Bitcoin nein, Blockchain ja?

Erst kürzlich berichtete die Republik in einem Artikel davon, wie sich die Bitcoin- und Blockchain-Branche immer mehr professionalisieren würde. Wer die Szene schon ein wenig länger verfolgt, dem springt diese Entwicklung ins Auge. Was einst eine Nische für Krypto-Anarchisten war, hat sich zu einer breiten Erscheinung weiterentwickelt. Ironischerweise sind mittlerweile auch jene Interessen und Kreise mit eingebunden, gegen die das Krypto-Phänomen in seinen Anfängen angetreten ist. Einige wenige etablierte Finanzbörsen, Banken und Hedgefonds haben unlängst erkannt, dass hier gerade eine neue Anlageklasse entsteht. Nichtsdestotrotz scheint es so, als wolle das Gros der traditionellen Finanzmarktakteure nach wie vor einen gewissen Sicherheitsabstand zu Bitcoin und anderen Kryptowährungen wahren.

Stattdessen hat man sich vielmehr auf die Technologie hinter Bitcoin eingeschossen, die sogenannte Blockchain. Unter dem Motto «Blockchain without Bitcoin» wird sie gemeinhin als neue IT- und Kommunikationstechnologie angepriesen. Immer wieder ist von neuen Kooperation grosser Unternehmen zu lesen, die sich zwecks Forschung oder gar Implementierung von Blockchain-Projekten zusammengeschlossen haben.

Für die zahlreichen Arbeitsgruppen von Banken und anderen Konzernen zum Thema «Blockchain» haben eingefleischte Bitcoin-Aficionados jedoch nur ein müdes Lächeln übrig. Die Blockchain für etablierte Unternehmenszwecke nutzen zu wollen, wäre gänzlich unökonomisch, argumentieren sie. Die neue Technologie sei nicht bloss eine weitere «Cloud-Lösung» für verteilte Datenspeicherung, sondern eine ressourcentechnisch äusserst ineffiziente Methode, die innerhalb eines Ökosystems inhärenten Vertrauensprobleme, ohne eine zentrale Instanz zu lösen. Die Blockchain-Technik sei eben nur dann sinnvoll und erforderlich, wenn man eine Bank, Grosskonzern oder ganz allgemein eine zentralistische Kontrollinstanz vollumfängliche entbehren möchte, so die Bitcoin-Maximalisten.

Zwei völlig verschiedene Welten

Werfen Banken also gerade reichlich Geld aus dem Fenster? Werden die zahlreichen Blockchain-Projekte dereinst alle als PR-Aufwand abzuschreiben sein? Kluge Köpfe, die in solchen «Blockchain-for-Business»-Projekten engagiert sind, halten dagegen und argumentieren: Es gelte klar zwischen öffentlichen und privaten Blockchains zu unterscheiden. Dabei handle es sich um zwei völlig verschiedene Welten, die gänzlich andere Ziele verfolgen würden, so Matthias Loepfe, einer dieser genannten klugen Köpfe.

Für Loepfe besteht das Alleinstellungsmerkmale privater Blockchains in der immensen Effizienzgewinnung: «Unternehmen sind heute oftmals Teil spezifischer Ökosysteme, weshalb sie ununterbrochen miteinander kommunizieren müssen. Zwischen diesen Unternehmen bestehen mitunter schon digitalisierte und automatisierte Schnittstellen, nach wie vor aber auch noch alte papiergebundene Prozesse. Jeder pflegt seine eigene Version der entsprechenden Daten. Diese Daten aktuell und konsistent zu halten, ist schwierig und verursacht viel Friktion. Deswegen haben die einzelnen Unternehmen des Ökosystems alle eine unterschiedliche Sicht auf die «Wahrheit». Genau hier kann die Blockchain punkten.»

Laut Loepfe liesse sich mit dem Blockchain-Ansatz für alle eine gemeinsame Sicht auf das schaffen, was richtig sei – ein Single Point of Truth also. Alle Ökosystem-Teilnehmer hätten die Daten mittels ihres Blockchain-Nodes im eigenen Haus, doch seien sie gleichzeitig mit allen anderen Nodes synchron. Folglich gäbe es nur eine Wahrheit, die bereits alle Teilnehmer besässen. Mühseliger Datenaustausch und -abgleich ist nicht mehr nötig, weshalb zahlreiche Reibungsverluste eingespart werden können. Die Effizienzgewinne würden vor allem daraus resultierten, dass ein «Single Point of Truth» das Vertrauen ins Gesamtsystem festige, was wiederum eine Grundvoraussetzung für eine effiziente Zusammenarbeit sei, so der Informatiker.

Im Unterschied zur öffentlichen Blockchain ist das Vertrauen bei einer privaten Blockchain natürlich viel weniger dezentralisiert. Während bei einer öffentlichen Blockchain deshalb eine möglichst hohe Non-Zentralität angestrebt wird, um möglichst «Censorship resistant» zu sein, sind Änderungen an einer privaten Blockchain durch ein Konsortium von Blockchain-Teilnehmern sehr viel wahrscheinlicher. Diese Tatsache anerkennt auch Loepfe: Natürlich sollte man sich keine falschen Illusionen machen. Eine private Blockchain sei leichter abzuändern. Gerade im Unternehmenskontexte könne dies aber auch gewünscht sein, schlussfolgert er.

Blockchain – schon heute ein sinnloser Begriff

Die Blockchain kann also durchaus für Grossunternehmen oder gar für den unternehmensinternen Bereich von Nutzen sein. Denn auch Unternehmen sind in einem grösseren, vielleicht sogar globalen Kontext tätig, wo sie selber auf Mittelsmänner angewiesen sind, zum Beispiel im internationalen Zahlungsverkehr, Aktien und Anleihegeschäft oder Logistikwesen. Und selbst innerhalb eines Konzerns mag die Anwendung der Blockchain Sinn ergeben. Natürlich erfüllt eine Blockchain ohne einen Coin einen anderen Zweck als beispielsweise die Bitcoin-Blockchain. Nichtsdestotrotz dient sie einem Zweck und dieser kann darin bestehen, verteilte Datenbanken über einen einzigen Ledger, also die Blockchain, in permanenter Übereinstimmung zu halten.

Es ist daher davon auszugehen, dass nicht alle «Blockchain-for-Enterprise»-Projekte für die Katz sein werden. Das dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass sich der Begriff «Blockchain» bereits völlig totgelaufen hat und mittlerweile jeder etwas anderes darunter versteht. Wenn man so will, könnte man die Bitcoin-Blockchain gewissermassen als Archetyp und somit als eigentliche Blockchain betrachten. Banken haben jedoch schnell gemerkt, dass es gewisse Attribute dieser «Ur-Blockchain» wie einen Blockchain eigenen Coin oder das Mining für ihren Kontext überhaupt nicht brauchen. Aus Marketing-Gründen haben sich viele dennoch entschieden, trotz der klaren Unterschieden zur Bitcoin-Blockchain für ihre eignen Projekte ebenfalls mit dem Begriff «Blockchain» zu werben. Zum Glück sind Begriff letztlich nicht entscheidend, sondern vielmehr was sich dahinter verbirgt. Die facettenreiche Technologie – egal ob Bitcoin-Blockchain oder «Corporate»-Blockchain – sie wird uns in den verschiedensten Bereichen weiterbringen. In den einen etwas mehr, in den anderen etwas weniger.

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