geschafft hat. Für Hegel ist Dialektik etwas sonderbar Fließendes. Sie ist ein Vorgang, eine Bewegung, eine Entwicklung und kein Denkmechanismus.

Wer jetzt neugierig geworden ist und sich nicht hat abschrecken lassen, dem rufe ich zu:

TOLLE LEGE

Ich für meinen Teil habe diesem Buch bisher nur eine Ahnung von dem abringen können, was vermutlich in ihm steckt. Die Ahnung aber genügte, um eine jahrzehntelange Faszination bei mir auszulösen, die bis heute nicht verglüht ist. Es ist wert, sich immer wieder von Neuem in Hegels sperriges Wortgestrüpp zu wagen.

Für Hegel gilt das, was wohl für alle große Denker gilt: Er hat etwas geschaffen, dessen Bedeutung er selbst noch nicht absehen konnte. Das Buch hat sich zwei Jahrhunderte lang über die ursprünglich Intention des Verfassers hinaus entwickelt. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes fruchtbar geworden.

Damit lässt Hegel immer wieder neue Deutungen zu, und wir sollten uns auf die Suche nach der Bedeutung machen, die für unsere Zeit am Besten passt.

Alexander Weinmann im Dezember 2018

Phänomenologie des Geistes