Gedächtnisverlust

(Vorangehender Eintrag hier)

(Es berichtet Klaus Koblach)

Das ist jetzt mehr als zehn Jahre her, aber ich weiß immer noch genau, wie das war an diesem Tag, an dem ich mein Gedächtnis verlor.

Es war der 31. Oktober 2007: Ich wachte morgens auf, und es war alles weg. Mein ganzes Leben, meine Vergangenheit, meine Identität, meine Existenz, alles weg. Ich hatte mein Gedächtnis verloren!

Fast! Es gab noch Ahnungen … die Wohnung, in der ich mich befand, kam mir doch bekannt vor. – Auf einem (meinem?) Schreibtisch ein Geldbeutel. Darin eine Karte:

Dr. med. Gerhard Spitz 
Spezialarzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH
Steinstrasse 15
8006 Zürich

Ihr nächster Termin bei uns: Mi., 31.10 15:30 Uhr 

Klar ging ich hin! Und saß dann plötzlich in einem mehr oder minder bequemen IKEA-Sessel einem Mann gegenüber, der mir zuhörte. Ich hatte ihm allerdings nicht viel zu erzählen, schließlich wusste ich nichts mehr über mich. Nicht einmal meinen Namen könnte ich ihm nennen. Es war mir auch ein Rätsel, ob ich Dr Spitz zuvor schon einmal gesehen hatte.

Aber Dr Spitz schien nicht überrascht. Offenbar kannte er mich. Nun gut … für mich ist das damals der Anfang, denn weiter zurück in die Vergangenheit reicht meine Erinnerung nicht.


Jetzt, mehr als zehn Jahre später bin ich immer noch bei Dr Spitz. Allerdings bin ich inzwischen stationär in Behandlung. Ich hätte das seinerzeit schlecht ablehnen können, als Dr Spitz darauf drängte. Inzwischen nimmt er sich mehr Zeit für mich, als für andere Patienten. Aber warum tut er das?

Er hört mir geduldig denn je zu. Bemüht sich, verständnisvoll zu wirken. Er ist professionell. Andere halten mich inzwischen längst für hoffnungslos irre, aber dieser Arzt lässt sich nicht anmerken, was er über mich denkt.

Manchmal wirkt er nachdenklich. Dann schaut er mich an, als sei ich so etwas wie ein Baby für ihn. (Ich bin ja auch undicht geworden. Ich kann das Wasser nicht mehr halten. Er weiß das. Es steht in den Papieren, die er vor sich liegen hat. Es ist Teil meiner Anamnese.)

Inzwischen habe ich deshalb Windeln bekommen. Damit ist es etwas weniger peinlich. Nicht mehr diese gelben Flecken im Schritt, die jeder sehen kann.

Über solche Dinge schreibt man normalerweise nicht, aber ich möchte, dass das bekannt wird. Man soll wissen, wer ich heute bin. Vielleicht hilft mir das. Vielleicht kommen Erinnerungen zurück, wenn sich jemand anderes an mich erinnern. Jemand, den ich früher einmal gekannt habe …

Stephan Loiker zum Beispiel. Es könnte sein, dass ich den früher einmal gekannt habe …


Manchmal gibt es doch noch Erinnerungen. Etwa die Folgende:

Ein Frühlingsmorgen: Eine Frau schiebt einen Kinderwagen auf einem Feldweg entlang. Ich bin das Baby in dem Kinderwagen. Die Frau ist meine Mutter.

Dies kam mir schon mehrmals in Erinnerung, aber immer aus einer anderen Perspektive. Das eine Mal betrachte ich meine Mutter aus dem Kinderwagen heraus mit den Augen eines Kindes an. Das andere Mal habe ich dabei die Augen eines Erwachsenen. Wieder ein anderes Mal gehe ich als ein Passant an dem Kinderwagen vorbei und schaue beiläufig hinein. Es ist immer derselbe Augenblick. Aber die Augen, aus denen ich schaue, sind unterschiedlich. Es ist, als ob immer wieder ein anderer dieselbe Erinnerung hätte.

Doktor Schiwago

Es nicht gelesen zu haben, ist eine jener Bildungslücken gewesen, die ich ungern offen lasse.

Was für ein Land! Was für Menschen! Dr Schiwago entstammt der Oberschicht des vorrevolutionieren Russland. Er ist ein sensibler, universell begabter Mann mit Interesse sowohl an Poesie und Naturbeobachtung, als auch an den Naturwissenschaften. Sein Verhalten und sein Charakter wird von ethischen und humanitären Maßstäben bestimmt. Folgerichtig wird er Arzt.

Die grausame Geschichte Russlands verhindert eine glanzvolle Karriere, die seinen Begabungen entsprochen hätte. Er wird im ersten Weltkrieg als Frontarzt zwangsverpflichtet, dann bricht die russische Revolution aus. Es gibt bittere Hungersnöte in kalten Wintern. Er flüchtet mit seiner Familie in den Ural, wird von Partisanen entführt und gezwungen, ihr Feldarzt zu werden und und und …

Der Roman ist auch ein Liebesgeschichte, aber er ist vor allem eine Geschichte Russlands. Tragik ist nicht der richtige Ausdruck für das Geschehen, weil ihm dazu die Unvermeidlichkeit fehlt. Es sind stets Menschen, die entscheiden, und sie könnten auch anders. In der Weite langer kalter Winter bewegt sich eine leidgeprüften Volksseele auf einen Abgrund zu.

Langsam zieht die Revolution herauf, der Bürgerkrieg. Er kündigt sich erst durch unheilvolle Vorzeichen an, wird dann allmählich stärker, grausamer allumfassender. Der Krieg verbündet sich mit der Tundra und ihrer Winterkälte, mit den Eitelkeiten und den Dummheit der Menschen, er zerstört uralte Traditionen und gewachsene Strukturen.

In alledem versucht Schiwago, sich seine Menschlichkeit zu bewahren. In einem Güterwaggon reist er nach Sibirien, muss die Geleise vom Schnee freischaufeln und kann dabei (einer völlig ungewissen Zukunft entgegensehend) dennoch die Schönheit der Scheelandschaft genießen und Gedichte schreiben.

Er liebt Lara, die er von Jugend auf kennt und mit der er erst viel später zusammenkommt. In dieser Liebe findet der Roman seinen Höhepunkt, denn sie kann sich in der neuen nachrevolutionären Zeit nicht erfüllen: Regimeterror und Denunziantentum lassen nicht mehr zu, dass blüht, was blühen möchte. Seine nicht-proletarische Herkunft und sein lebenslanges Ringen um Familienglück, ja nur ums nackte Überleben, haben genügt, ihn zu einer unerwünschten Person werden zu lassen, die jederzeit mit ihrer Verhaftung rechnen muss.

Lara und Schiwago lieben sich trotzdem. Sie leben den unmöglichen Traum, flüchten in die Einsamkeit, Wölfe schleichen ums Haus und es ist klar, es wird nicht gehen. Letztlich ist es Laras Wunsch, einfach nur zu überleben, der beide wieder auseinandertreibt. Sie sind noch nicht mal vierzig Jahre alt. Da ist es einfach noch zu früh zum Sterben.

Lara ist der schöne Engel in diesem Roman, aber sie ist auch ein Opfer ihrer Weiblichkeit und der Willkür eines Mannes, der sie in jungen Jahren verführt und manipuliert. Tugendhaftigkeit und Sinnlichkeit vereinen sich in ihr, ohne zu einem Widerspruch zu führen: Letztlich strebt auch sie wie Schiwago nur nach Normalität und Liebe. Auch sie ist ein Spielball der Zeitgeschichte, der immer dann wieder fortgetragen wird, wenn er gerade einmal zur Ruhe gekommen ist.

Die Hauptfiguren des Romans wollen einfach nur leben, die Betonung liegt auf einfach. Das korreliert mit der Aussage Pasternaks, der sich schon früh vorgenommen hatte, ein “ganz einfaches” Buch zu schreiben. Damit wollte er wohl auch ausdrücken, dass es vom theoretischen Ballast des Zeitgeistes frei sein sollte. Es sollte ein Buch sein, dass die Geschichte so erzählt, wie sie gewesen ist, und wie sie empfunden worden ist, und nicht mehr. Das ist ihm sicher gelungen, obwohl Pasternaks poetisches Naturell ihn daran hindert, zum vollkommenen Realisten zu werden.

Trotzdem gibt es Stellen in dem Buch, in denen Weltanschauliches und explizit Politisches einfließt. Das macht das Buch erst Recht zu einem russisches Buch, denn es verankert sich dadurch in der Tradition russischer Romanliteratur: Diese hatte immer schon eine Tendenz, das menschliche Einzelschicksal in einen geschichtlichen oder gesellschaftlichen Kontext einzubinden. Man denke nur an Tolstois Krieg und Frieden, man denke auch an Dostojewski.

Die großen Romane Russlands sind immer Romane, in denen man gewissermaßen durch ein mit Eisblumen der Fantasie bewachsenes Fenster einen Blick auf das dunkle kalte Land und seine warmen Menschen werfen kann.

Ja, in Doktor Schiwago brennt die Glut des eisernen Ofens im russischen Haus. Der Sturm der Zeit weht das Dach davon, und darunter frieren die Menschen. Sie haben es schwer, sie leiden, sie lieben und kämpfen. Der Ofen brennt weiter und Schneeflocken fliegen darauf. Das ist für mich Russland.

Philip K. Dick: UBIK

Angeblich einer der besten Romane von Philip K. Dick. Auf jeden Fall einer derjenigen, in denen es ihm am besten gelingt, den Realitätsbegriff zu zerlöchern. Die Menschen in diesem Roman sind sich an einem bestimmten Punkt nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch am Leben sind. Wir sind in der Zukunft, und zwar im Jahr 1992. Wenn man bedenkt, dass diese Rezension Ende 2006 verfasst wird, dann wirkt schon diese Jahreszahl bizarr, denn Dicks Zukunft hat nichts mit unserer Realität zu tun.

Es gibt Paronormale (Telekinetiker, Telepathen) und sogenannte Inerte, die die Fähigkeiten der Paranormalen wieder aufheben. Glen Runciter besitzt eine Firma, die unerwünschte paranormaler Ein- und Angriffe durch sein Team aus Inerten bekämpft. Joe Chip, die Hauptfigur ist einer seiner Angestellen. Der Roman enthält eine Fülle unglaublicher Ideen, wie die Realität aus den Fugen geraten kann: Die Zeit scheint rückwärts zu laufen, Menschen verfallen innerhalb von Minuten zu Staub, Geldscheine sind plötzlich nicht mehr gültig, weil sie aus einer ganz anderen Epoche stammen oder plötzlich mit einem Bild von Glen Runciter bedruckt sind.

Aber vor allem hat man in dieser Welt die Verleugnung des Todes auf die Spitze getrieben. Tote werden nicht begraben, sondern in Kaltpackung gelegt. In diesem konservierten Zustand werden die Leichen in sogenannten Moratorien aufbewahrt. Eine geringe Menge an Restvitalität kann auf diese Weise in ihnen konserviert werden, und man kann sie für wenige Stunden über ein Kommunikationssystem wieder aufwecken und per Lautsprecher und Mikrophon mit ihnen kommunizieren. Mit jedem Aufwecken wird die Restenergie des Verstorbenen geringer, man darf deshalb den Kontakt nur selten herstellen, wenn man sich das “Halbleben” möglichst lange erhalten möchte.

Die Verleugnung des Todes, und damit der Nicht-Existenz ist das zentrale Thema dieses Romans. Joe Chip reagiert merkwürdig gelassen, als er zu ahnen beginnt, dass sein Tod vielleicht schon eingetreten ist. Der ganze Roman erzählt kontinuierliche seine Geschichte, und es gibt keinen Bruch an der Nahtstelle zwischen Leben und Tod. Es gibt einfach überhaupt kein Sterben: Leben und Halbleben gehen fließend ineinander über, und das wird über eine brillante Erzähltechnik fühlbar gemacht.

Wessen Körper nicht mehr lebensfähig ist, der kommt in Kaltpackung. Es scheint fast bedeutungslos zu sein, in welchem der beiden Zustände man sich befindet. Der Zustand des Halblebens aber hat die ärgerliche Eigenschaft, dass die Wirklichkeit zu zerfallen beginnt. Joe Chip kämpft dagegen an. Alle andere auch. Und um diesen Kampf geht es, um die skurrilen Versuche der Figuren, sich um jeden Preis gegen das Nichtsein zu wehren. In letzter Konsequenz bedeutet das, dass man sich einen Traum schaffen muss. Wer nicht mehr leben kann, träumt, um weiterleben zu können. Erst wenn die Kraft zum träumen verloren geht, erst dann fühlt man die Kälte der kryonischen Sarges, in dem man liegt. Und erst, wer gar nicht mehr träumt, ist richtig tot.

Das Buch hat schon viele beschäftigt und hat auch bestimmt noch eine lange Rezeptionsgeschichte vor sich. Dick hat einmal gesagt. “Der Gedanke an den Tod macht mich verrückt.” Also hat er dem Unvermeidlichen den Kampf angesagt, und damit ein allgemein menschliches Thema aufgegriffen. Genau das ist Kunst in ihren besten Momenten: Ein genialer Versuch, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen. Dick hat gezeigt, dass es nicht geht. Er ist tot, aber sein Roman wird weiterleben. So ist das nun mal mit guten Büchern.

Man sollte es lesen. Und man sollte nicht denken, dass ich schon alles über seinen Inhalt verraten habe. Es bietet noch viele Überraschungen …

Philip K. Dick: Eine andere Welt

Philip K. Dick als Science-Fiction-Autor zu bezeichnen, ist eigentlich eine Falschklassifizierung, obwohl er per Konvention diesem Genre angehört. Eigentlich ist es offensichtlich, dass er seine Gegenwart thematisiert und die Stilmittel des SF-Genres nutzt, um zu verfremden und zu verzerren.

In Eine andere Welt geht es um den Fernsehmoderator Jason Taverner, dessen Realität sich dergestalt verändert, dass niemand mehr ihn kennt. Es gibt keine Aufzeichnungen über ihn, nicht einmal eine Geburtsurkunde, seine Fernsehsendungen sind nie gesendet worden, und seine Freundin kennt ihn nicht.

Die Welt, in der er lebt, ist von staatlicher Kontrolle dominiert. Ohne gültige Ausweispapiere kann man sich nicht einmal auf die Straße trauen. So zieht Taverner los, verschafft sich gefälschte Ausweispapiere und versucht das Rätsel seines Identitätsverlustes zu begegnen und sich selbst wieder zu legalisieren. Dabei ist ihm jedoch bewusst, dass es eigentlich aussichtslos ist: Wer den Pols einmal aufgefallen ist, der hat verloren. Nur Anonymität oder Berühmtheit schützt vor Verfolgung, und beides hat er verloren, denn weil er sich nicht legitimieren kann, hat sich die Polizei schon an seine Fersen geheftet.

Taverner ist das Produkt eines Eugenik-Projekts, ein sogenannter Sechser. Das sind Menschen mit ausgewählten Genen und besonderen körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Er ist sehr von sich selbst überzeugt. Seine Attraktivität für Frauen versucht er gezielt einzusetzen. Im Verlaufe des Romans begegnet er mehreren sehr unterschiedlichen Frauenfiguren. Er hat aus kühler Berechnung Sex mit ihnen oder versucht sie auf andere Weise auszunutzen, um der Geheimpolizei zu entgehen. Dabei lernen wir mehrere unterschiedliche Frauenschicksale kennen.

Auch die Polizei ist kein anonymes Machtinstrument, sondern trägt ein Gesicht. Das ist gerade das Spannende an dem Roman: Es gibt keine klare Trennung zwischen Gut und Böse. In diesem totalitären Staat sind eigentlich alle Opfer. Einer der höchsten Polizeibeamten hat ein inzestuöses Verhältnis mit seiner drogensüchtigen Schwester. Er ist ein Gefangener dieser fatalen Leidenschaft, genau wie Taverner letzlich ein Gefangener seiner Überheblichkeit ist.

Deshalb ist diese Utopie völlig anders als die orwellsche Vision des Totalitarismus. Bei Orwell hat die absolute Macht kein Gesicht, der Große Bruder ist nur ein Bild. Bei Dick dagegen sind die Verfolgten genau wie die Verfolger denselben Gesetzmäßigkeiten ausgeliefert. Die Repräsentanten der Macht sind nicht wirklich mächtig: Über ihre menschlichen Schwächen und ihr egoistisches Streben nach individuellem Glück werden sie denen, die sie unterdrücken, letztlich gleich.

Über allem liegt der Dunst der Nixon-Ära in den beginnenden Siebzigern der USA. Unter der Fuchtel staatlichen Kontrollwahns windet sich die Menschlichkeit, und die Täter sind nur die Opfer aus der zweiten Reihe.

Valis – Die ultimative Trilogie von Philip K. Dick

Es sind drei in sich abgeschlossene Romane, die inhaltlich nur sehr lose gekoppelt sind. Drei Romane, die das erzählerische Vermächtnis eines Schriftsteller darstellen, der zu einem Metaphysiker geworden ist, zu einem Wanderer zwischen Wirklichkeit und Wahnsinn: Valis, Die göttliche Invasion und Die Wiedergeburt des Timothy Archer.

Es ist keine Neuerscheinung, aber eine Neuentdeckung für mich, und eines jener Werke, die Bestand haben werden, obwohl sie sperrig sind, obwohl nur wenige sie lesen werden, und obwohl (oder gerade weil) sie letztendlich ein Scheitern dokumentieren.

Zwar werden drei völlig unterschiedliche Geschichten erzählt, trotzdem bilden die Romane eine Einheit. Das Thema, das Zentralmotiv des Autors ist offensichtlich und oft benannt; es zieht sich als roter Faden durch alle drei Bücher: Immer geht es um die Suche nach Gott, um Offenbarungen, göttliche Zeichen, letztlich um obskuren Mystizismus, um Wahnvorstellungen und – wie immer bei Dick – um den Realitätsbegriff.

Es ist allgemein üblich, Dick mit solchen Vokabeln zu beschreiben. Aber hat man ihn mit diesen Schlagwörtern schon ausgelotet? Nein!

Dicks Gedankenspiele sind ausgefeilt und ausgereift. Sie machen keinen Sinn, wirken absurd, abstrus, banal, lachhaft – und sind doch stets strukturiert, durchdacht, komponiert. Der Leser wird geführt und in Bann geschlagen, manchmal ohne dass es ihm bewußt wird. Wer damit beginnt, Valis zu lesen, der stellt sich sofort die Frage, ob der Verfasser dieses Werks nicht psychisch krank gewesen ist. Und genau mit dieser Frage ist er auch schon mitten im Roman angekommen, denn die fiktiven Gestalten stellen sich ebenfalls diese Frage. Der Autor, mehrmals gebrochen und gespiegelt in zwei Charakteren, stellt sich ebenfalls diese Frage. Und aufbauend auf dieser Frage nach der geistigen Gesundheit weiter hineingezogen in eine der sonderbarsten Erlösertheorien, die je zu Papier gebracht worden sind …

Wer mehr lesen will, der mache sich darauf gefasst, dass diese Bücher genau so sperrig und mühsam zu lesen sind, wie es die Realität nun mal eben auch ist …

Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“

Ich habe Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen gelesen. Marcel Reich-Ranitzki schrieb über dieses Buch:

Wer diesen Roman nicht gelesen hat, der solle nicht glauben, er kenne die deutsche Literatur nach 1945.

Ich habe wissen wollen, ob er Recht hat und ob das nun DIE große Literatur schlechthin ist.

Tauben im Gras ist ein Panorama der Nachkriegszeit. In der Tradition von Joyce’ Ulysses wird ein einziger Tag in München 1949 beschrieben. Die Lebenswege verschiedener Personen, die alle mehr oder minder stark unter den Folgen des 2. Weltkriegs leiden, überschneiden sich.

Die Grundstimmung des Buches ist düster bis depressiv. Alle leiden, keinem gehts gut, eine Zukunftsperspektive scheint niemand zu haben, und es gibt offenbar nichts Problematischers als schwarze Besatzungssoldaten. Die Frauen, die mit diesen ins Bett gehen, schämen sich natürlich und leiden ganz füchterlich unter der Situation.

Das Buch ist sprachgewaltig, aber ich finde, man merkt ihm die Mühe an, mit der es vermutlich geschrieben wurde. Die allgegenwärtige Trostlosigkeit scheint mir allzu sehr eine Trostlosigkeit des Autors zu sein, dessen ausdrucksarme Visage passenderweise die Titelseite ziert. Der Stil ist “substantiv-lastig”, es gibt endlose Reihungen, die dazu dienen, die Alltagsmühsal der Figuren detailreich zu illustrieren.

Eigentlich erfährt man das, was man sich über die Nachkriegszeit schon hat denken können: Alter Tafelschmuck musste verkauft werden, so er denn noch zu finden gewesen ist, die Amis allüberall, niemand weiß wies weitergeht, unterschwelliger Fremdenhass u.s.w.

Ich kann nicht beurteilen, ob die Zeit damals wirklich so gewesen ist, M R-R schon, denn er gehört dieser Generation an, um die es geht. Deshalb lese ich dieses Buch mit anderen Augen, als ein Zeitgenosse. Hier mein Urteil als einer, der im 21 Jahrhundert angekommen ist:

Ich finde, dass man Koeppen sein Joyce-Epigonentum anmerkt. Aber während Joyce unglaubliche lyrische, um nicht zu sagen poetische Qualitäten hat, kommt die Prosa eines Koeppen trocken und schwerfällig daher.

Das Buch wirkt staubig und trostlos. Ich finde nicht, dass es den Sprung in dieses Jahrtausend geschafft hat. Besonders den Handlungsstrang mit der deutschen Carla, die von einem kräftigen Schwarzen Ami-Sportler beschlafen wird, wirkt auf mich plakativ und klischeebeladen. Carla will unbedingt abtreiben, weil sie die Vorstellung nicht mehr ertragen kann, dass dieser Mischlingsbalg in ihrer heranwächst. Ähnliches könnte man sich auch gut in einer heutigen Daily-Soap vorstellen. Natürlich: Koeppen wird nicht trivial, aber in meinen Augen ist seine Literatur nicht nur NICHT im neuen Jahrtausend angekommen, sondern hat schon früher nicht den Sprung in die Nachkriegszeit geschafft. Für mich ist es das Buch eines Miesepeters, der sich im Leben nie wohl gefühlt hat. Koeppen hat in einer Zeit voller Umwälzungen zwar modern geschrieben, aber er hat die verengte Sicht eines vom Leben enttäuschten Greises in alle Winkel getragen.

Deshalb will ich die Aussage von Reich-Ranitzki etwas abwandeln

Wer diesen Roman nicht gelesen hat, der kennt die Trostlosigkeit nicht, die der deutschen Literatur in der Folge von 1945 innewohnte.

Karl May lebt!

Karl May ist am 30. März 1912 gestorben. Nach seinem Tode ging das Urheberrecht für 70 Jahre auf seine Erben über. Es ist danach – also im Jahr 1982 – erloschen. (Wer mehr über das Urheberrecht im Allgem einen nachlesen möchte, der kann das auf der Seite urheberrecht.de tun)

Vielleicht ist dieser Autor inzwischen doch ein wenig aus der Mode gekommen. – Längst in die Jahre gekommen sind ja auch die Karl-May-Filme, die in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts für Furore sorgten. Begonnen hatte dieses Rival 1962 mit dem Schatz im Silbersee unter der Regie von Harald Reinl, und endete dann schon im Jahre 1969 mit Winnetou und Shatterhand im Tal der Toten. Dennoch sind diese (ebenfalls wohl nicht mehr ganz zeitgemäßen) Filme Teil des kollektiven Gedächtnisses einer ganzen Generation geworden, wie die Reiseerzählungen von May. (Die beiden damaligen Hauptdarsteller Pierre Brice und Lex Barker sind ebenfalls inzwischen verstorben, aber in ihnen haben die Hauptfiguren Winnetou und Old Shatterhand eine Heimat gefunden, genau wie damals May’s Reiseerzählungen im Film eine neue Heimat gefunden haben.

Das alles spricht für die Überlebenskräfte, die in Mays Schöpfungen stecken. Deshalb ist es an der Zeit, herauszufinden, in wie weit diese Kräfte ebenfalls ausreichen, um seine Reiseerzählungen in die digitale Welt des 21. Jahrhunderts zu übertragen.

Zu diesem Zweck habe ich die Seite der Karl-May-Gesellschaft besucht. Dort hat man sich redlich Mühe gegeben, Karl May’s Werk auch digital zu verwalten. Auf diese Weise ist ein Sammelsurium von Formaten und Texten entstanden. Dem Ergebnis kann man eine gewisse Vollständigkeit zwar nicht absprachen, aber es ist dabei leider nichts pragmatisch. Die Texte sind weder bezüglich des Formats noch bezüglich der Zeichenkodierung einheitlich.

Klar, es haben sich verschiedene Freiwillige Verdienste erworben, indem sie die May’schen Texte nach philologischen Kriterien online verfügbar gemacht haben. Aber: Bei Texten, die nicht mehr dem Urheberrechte unterworfen sind, wäre ja eine Aufarbeitung denkbar, durch welche die Texte in den gängigen eBook-Formaten (z.B. EPUB ) kostenlos verfügbar gemacht werden könnten. Das ist bei der Karl-May-Gesellschaft zwar im Prinzip erfüllt, allerdings liegen z.B. die Reiseerzählungen im EPUB-Format nicht in einer Qualität vor, die einem normalen Leser genügen würde: Ich sehe zum Beispiel nicht ein, warum ein eBook die Seitenzahlen enthalten muss, wie sie der eingescannten Vorlage entsprechen. Ein solcher Rückgriff auf die Druckfassung ist doch nur etwas für hartgesottene Literaturwissenschaftler, und nichts für normale Leser! Für die Silbentrennungen am Zeilenende gilt dasselbe, und da hilft es auch nicht, wenn die vollständigen Worte im Anschluss noch in eckigen Klammern hinzugefügt werden.

Es ist mit viel Sorgfalt und Liebe gearbeitet worden, und trotzdem sind die Texte auf diese Weise noch lange nicht in der digitalen Welt angekommen. Da ich mich schon seit längerem mit der Produktion von eBooks beschäftige, hab ich hier sofort eine Herausforderung für mich entdeckt.

Was es bei der Produktion von eBooks für Möglichkeiten gibt, darauf will ich an anderer Stelle eingehen. Hier genügt es zunächst, kurz anzudeuten, was ich gemacht habe. Ich habe die Reiseerzählungen konvertiert und dabei als Basisformat Markdown verwendet, und für die Zeichenkodierung UTF-8. Sämtliche Illustrationen und die Titelbilder habe ich weggelassen, ebenso alle Anmerkungen. Dadurch ist alles so einfach geworden, dass es für mich in ein zumutbaren Zeit überhaupt zu erledigen war.

Im Wesentlichen ging es dann nur darum, die bei der Karl-May-Gesellschaft vorliegenden Texte zunächst in Markdown zu übertragen, und dann (mittels Pandoc ) in eBooks. Das habe ich “nur” für die Reiseerzählungen gemacht, insgesamt immerhin 37 Romane.

Mehr wäre nun einfach möglich, wenn man von den Romanen in Markdown-Format ausgeht, und zum Beispiel noch neue und schöne Titelbilder hinzufügt.

So ist am Ende wenigstens eine kleine Bibliothek der Reiseerzählungen von Karl May entstanden, die ich hier noch kurz “verlinke”. Damit wird es nun für denjenigen möglich, der auf Karl May neugierig geworden ist, alle Reiseerzählungen auf einem Lesegerät zu lesen (auch ein Handy wäre möglich), ohne dass beim Karl-May-Verlag die eBooks für 6,99 € pro Stück erst gekauft werden müssen:

Ein sonderbarer Besucher

(Es berichtet Stephan Loiker)

Gestern war ja Silvester. Ich rechne an solchen Tagen nicht mit Überraschungen. Ich nutze sie zur Erholung, und die habe ich auch nötig.

Als es nachmittags an der Tür klingelte, hatte ich sofort ein schlechtes Gefühl.

Draußen stand ein untersetzter Herr, der durchgängig in Grau gekleidet war. Über seinen Bauch spannte sich ein abgewetztes Jacket, an welchem der obersten Knopf fehlte. Über den Lippen hatte er einen Schurrbart, der fettig zu sein schien. Ich glaubte, ein paar Kuchenkrümel darin erkennen zu können.

Er stellt sich mir als Herr Klaus Koblach vor. Er habe sofort Wichtiges mit mir zu bereden. Es sei persönlicher Natur. Er sei mir zwar nicht persönlich bekannt, trotzdem gäbe es zwischen uns eine noch zu erläuternde persönliche Beziehung. Er wolle mir das gerne bei einem Gespräch erläutern.

Der Mann wirkte nicht gefährlich, also ließ ich ihn herein. Etwas trieb mich wohl auch die Neugierde an, so dass ich ihn in einen Sessel lotste und ihm auf sein Verlangen eine Tasse Kaffee machte. Diese stürzte er in sich hinein, als ob er den Durst eines Verdurstenden zu stillen hätte – mit eben dieser Tasse Kaffee.

Das Gespräch mit ihm verlief sonderbar. Er berichtete zwar ein wenig über sich und seine Interessen, aber dabei wurde nicht einmal klar, welchen Beruf er ausübte, und auch der Grund seines Erscheinens blieb im Trüben.

Schließlich sage er, er habe vor kurzem erfahren, ich sei dabei, eine neue Internet-Seite aufzubauen – lyrx.de – und er habe Interesse, daran mitzuarbeiten.

Warum er mir dann nicht einfach eine E-Mail geschrieben hätte, fragte ich ihn.

Das sei nicht möglich, meinte er. Er habe kein Internet und noch nie in seinem Leben eine E-Mail geschrieben. Er könnte das auch gar nicht. Er habe überhaupt und generell kein Interesse am Internet. Trotzdem sei es unumgänglich, dass er sich nun unmittelbar und sofort im Internet selbst äußere, und zwar ausschließlich und exklusiv auf meiner Seite lyrx.de.

Ich wollte natürlich sofort wissen, warum das so sei, bekam aber nur ausweichende Antworten. Diese Frage würde sich sehr bald aus seinen textuellen Beiträgen für meine Webseite von selbst beantworten und erübrigen. Er wolle mir diese Texte künftig immer auf Papier überreichen. Er habe heute schon den ersten Text dabei. Den wolle er mir gleich geben. Das sei nur der Anfang.

Er ließ mir ein paar Seiten da und war nicht mehr lange zu halten. Mir wurde klar, dass er nur gekommen war, um mir sein Geschriebenes zu überlassen. Eine andere Absicht hatte er offenbar nicht, abgesehen davon, dass er mir den wahren Grund seines Besuches auf keinen Fall verraten wollte. Sehr misteriös war das, und so ist es bis heute geblieben.

Nun gut, ich bin ein neugieriger Mensch und habe schon aus diesem Grund ein Interesse daran, zu erfahren, welches Geheimnis sich hinter Klaus Koblach verbirgt. Ich werde seinen Texte hier veröffentlichen, und wir werden sehen, was weiter passiert.

Nächster Eintrag

Illusion einer letzten Liebe

( epub )

“Dann mach es doch wie wir, fahr nach Bulgarien ans Meer.”

Wir waren dort im letzten Jahr und es war rundum zufriedenstellend. Billig und gut organisiert."

Diesen Rat gab mir mein geschiedener Mann André, nachdem ich meine gescheiterten Badeferien in Jugoslawien geschildert hatte.

Das Busunternehmen musste Insolvenz anmelden und ich war gezwungen, schon nach einer Woche wieder abzureisen, obwohl zwei Wochen gebucht waren.

Seltsam, dass ich Andrés Rat gefolgt bin, obwohl ich doch sehr gut wusste, dass er völlig andere Bedürfnisse hat als ich.

Vielleicht war es mit meiner berufsbedingten Erschöpfung zu erklären. Der Lehrerberuf laugt aus und ich war immerhin schon sechsundvierzig Jahre alt.

Die Reisekasse war etwas mager gefüllt und ich wollte ans Meer, schwimmen, lesen und meine Ruhe haben.

Ja, und so nahmen die Dinge ihren Lauf…

„Kamerad Vasov, du weißt, dass du für einen Geheimauftrag in Frankreich ausgebildet wurdest. Seit vier Jahren arbeitest du nun mit französischen Touristen und noch hast du keine Frau gefunden, die bereit ist, dich zu heiraten, damit deine Arbeit in Frankreich beginnen kann!"

Boris Vasov war von seinem Vorgesetzten zu einem Gespräch vorgeladen worden und der Ton war schärfer als bisher.

„Morgen kommt eine neue Gruppe aus Straßburg an.

Wir haben Erkundigungen über eine der alleinreisenden Damen eingeholt.

Sie scheint mir zur idealen Zielgruppe zu gehören:

Sechsundvierzig Jahre alt, Lehrerin in Deutschland, wohnhaft in Straßburg, französische und deutsche Staatsangehörigkeit, zweimal geschieden, jeweils von einem Franzosen. Im Augenblick ohne feste Bindung an einen Partner, ansprechendes Äußeres, einen neunzehnjährigen Sohn, der nicht mehr bei ihr lebt. Studiert neben ihrem Beruf Kunstgeschichte.

Sie entspricht auf ideale Weise dem Profil, das wir uns für unseren Plan vorstellen. Frauen dieses Alters springen leicht an, denn sie spüren, dass ihre sexuelle Attraktivität bald nachlassen wird, die hormonelle Umstellung kündigt sich an. Aber darüber hast du ja während der Ausbildung genügend erfahren. Außerdem ist sie unabhängig und als Beamtin finanziell ideal abgesichert.

Du wirst mit dem Kameraden Sanchev zusammenarbeiten. Dieser beschattet die Dame, um zu sehen, wo du einhaken kannst. Sie heißt übrigens Irmgard Klein."

Boris Vasov spürte, dass dies die letzte Chance war, die ihm gegeben wurde.

Irmgards Tagebuch: 27.Juli 1986

Billigreisen haben ihren Preis.

Wie konnte ich das vergessen!

Kaum angekommen am Sonnenstrand wusste ich, dass ich zu diesem Touristenpublikum in keiner Weise passe. Nun heißt es, das Beste daraus zu machen. Ich hoffe, mit meiner Strandlektüre „Der Mann ohne Eigenschaften" von Musil, das mangelnde Niveau meiner Umgebung etwas ausgleichen zu können. Ich werde täglich sehr viel schwimmen und am Strand marschieren. Im übrigen nehme ich die verschiedenen Ausflugsangebote wahr, die sehr vielseitig sind. Gleich morgen Abend geht es los mit einer nächtlichen Rundfahrt mit dem kleinen Kreuzfahrtschiff.

Boris Tagebuch: 27.Juli 1986

Morgen Abend werde ich die französische Gruppe zum Schiff begleiten. Irmgard hat sich zu dieser nächtlichen Fahrt angemeldet.

Ich muss etwas finden, was sie überrascht und ihr Interesse auf mich lenkt. Den Unterlagen entnehme ich, dass sie sich für Kunst in jeder Form interessiert. Vielleicht gibt mir Sanschev einen Tip.

Diesmal muss es einfach klappen!!

Irmgards Tagebuch: 30.Juli 1986

Ein großer, stattlicher, schwarzbärtiger Mann empfing uns am Bus bei der Fahrt zum Hafen. Er fiel mir sofort ins Auge. Und dann erwähnte er in seinen Begrüßungsworten meinen Lieblingsfilm „E la nave va" von Fellini. Und das vor einem Publikum, das ganz bestimmt noch nie einen Fellinifilm gesehen hat.

Es war, als ab er mich im tiefsten erspürt hätte und nur für mich sprach.

Ich musste ihn unbedingt fragen, wie es kommt, dass er in einem tief dem Kommunismus verschworenen Land einen solchen Film kennen lernen konnte.

Und so war der Funke übergesprungen.

Auf dem Schiff kam er immer wieder zu mir und im Gespräch war eine solch wunderschöne Vertrautheit mit diesem wildfremden Mann.

Wir gingen zum Abschluss noch lange am Strand spazieren. Er ist elf Jahre jünger als ich, hat Filmwissenschaften studiert in Moskau und wartet schon lange darauf, endlich eine Tätigkeit im Filmgeschäft angeboten zu bekommen.

Einstweilen arbeitet er hier und da, im Sommer am Meer, im Winter in Sofia.

Er heißt Boris.

Boris Tagebuch: 30. Juli 1986

Sie hat angebissen!

Sanschev hatte recht mit seinem Rat. Fellini und Hermann Hesse wirkten Wunder.

Nun heißt es langsam und vorsichtig vorgehen. Einige Tage werde ich nichts von mir hören lassen. Dann abendlicher Ausflug nach Nessebar, Meeresromantik, Abschluss in meinem Zimmer, wo ich mit ihr Sex haben werde. Hoffentlich schaffe ich das irgendwie, denn es sagt mir nicht viel, wie meist.

Dann eröffne ich verzweifelt, dass ich für eine Woche zu einer Rundreise aufbrechen muss mit Touristen.

Danach noch zwei Liebesnächte, ehe sie wieder abfliegt.

Irmgards Tagebuch: 2.August 1986

Ich weiß wohl, dass diese Liebesgeschichte alle kitschigen Klischees bedient und ich bin alt genug, um hoffentlich endlich realistisch zu bleiben.

Und doch, möchte ich so gerne ganz einfach dem vertrauen dürfen, was ich tief in mir fühle.

Den Augenblick, in dem er in Nessebar meine Hand nahm, werde ich wohl nie mehr vergessen können. Es war wie ein warmer Strom, der jede Faser meines Wesens durchströmte und dies war unser erster körperlicher Kontakt. Er übte von Anfang an eine sehr starke körperliche Anziehung auf mich aus, so, wie es noch nie war bei einem Mann.

Aber viel wichtiger ist mir diese rätselhafte spontane Vertrautheit, diese geistige Nähe, dieses Gefühl, schon immer mit diesem Menschen verbunden gewesen zu sein.

Seltsam, dass unsere körperliche Vereinigung für mich wenig befriedigend war. Es war , als ob er eine schwierige Arbeit absolvieren müsste und ich kann ihn mit dem besten Willen nicht als guten Liebhaber bezeichnen. Befremdend war auch, wie er plötzlich hervorstieß: „Ich liebe dich!"

Es spielte sich in einem dieser nüchternen, billigen Hotelzimmer ab, das er mit einem Kollegen teilt, der auf Reisen war. Vielleicht hängt es mit der Prägung durch die kommunistische Erziehung zusammen. Sexualität gilt hier ja als ganz und gar nebensächlich.

Aber habe ich in meinem bisherigen Leben die Sexualität nicht immer überbewertet und immer darunter gelitten, dass die tiefere geistige Gemeinschaft fehlte?

Sicher steht es für mich nun an, eine Beziehung zu leben, in der eben nicht das Körperliche dominiert. Das ist sogar gut so.

Nun wird Boris erst zwei Tage vor meinem Abflug wieder hier sein können und noch ist es Zeit, die ganze Sache zu überdenken und nicht den Kopf zu verlieren.

Boris Tagebuch: 13.August 1986

Alles läuft planmäßig.

Nach meiner Rückkehr schaffte es Sanchev, mir ein Luxushotelzimmer zu verschaffen, damit ich Irmgard noch einen bleibenden Eindruck vermitteln kann, was mir hoffentlich auch gelungen ist. Es war hart, denn sie hatte ihre Tage und beim Weggehen sah das Hotelzimmer aus wie ein blutiges Schlachtfeld.

Zum Glück werde ich von Sanchev sehr gut beraten und so gestaltete ich den Abschiedsabend in Irmgards Hotelzimmer.

Ich erklärte ihr wirkungsvoll, dass es für uns verboten ist, auf die Zimmer von Touristinnen zu gehen und es bestehe das Risiko, bei einer systematischen Kontrolle erwischt zu werden.

So fügte ich für Irmgard den Reiz des Verbotenen hinzu und ich selbst erschien im Glorienschein des Helden, der bereit ist, jeder Gefahr zu trotzen, um der geliebten Frau nahe sein zu können.

Im übrigen hielt ich mich ganz zurück mit Aussagen über die Zukunft. Ich ließ nur fallen, dass wir uns bestimmt irgendwann wieder sehen werden.

Über dem Abend hing eine Wolke der wehmütigen Tragik einer unmöglichen Liebe. So war es von mir geplant. Dies ist die ideale Vorbereitung für den Prozess, der nun unweigerlich bei Irmgard beginnen wird.

Der größte Fehler wäre, die Dinge rasch vorantreiben zu wollen. Um eine stabile Basis für die kommende Arbeit zu bekommen, müssen wir die Dinge heranwachsen lassen. Das wurde uns bei den Schulungen immer wieder gesagt.

Sanchev hat mir schon eine kleine Wohnung in Sofia gefunden, denn um alles gemeinsam vorzubereiten, soll ich sofort dorthin übersiedeln. Weitere Schulungskurse sind offensichtlich geplant für mich. Eine spannende Zeit liegt vor mir.

** Irmgards Tagebuch: 28.August 1986 **

Die Erlebnisse in Bulgarien liegen nun schon zwei Wochen zurück.

Kaum angekommen in meinem Straßburger Zuhause überkam mich ein solch quälendes Gefühl des Verlassenseins, dass ich mich auf mein Bett warf und hemmungslos weinte, was sonst ganz und gar nicht mein Stil ist.

Seither empfinde ich mein Leben als unvollkommen ohne diesen Austausch mit einem mir ganz nahen Menschen.

Natürlich appelliere ich an meinen Verstand, der mir sagt, dass das ganze Erlebnis durch die Meeresromantik und die Urlaubsatmosphäre zu erklären ist. Ich bin schließlich kein junges Mädchen mehr und habe inzwischen die Fähigkeit erworben, mit beiden Beinen auf dem Boden der Realitäten zu bleiben.

Aber es nützt nichts, ich möchte einfach ohne diese wunderbare menschliche Nähe nicht mehr weiterleben. Natürlich ist Boris von morgens bis abends und oft auch in der Nacht präsent.

Nun, ich hoffe, dass diese Krankheit bald geheilt wird, denn von Boris habe ich keinerlei Lebenszeichen.

Also, reiß dich zusammen, Irmgard, und mach dich nicht lächerlich!!

Dienstanweisung für den Genossen Vasov:

  1. Kurzes Telegramm an I.K. zu ihrem Geburtstag am 23.11.
  2. Zwei Wochen danach, kurzes Telefongespräch mit Durchgabe der Telefonnummer und der Mitteilung, dass nun ein telefonischer Kontakt möglich ist.

Irmgards Tagebuch: 23.Oktober 1986

Seltsam, diese Mischung von Gefühlen, die das Telegramm von Boris in mir auslöste.

Natürlich, in erster Linie war es eine große, aufwühlende Freude.

Aber gleichzeitig spürte ich ein klein wenig auch ein gewisses Bedauern.

Ich hatte die Geschichte eigentlich schon begraben und lebte im Schmerz und in der Trauer dieses Verlustes. Ich sehnte mich danach, wieder meine innere Ruhe zu finden.

Dieses Telegramm ließ alles wieder aufleben.

Mehr und mehr formt sich in mir der Entschluss, meine nächsten Ferien dazu zu benutzen, Klarheit zu schaffen.

Ich muss ihn wiedersehen, um abzuklären, ob das Ganze nur eine Illusion ist, ausgelöst von der verführerischen Atmosphäre meiner Ferien am Meer. Nur so kann ich meine Ruhe wiederfinden und das Ganze mit Würde begraben.

Im Winter lebt er in Sofia. Keine Sonne, kein Meer, stattdessen Kälte, Schneematsch…

Mit Thomas, meinem zwanzigjährigen Sohn, habe ich bisher nicht über die ganze Sache gesprochen. Er würde sowieso nur lachen über seine verliebte Mutter.

Dagegen verfolgen meine Freundinnen die neue Romanze mit großer Spannung und sind auch jederzeit bereit, gute Ratschläge zu geben.

Leider müssen wichtige Entscheidungen immer ganz allein gefällt werden!

Und nun rief er auch noch an!

Mein Entschluss steht fest, in den Weihnachtsferien fliege ich nach Sofia. Leider gibt es da keine Pauschalreisen und keine Charterflüge und so wird das Ganze ein recht teurer Spaß werden. Aber ich spüre, es muss sein. Kein Preis ist zu hoch, um wieder zum inneren Frieden zurückkehren zu können!!

Dienstanweisung für Genosse Vasov: 10.11.1986

  1. Übernachtung mit I.K. im Hotel unter Hinweis auf die Bereitschaft, sich dem Risiko auszusetzen, bei einer Kontrolle gefasst zu werden.
  2. Drei Nächte werden in Vasovs Wohnung verbracht ,angeblich verbotenerweise.
  3. Drei Konzertbesuche
  4. Ausflug ins Rilakloster
  5. Heiratsantrag in der Weihnachtsnacht nach dem Besuch des Weihnachtsgottesdienstes.
  6. Immer wieder Hinweise auf das Risiko, das Vasov eingeht. Kontakte mit Westpersonen werden überwacht.
  7. Gespräche über seine angebliche feindliche Einstellung zur Partei nur im Freien.
  8. Aus psychologischer Sicht wird dies für die Frau eine unfehlbare Wirkung haben.

Boris Tagebuch: 27.August 1986

Schon mehrmals hatte ich Kontakte mit Touristinnen mit dem Ziel, durch ein Heirat nach Frankreich zu kommen.

Immer scheiterte es daran, dass die wesentliche Maxime nicht erfüllt war. Es ist unumgänglich, dass ich eine gewisse Zuneigung zu der Person hege, die es mir ermöglicht, die schwierige Mission durchzuführen. Allerdings muss diese Zuneigung immer unter Kontrolle bleiben und darf in keinem Fall die Oberhand gewinnen.

Deshalb wird der Kontakt mit meinem begleitenden Genossen, Sanchev, noch enger werden. Ich bin verpflichtet, allen seinen Anweisungen bis ins kleinste Detail zu folgen. Außerdem weiß ich, dass ich in meinen täglichen Rapporten nicht die kleinste Einzelheit verschweigen darf.

Er ist sehr optimistisch, denn er meint, wenn ich bei Irmgards Weihnachtsbesuch psychologisch subtil vorgehe, dann wird sie im Netz ihrer weiblichen Gefühle gefangen sein.

Das Schwierigste wird für mich sein, den täglichen Beischlaf zu absolvieren. Immer noch ist mir rätselhaft, warum ich dazu so wenig Lust habe mit allen Frauen.

Allerdings wurde uns von klein auf in allen Schulungen beigebracht, dass dieser Bereich des Lebens nur einen Stellenwert hat, wenn er zur Zeugung von Nachkommen notwendig wird, oder zu politischen Zwecken. Dies habe ich wohl tief verinnerlicht, anders kann ich es mir nicht erklären. Nun, wenn ich meine gleichaltrigen Kameraden beobachte, dann stelle ich fest, dass meine Veranlagung durchaus auch Vorteile hat.

So wird der einwöchige Aufenthalt von Irmgard also gemeinsam mit Sanchev bis ins kleinste Detail geplant. Die ganze Sache ist aufregend und spannend für mich. Meine Magenschmerzen plagen mich wieder.

Ausarbeitung eines Profils für Boris Vasov für den Einsatz beim Klassenfeind:

  • Beschreibung der Ausbildung, die ihn für eine Frau geheimnisvoll und interessant macht:
  • Besuch eines französischen Gymnasiums bis zum Abitur, so erklären sich die ausgezeichneten französischen Sprachkenntnise.
  • Studium an der Hochschule für Filmwissenschaften in Moskau
  • Diplomarbeit konnte wegen eines Konflikts mit dem begleitenden Professor nicht abgeschlossen werden. Dies soll nach der Eheschließung nachgeholt werden, um bessere Berufschancen in Frankreich zu haben. Dadurch können die regelmäßigen Schulungsaufenthalte in Moskau erklärt werden, ebenso die Beschäftigung mir schriftlichen Arbeiten zu Hause. ( Vasov muss sich verpflichten, täglich einen Kurzbericht über alle Beobachtungen in seiner Umgebung in Frankreich zu schreiben.)
  • Kurz nach der Bekanntschaft mit Irmgard K. bekommt Vasov eine Tätigkeit bei der Filmakademie in Sofia. Sanchev kann problemlos als sein Vorgesetzter vorgestellt werden.

Innerlich Gegner des kommunistischen Systems, unter dem er sehr leidet.

(Irmgard K. kann ihn davon erlösen)

Eheschließung mit einer russischen Genossin

-Kurz vor dem Abitur Besuch bei der Witwe von Romain Roland in Paris und im von ihr gegründeten Jugendzentrum in Veseley. ( So kann eine gewisse Vertrautheit mit französischen Verhältnissen erklärt werden.) – Einige Genossinnen und Genossen werden als Freunde vorgestellt. ( Liste liegt bei ) – Besuch bei seinen Eltern erst nachdem die Genehmigung zur Eheschließung schriftlich vorliegt. – Beruf des Vaters und der Mutter muss nicht geändert werden.

Irmgards Tagebuch: 30.Dezember 1986

Diese eine Woche in Sofia hat mich tief aufgewühlt.

Noch nie habe ich mich mit einem Mann so eins gefühlt. Dieses Gefühl der Vertrautheit ist etwas Wunderbares. Auf diesen Mann habe ich in meinem ganzen bisherigen Leben gewartet.

Boris vertraute mir an, wie unglücklich er sich in den Zwängen dieses politischen Systems fühlt. Dabei spürte ich, wie er sich ständig beobachtet und bedroht fühlt. Nur im Freien, wenn keine anderen Menschen in Sicht waren, wagte er es, über diese Dinge zu sprechen.

An Weihnachten spürte ich seine tiefe Sehnsucht, etwas über religiöse Dinge zu erfahren und seine Revolte darüber, dass man ihm dies vorenthalten hatte.

Wir besuchten gemeinsam den orthodoxen Gottesdienst in der wunderschönen Kathedrale von Sofia… es war eine tiefe Gemeinsamkeit zwischen uns.

An Weihnachten wollte Boris unbedingt, dass wir diese Tage in seiner kleinen Wohnung verbringen und es war wichtig für mich, seine persönliche Umgebung kennen zu lernen.

Er hat ein großes Zimmer in der Wohnung der Witwe eines Popen, die aber seltsamerweise nie da war. Er kann Küche und Bad mitbenutzen. Eigentlich hätte ich angemeldet werden müssen bei der Hausverwalterin und auf einem städtischen Amt, aber Boris zog es vor, mich heimlich heraus -und herein zu schleusen. So lebten wir also auch hier mit dem Geschmack des Verbotenen.

Wir redeten viel, machten kleine Mahlzeiten gemeinsam, liebten uns und gingen aus, ins Restaurant und mehrmals in Konzerte.

Einmal stellte mir Boris einen seiner Freunde vor, einen Wissenschaftler, der in der Forschung tätig ist. Er wohnt in unbeschreiblich primitiven Verhältnissen und alles wirkt sehr armselig.

Wissenschaftler seien sehr sehr schlecht bezahlt. Die Reichen sind zum Beispiel Taxifahrer und Kellner, weil sie von Touristen Devisen bekommen können. Diese Begegnung hat mich tief beeindruckt. Der Mann wirkte auch sehr unglücklich und schien Alkoholprobleme zu haben.

Für mich war es ein zwiespältiges Gefühl, hier als die privilegierte Frau aus dem kapitalistischen Westen aufzutreten. Einerseits wurde ich mir meiner Privilegien voll und ganz bewusst, andererseits fühlte ich mich in den menschlichen Kontakten unbehaglich.

Diese eine Woche war so reich an inneren und äußeren Erlebnissen, dass sie mir sehr lang erschien.

Aber das Entscheidende geschah in der Weihnachtsnacht!

Boris fragte mich, ob ich ihn heiraten wolle.

(Warum er sich wohl danach so schlecht fühlte und ein Beruhigungsmittel einnehmen musste, das ihn völlig außer Gefecht setzte?)

Jeder Außenstehende würde sagen, dass er natürlich nur in den Westen ausbrechen möchte.

Seltsam, für mich besteht gar kein Zweifel, dass es ihm in erster Linie darum geht, mit mir zu leben. Diese Sicherheit entstand in dieser Woche des engen Zusammenseins.

Es ist so, nur durch eine Eheschließung können wir zusammen kommen. Sogar Besuche von ihm sind nicht möglich, da er, wie er mir erklärte, im Augenblick aus innerparteilichen Gründen nicht in den Westen reisen darf.

So stehe ich nun vor einer riesigen Entscheidung. Eine erneute Eheschließung stand für mich bisher nicht zur Debatte. Ich bat deshalb natürlich um eine Bedenkzeit bis zu meinem Besuch an Ostern.

Bin ich zu einer solchen Veränderung fähig und bereit?

Wir werden uns vorher nur durch meine Besuche in Bulgarien kennen lernen können und ich bin realistisch genug, um zu wissen, welches Risiko ich eingehen würde.

Ich brauche Zeit, um diesen Entschluss in mir heranreifen zu lassen.

Im Augenblick überwiegt das Glücksgefühl, dass mir diese wunderbare Begegnung geschenkt wurde!

Dienstbericht von Boris Vasov: 2.Januar 1987

Das vorgegebene Programm konnte vorschriftsmäßig abgewickelt werden.

Irmgard Klein schien glücklich und blind vor Verliebtheit.

Sehr günstig wirkte sich die Mischung von kulturellem Programm, intimen Liebesstunden und der Würze von Risiko und Gefahr aus.

Sie glaubte alles, schien aber von dem so plötzlichen Heiratsantrag etwas überrumpelt zu sein.

Allerdings schien es in keiner Weise so, dass sie Verdacht schöpfte.

Sie erbat sich Bedenkzeit, wie erwartet.

Ob die Antwort positiv ausfallen wird, ist nicht ganz sicher. Sie scheint eher negative Eheerfahrungen hinter sich zu haben.

An Ostern hat sie vor, einen erneuten Besuch zu machen in Sofia, bis dahin möchte sie sich entschieden haben.

Irmgards Tagebuch: 3.März 1987

Ich lebe mit Boris, auch wenn er räumlich so fern ist. Er ist präsent bei allem, was ich lebe und in meinen Briefen lasse ich ihn daran teilhaben.

Er selbst schreibt nicht, das hat er mir schon angekündigt. Er sei dafür nicht sehr begabt.

Dafür telefoniert er ab und zu, allerdings immer nur kurz, da seine finanziellen Möglichkeiten beschränkt sind. Nun, meine Telefonrechnung hat sich inzwischen auch vervierfacht. Es ist wie ein Lebenselixier, wenn ich seine Stimme höre und die Zeit verfliegt dann wie im Flug.

Unablässig kreist in meinem Kopf die Frage, ob ich das Risiko dieser Eheschließung eingehen soll und kann. Ich versuche, mir diese veränderte Lebensform in jeder Einzelheit vorzustellen.

Werde ich es nicht immer bedauern, wenn ich nicht den Mut zu dieser Ehe finde?

Werde ich mich nicht immer nach dieser wunderbaren Harmonie der Zweisamkeit sehnen, die ich dann verloren habe?

So lange habe ich mich nach einem solchen Gleichklang gesehnt und in all den vielen Beziehungen konnte ich dies nie finden!

Es ist Februar und bis zu meiner Reise nach Sofia im April muss ich mich entschieden haben.

Zum Glück konnte ich ein Pauschalreiseangebot von Brüssel aus finden.

Dienstbericht von Boris Vasov: 4.Mai 1987

Wie vorgeschrieben reduzierte ich die Zeit, die ich mit I. K. verbrachte auf ein Minimum während ihres Osterbesuchs in Sofia.

Angegebener Grund dafür: Tätigkeit als Übersetzer beim Besuch einer russischen Delegation aus der Filmbranche.

I.K. akzeptierte dies ohne jede Klage und verbrachte ihre Zeit mit dem Besuch der zahlreichen Museen in Sofia. Sie schien sehr autonom.

Sogar als sie, die von mir angekündigte Fernsehübertragung des Empfangs bei Shivkov sah, schöpfte sie, wie vorhergesehen keinerlei Verdacht, obwohl der oberste Genosse mir sogar die Hand schüttelte.

Der Gottesdienst in der Osternacht in der Kathedrale verfehlte seine Wirkung nicht. Ich zeigte mich als sehr religiös orientierter Mensch, der verbittert ist, über die Einstellung des Regimes zur orthodoxen Kirche.

I.K. teilte mir schließlich mit, dass sie sich entschlossen habe, meinen Heiratsantrag anzunehmen.

Die Liste der zu besorgenden Papiere gab ich ihr vor ihrer Abreise mit.

Irmgards Tagebuch: 20.Februar 1987

Noch vor meinem Abflug nach Sofia stand mein Entschluss fest.

Ich werde diese Ehe wagen, um dieser, für mich einzigartigen Liebe, eine Chance zu geben.

Es wäre nur Angst, die mich zurückhalten könnte und Angst ist ein schlechter Ratgeber!

Wie schön war es doch, als Boris in der Bar des Hotels auftauchte, mit einer Rose in der Hand!

Leider konnte er in diesen zwei Wochen nur sehr wenig Zeit mit mir verbringen, da er endlich Arbeit im Filmgeschäft gefunden hat, was ihn sichtlich glücklich macht. Er musste sich einer Gruppe russischer Cineasten widmen, und bei einer Tagung als Übersetzer fungieren.

(Ich konnte ihn sogar im Fernsehen bei einem Empfang bei Shivkov sehen, der ihm die Hand schüttelte.)

Da ich fühlte, wie gut ihm dies tat, schluckte ich meine Enttäuschung hinunter und verbrachte meine Tage in den Museen von Sofia. Es regnete fast ständig und so war dies der angenehmste Aufenthaltsort. Restaurants und Cafes sind leider nicht sehr erfreulich, da sich das Publikum vorwiegend aus der arbeitenden Klasse zusammensetzt zu dem ich nicht sehr gut passte.

Aber die Abende und Nächte gehörten uns und die Vorfreude darauf begleitet mich den ganzen Tag.

Zwei ganze Tage konnte er sich frei machen, und wir machten Ausflüge in die Umgebung mit dem klapprigen Auto, das ihm sein Vater ausgeliehen hatte.

Ein tiefes Erlebnis war für mich der Gottesdienst in der Osternacht, zu dem Boris mit viel Mühe eine Eintrittserlaubnis bekommen konnte. Eigentlich haben nur geladene Gäste Zutritt.

Diese Stunden gemeinsam erleben zu können schaffte zwischen uns eine ganz neue, tiefe Verbundenheit.

Der Patriarch, oberster kirchlicher Würdenträger war da und er reichte uns allen die Christusikone zum Kuss. Dabei passierte etwas ganz Seltsames. Als die Reihe an mir war, flüsterte er mir zu: „Vous êtes francaise?" Es klang so, als wolle er mir eine heimliche Botschaft zukommen lassen.

Boris schien nicht sehr überrascht zu sein, dass ich mich zu dem Wagnis einer Ehe entschlossen habe. Obwohl er nun eine so befriedigende Tätigkeit im Filmgeschäft gefunden hat, ist er nach wie vor entschlossen, es zu versuchen, in Frankreich beruflich Fuß zu fassen. Dies ist auch für ihn ein Risiko. Aber wir haben beide die Gewissheit, dass uns die Verbundenheit in einem gemeinsamen Leben die Kraft geben wird, um Hindernisse zu überwinden.

Es schmerzt mich sehr, dass ich den starken Wunsch von Boris nach einem gemeinsamen Kind in meinem Alter nicht mehr erfüllen kann. Noch nie hatte einer meiner Partner diesen Wunsch und nun ist es zu spät! Wie schön wäre es gewesen, ein gemeinsam erwünschtes Kind zu haben.

Sofort nach meiner Rückkehr werde ich die notwendigen Schritte tun. Es wird ein aufwendiger Papierkrieg werden. Die größte Hürde scheint zu sein, von den bulgarischen Behörden die Erlaubnis zur Eheschließung mit einer Frau aus dem kapitalistischen Ausland zu bekommen.

Unser Ziel ist, dass wir an Weihnachten in Sofia heiraten.

Boris Tagebuch: 2. Dezember 1987

Manchmal wird mir bewusst, auf welches Abenteuer mich meine Vorgesetzten schicken.

Ich muss einfach einen Schritt nach dem anderen tun, so wie mir Sanchev immer wieder rät.

Ich habe großes Glück, denn er ist ein sehr guter Begleiter mit einer großen Erfahrung.

Wir haben Marina Armianova, als weibliche Begleitung zugeteilt bekommen und Irmgard hat sowohl Sanchev als auch Marina voll und ganz akzeptiert. Sanchev wurde als mein Chef in der Filmakademie vorgestellt und Marina als eine Schulkameradin aus Plovdiv.

Außerdem stellte ich ihr Irena vor, die inzwischen mit ihrem Schweizer Ehemann in Zürich lebt und von dort aus ihre Dienstberichte schreibt.

Irmgard besuchte die beiden sogar dort und war begeistert von dieser bulgarisch-schweizerischen“Liebesidylle”.

Es ist schon eindrucksvoll, wie blind eine verliebte Frau sein kann!

Nun sind alle Papiere bereit und Irmgard hat auch schon die 10 000 französichen Francs bezahlt, die angeblich nötig sind, um dem bulgarischen Staat die Kosten meiner Ausbildung zurückzuerstatten. Auch das hat sie bereitwillig geschluckt.

Ich werde nun versuchen, eine romantische Hochzeitsfeier zu organisieren.

Wie vereinbart, sind meine Eltern in keinerlei Einzelheiten meiner Mission eingeweiht worden. Sie wissen sehr gut, dass ich für das Regime arbeite, tun aber so, als seien sie ahnungslos. Manchmal denke ich, dass sie die Realitäten verdrängt haben.

Ich konnte Irmgard dazu überreden, ihr wahres Alter vor meinen Eltern zu verheimlichen und so ist sie einfach 37 Jahre alt, damit meine Mutter weiter davon träumen kann, irgendwann einmal Enkelkinder in ihre Arme schließen zu können.

Es fällt ihr sehr schwer, den einzigen Sohn so weit wegziehen zu lassen.

Um diese bittere Pille etwas zu versüßen, durften die beiden in diesem Sommer eine Kreuzfahrt bis an die Côte d’Azur machen. Ich denke, dass ihnen dadurch schon klar wurde, welche Privilegien sie durch die Tätigkeit ihres Sohnes haben. Wir sprechen natürlich nie darüber, das ist Dienstpflicht.

Irmgards Tagebuch: 6.12.1987

Die letzten Wochen und Monate waren so ausgefüllt mit den endlosen Behördengängen, um die vielen Papiere zu besorgen, die der bulgarische Staat fordert, bevor er eine Heiratsgenehmigung erteilt. Dazu kam, dass ich in all meinen Ferien nach Bulgarien reiste, um Boris vor der Eheschließung doch noch ein wenig besser kennen zu lernen.

Nach und nach konnte ich mir die teuren Flugreisen nicht mehr leisten und ich fand heraus, dass es eine Bahnverbindung gibt, München – Istanbul, das war noch einigermaßen erschwinglich und so ging ich eben zu dieser weit weniger angenehmen Reiseform über. Es bedeutete nämlich, jedes Mal zwei Nächte im Liegewagen zu verbringen umgeben von türkischen Familien, die mit der Bahn reisten, weil sie Bügelbretter und ähnliches in ihr Heimatland schaffen wollten.

Ich bekam dabei interessante Einblicke in die Strukturen des türkischen Familienlebens. Mit starken Schlafmitteln schaffte ich es, trotz alldem zu schlafen.

Seltsam, in diesen Zügen tauchte nur einmal ein Fahrkartenkontrolleur auf, der auch versprach, Bettwäsche und Decken zu bringen. Dies geschah aber nie und später war niemand mehr für diese Dinge zuständig, sodass ich mich eben notdürftig mit den mir zur Verfügung stehenden Kleidungsstücken zudeckte. Auch die Toiletten waren nach einem Drittel der Reise verstopft und verdreckt.

Mir konnte dies alles nichts anhaben, denn ich schwebte in den Sphären der Verliebtheit.

Für mich zählte nur eins, am Bahnhof von Sofia stand um 0.27 Uhr mein schöner stattlicher Boris und nahm mich in seine Arme.

Stuttgart, den 10.12.1987

Lieber Christian,

du schreibst mir, wie aufgebracht du über die Heiratspläne unserer Schwester Irmgard bist.

Natürlich scheint dies eine sehr riskante Sache zu sein, dessen ist sich Irmgard auch voll und ganz bewusst.

Vielleicht aber habe ich Irmgard ein wenig intensiver begleitet in den letzten Jahren und konnte so ihre innere Entwicklung verfolgen.

Sie hat viele Jahre des Alleinlebens hinter sich in denen sie an sich gearbeitet hat und sehr viel reifer wurde.

Sie hat sich diese Entscheidung zu einer Eheschließung in Bulgarien nicht leicht gemacht und weiß sehr wohl, die meisten Leute denken, dass dieser Mann sie nur benützt, um aus den Zwängen eines kommunistischen Landes zu entfliehen.

Nun, ich respektiere und bewundere, dass sie den Mut hat, trotz alldem, ihrer inneren Stimme zu folgen und dieses Risiko einzugehen.

Ich habe deshalb beschlossen, in den Weihnachtsferien nach Sofia zu fahren, um ihrer Hochzeit beizuwohnen, als einziges Familienmitglied.

Irmgard war schon immer diejenige in unserer Familie, die sehr anders ist.

Anstatt dich ständig an dieser Andersartigkeit zu stoßen, könntest du dich doch auch an dem frischen Wind freuen, den sie in unsere gefühlsarme Familie bringt. Ich jedenfalls sehe es so und freue mich auf dieses so ganz andersartige Hochzeitsfest.

Herzlich Grüße

deine Schwester Ursula

Irmgards Tagebuch 15.12.1987

Nun rückt der große Tag immer näher und ich bin mit der Strategie meiner „Hochzeitsferien" beschäftigt.

Das Ganze ist nämlich äußerst riskant, da ich die zwei Wochen Ferien auf drei verlängern will. Ich möchte mit Boris unbedingt eine Woche ans Meer nach der Hochzeit als kleine Hochzeitsreise, da er ja danach nicht sofort mit mir hierher nach Hause kommen kann. Er muss noch auf das Visum zum ständigen Aufenthalt in Frankreich warten. Niemand kann uns sagen, wie lange das dauern wird.

Ich habe mir nun einen Plan zurechtgelegt, der eigentlich klappen müsste, wenn ich bereit bin ein gewisses Risiko einzugehen.

Ich werde mich wegen eines Stimmausfalls vom Arzt für eine Woche krank schreiben lassen.

Für die Reise bis Karlsruhe trage ich eine dunkle Perücke und eine andere Brille.

Nach Karlsruhe lege ich diese Verkleidungen in der Toilette ab und fahre wieder mit dem Zug München – Istanbul nach Sofia.

Meine Finanzen sind so geschrumpft, dass ich mir kein neues Kleid für die Hochzeit leisten werde. Mein rotes vom letzten Jahr passt sehr gut und Lilian leiht mir ihr schwarzes Pillenhütchen mit Gesichtsschleier dazu. Sie wollte mir unbedingt noch ihren Fuchspelzmantel dazuleihen, aber das ist für Bulgarien nun wirklich eine Nummer zu groß.

Ursula wird als einzige von der Familie dabei sein, als meine große Schwester.

Mein Sohn Thomas reagierte sehr gelassen als ich ihm die Neuigkeit endlich eröffnete. Er meinte: „Ich bin überzeugt, dass es von dir ein Irrtum ist, aber ich bewundere dich dass du konsequent dem folgst, was du als für dich richtig entschieden hast."

Er kann nicht zur Hochzeit kommen, da er zu dem Zeitpunkt eine wichtige Fortbildung hat.

Das löst auch ein großes Problem, denn seine Gegenwart hätte bei der Familie von Boris einige Zweifel an meinem angeblichen Alter aufkommen lassen.

Der große Tag kann also kommen.

Stuttgart, den 08.01.1988

Liebe Mutter,

nun bin ich also zurück aus Sofia und die Erlebnisse in Bulgarien haben mich tief beeindruckt.

Du hast mir ja die Reise geschenkt, da du selbst nicht dabei sein konntest und ich danke dir noch einmal ganz herzlich dafür.

Ich will versuchen, dir so genau wie möglich von allem zu berichten, was ich in diesen zwei Wochen erlebt habe.

Nach der langen Bahnfahrt war es schön, am Bahnhof von Sofia Boris zu entdecken, der mich mit einem kleinen Blumenstrauß erwartete. Nach Irmgards Beschreibung erkannte ich ihn sofort und sein warmherziger Empfang ließ mich alle Strapazen der Reise vergessen. Ich fühlte mich sofort wohl mit ihm und die Verständigung auf Englisch ging auch ganz gut.

In einem alten, für unsere Begriffe schrottreifen Auto, fuhr er mich zu meinem Quartier. Ich wohnte im Haus einer Schulfreundin von Boris, die sehr viel Platz hat, obwohl sie allein wohnt. Ich hatte ein wunderschönes Gastzimmer. Auch sonst war aller Komfort vorhanden, von der Zentralheizung bis zum schönen Badezimmer. Marina war eine liebenswürdige Gastgeberin und nach einem kleinen Imbiss sank ich gegen 2 Uhr nachts erschöpft ins Bett.

Am nächsten Morgen holte mich Boris mit Irmgard zusammen ab, denn wir mussten mich noch auf einer Art Einwohnermeldeamt registrieren lassen. Dies bedeutete endloses Schlangestehen. So konnte ich hautnah erleben, was ja bekanntlich den Alltag in den kommunistischen Ländern prägt.

Danach fuhren wir ins Hotel im Stadtzentrum, wo Boris eine Suite gemietet hatte. Abends sollten ja die Eltern, Verwandten und Freunde von auswärts eintreffen und wir wollten dann im Salon der Suite etwas zusammensitzen.

Irmgard wirkte angespannt und hatte einiges an Gewicht verloren. Die ganze Sache ist ja auch sehr aufregend für sie.

Boris Eltern haben mich sehr beeindruckt. Sein Vater war Kinderarzt und seine Mutter Kindergärtnerin. Sie wirkten beide etwas traurig. Ich weiß ja, dass auch sie nicht sehr froh über diese Eheschließung sind und sie bemühten sich sichtlich ihre Gefühle nicht allzu sehr zu zeigen. Außerdem fiel mir eine gewisse demütige Haltung auf. Das Wissen, dass sich der Einzelne dem Willen des Staatsapparates zu unterwerfen hat, hinterlässt ganz sicher seine Spuren.

Es fiel mir auf, dass alle irgendwelche anspruchsvollen Hochschulabschlüsse hatten, aber ganz und gar nicht so wirkten, wie bei uns die Akademiker. Nun, ich bin in Bulgarien schließlich in einem „Arbeiter -und Bauernstaat“!

Die meisten konnten ein wenig Englisch und so konnte ich mich recht und schlecht verständigen mit viel Mimik und Gestik.

Mehr und mehr verstehe ich Irmgard, denn Boris ist in jeder Hinsicht ein liebenswerter Mensch und so wie ich ihn erlebte, wirkte er lebenstüchtig und anpassungsfähig. Er hat einen so liebenswerten Charme und mit all seinen vielseitigen Begabungen sollte er eigentlich ohne allzu große Schwierigkeiten seinen beruflichen Platz in Frankreich finden.

Obwohl ich das meiste bei unseren Gesprächen an diesem Abend nicht verstehen konnte, so nahm ich doch sehr vieles wahr, was mir vielleicht sonst entgangen wäre.

Boris war der Führende in den Unterhaltungen und natürlich spielte der Wodka eine nicht unwichtige Rolle. Alle wurden dadurch etwas lebhafter und ein gewisses Unbehagen konnte übertüncht werden. Irmgard war sehr ruhig und in sich gekehrt und ich versuchte mir vorzustellen, wie es wohl in ihr aussah.

Aber nun muss ich dir den Hochzeitstag beschreiben.

Wir waren eine Hochzeitsgesellschaft von etwa 25 Personen. Einige Verwandte und nahe Freunde von Boris.

Die Trauungszeremonie war ja nicht kirchlich, aber das ganze Ritual hatte einige Elemente vom orthodoxen Hochzeitsritus übernommen. Es wurden Kränze über das Haupt des Paares gehalten, sie tranken symbolisch aus einem Glas, das sie sich gegenseitig reichten, tauschten die Ringe und noch einiges mehr. Im Hintergrund saß ein Chor und einige Geiger, die in den entscheidenden Momenten einsetzten.

Für mich war das Ganze sehr bewegend und ich musste an Irmgards Sehnsucht nach der großen Liebe denken, die sie nun in diesem für uns so fremdartigen Land gefunden hat.

Ich wünsche ihr ja so sehr, dass alles gut gehen möge.

Danach tafelten wir in einem der schönsten Hotels von Sofia und ich war von der Wärme und Herzlichkeit all dieser Menschen sehr beeindruckt.

In Bulgarien trinkt man nie so einfach allein für sich, sondern jedes Mal, wenn man das Glas erhebt, wird auch ein Trinkspruch ausgesprochen, der dann wieder alle in diesem Gedanken vereint. Ich fand dies sehr schön und es drückt für mich aus, wie sehr die Gemeinschaft wichtig ist. Einmal stand Boris Vater feierlich auf und erklärte, dass wir nun alle auf das Wohl von Irmgards Mutter in Stuttgart trinken wollen.

So wurdest auch du einbezogen in diese Feier.

Am nächsten Morgen starteten wir mit dem alten Lada nach Varna, wo für eine Woche Zimmer für uns gebucht waren.

Wir wollten am ersten Tag bis Tarnovo fahren, wo wir bei einem Freund von Boris eingeladen waren.

Natürlich war es mir etwas unangenehm, mit einem frisch verheirateten Paar in die Flitterwochen zu reisen, aber Boris schien sich an meiner Gesellschaft zu freuen und ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, ihn zu stören. Irmgard meinte, dass es für sie so wichtig war, wenigstens eine Person aus ihrer Familie dabei zu haben, so dass diese Reise nun eben in dieser Form dazu gehörte.

Den Silvesterabend sollten wir bei der Familie eines Onkels von Boris in Varna verbringen. Boris Eltern wollten auch dazu kommen.

Wie überrascht waren wir, als wir bei unserer Ankunft keinerlei Festvorbereitungen bemerkten.

Erst so nach und nach wurde ein kleiner Baum geschmückt, der Tisch gedeckt, Brotteig geknetet und so weiter.

Eigentlich war das sehr schön, so den Abend gemeinsam zu gestalten. Ich versuchte mir vorzustellen, wie meine deutschen Gäste reagieren würden, wenn ich es auch einmal auf diese Art probieren würde. Es wurde dann noch ein sehr fröhlicher Abend mit vielen Trinksprüchen.

Im übrigen war es schon eine etwas seltsame Woche, die ich mit den Jungverheirateten in fast ganz leeren Hotels verbrachte. Aus unerklärlichen Gründen mussten wir mehrmals die Zimmer wechseln, aber ich habe mich schon daran gewöhnt, dass in diesen kommunistischen Ländern manches unerklärlich bleibt.

Boris schien es nicht im geringsten zu stören, dass er tagsüber eigentlich nie allein mit Irmgard sein konnte. Er hatte immer irgendein Programm mit Freunden von ihm, was mir manchmal fast zu viel wurde.

Sogar am letzten Abend in Sofia wollte er unbedingt noch zu einem befreundeten Ehepaar mit Irmgard, die diesen Abschiedsabend viel lieber mit ihm allein verbracht hätte.

Es fiel ihr sehr sehr schwer, sich am nächsten Morgen am Bahnhof von Sofia von Boris zu trennen auf unbestimmte Zeit, da er wegen seiner Doktorarbeit in den nächsten Monaten nach Moskau muss und beide wissen nicht, wann das französische Visum endlich seinen Umzug nach Straßburg ermöglichen wird. Sie bemühte sich, ihre Tränen zurückzuhalten beim Abschied, während Boris viel weniger darunter zu leiden schien.

Ein großes Problem lag noch vor uns auf dieser Bahnfahrt.

Meine Aufenthaltsgenehmigung für Bulgarien war um einige Tage abgelaufen und wir konnten sie nicht mehr verlängern, da das Büro in Sofia geschlossen war. Boris gab uns einen Schrieb mit, der dies alles erklären sollte, aber ich war schon sehr unruhig, da ich wusste, wie unberechenbar die kommunistischen Behörden sein können.

Seltsam war dann aber, dass der Beamte nur einen kurzen Blick auf das Schreiben von Boris warf ohne es ganz zu lesen. Er bedeutete uns sofort, dass alles in Ordnung sei.

Ja, liebe Mutter, nun hoffe ich, dass du dich auch, wie ich, am Glück von Irmgard freuen kannst. Hättest du die menschliche Wärme und Herzlichkeit dieser bulgarischen Familie erleben und spüren können, so wären viele deiner Bedenken verschwunden.

Sicher kannst du Boris bald selbst kennen lernen.

Viele liebe Grüße

deine Ursula

Boris Tagebuch 15.01.1988

Zum Glück ist diese anstrengende Hochzeit vorbei und auch die sogenannte Hochzeitsreise, bei der Irmgard natürlich erwartete einen zärtlich verliebten Ehemann bei sich zu haben. Zum Glück schaffte ich es, trotz meiner großen Erschöpfung, dies in der Hochzeitsnacht einigermaßen zufriedenstellend zu spielen. Bei der anschließenden Reise hatte ich einfach Lust, die Gelegenheit zu ergreifen, einige Freunde wieder zu sehen und da nun das Schwierigste geschafft und die Eheschließung unter Dach und Fach war, hatte ich keine Lust mehr, jede Nacht die ehelichen Pflichten zu absolvieren. Irmgard schien dadurch etwas enttäuscht zu sein.

Sanchev betont immer, dass ich jetzt, nach der Hochzeit, die subtile Aufgabe habe, den Ablösungsprozess vorzubereiten, in winzigen, zunächst unmerklichen Schritten.

Allerdings so, dass Irmgards Liebe bis zum Schluss erhalten bleibt. Das ist eine sehr schwierige Aufgabe und Sanchev wird mich zum Glück intensiv begleiten.

Es ist für mich nicht immer ganz leicht, denn ich mag Irmgard ja recht gern und muss immer wieder aufpassen, nicht in irgendwelche störenden Gefühle hineinzuschlittern.

Ein schwieriger Augenblick war in dieser Hinsicht, der Abschied auf dem Bahnhof von Sofia. Irmgards Tränen rührten mich.

Ich werde nun einige Monate zu Schulungen nach Moskau geschickt. So wird der Kontakt zu Irmgard nur sehr sporadisch stattfinden können. Dadurch. kann ich wieder den nötigen Abstand gewinnen.

Irmgards Tagebuch 15.01.1988

Wie seltsam, nun lebe ich wie eh und je hier in Straßburg als alleinstehende Frau, und bin doch inzwischen verheiratet, um den Mann, den ich liebe, in meiner Nähe haben zu können. Er aber ist nach wie vor weit weg, ja sogar noch weiter entfernt, in Moskau, um endlich seine Doktorarbeit fertig zu machen. Ich kann ihn also nicht einmal abends anrufen, wenn mir danach ist, sondern muss auf die mehr als seltenen Anrufe warten.

Er scheint darunter viel weniger zu leiden als ich. Im Gegenteil, ich habe den Eindruck, dass er sehr gerne dort in Moskau ist.

Für die Osterferien plane ich keine Reise nach Bulgarien, denn ich hoffe, dass Boris bis dahin längst hier ist. Es wäre finanziell auch schwierig, denn die Hochzeit mit allem Drum und Dran hat meine letzten Reserven verschlungen.

Es gibt Augenblicke, in denen ich Angst vor meinem eigenen Mut bekomme. Dann fällt mir der Zwischenfall auf der Fahrt nach Varna ein, wo Boris uns durch sein sehr schnelles Fahren um ein Haar in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt hätte. Es war, wie wenn plötzlich eine bedrohliche dunkle Wolke am Himmel aufgezogen wäre und mir schoss der Gedanke durch den Kopf: „Das ist kein gutes Vorzeichen!"

Immer wieder während dieser Hochzeitsreise war die dunkle Wolke da. Wenn ich fühlte, dass Boris so gar keinen Drang zu verspüren schien, mit mir allein und intim zusammen zu sein.

Das Traurigste war der Vorabend meiner Abreise, an dem er unbedingt mit seinem Freund Ilian und dessen Frau den Abend verbringen wollte. Nun ja, ich schaffe es auch gar nicht, mich energisch durchzusetzen und ich weiß auch, dass dies bei Boris nicht gut ankommen würde.

Schön war, wie er meine Schwester Ursula akzeptierte. Er hat eine wunderbare Art, Frauen wie große Schwestern zu behandeln ohne jede erotische Schwingung. Das habe ich noch nie erlebt bei einem Mann. Allerdings wünsche ich mir, dass er mich etwas anders wahrnimmt und ich hoffe doch, dass es so ist!

Irmgards Brief an Madame Catherine Trautmann, Abgeordnete des Département Bas Rhin:

Strasbourg, den 15.05.1988

Sehr geehrte Madame Trautmann,

am 27.12.1997 habe ich in Sofia den bulgarischen Staatsbürger Boris Vasov geheiratet.

Gleichzeitig haben wir beim französischen Konsulat in Sofia für ihn das Visum zum ständigen Aufenthalt in Frankreich beantragt.

Bis heute aber wurde uns dieses noch nicht ausgestellt.

Mein Ehemann möchte als Filmwissenschaftler in Frankreich beruflich tätig sein und vor allem möchten wir zusammen leben.

Ich bitte Sie nun, sich für uns einzusetzen, damit wir endlich als Ehepaar zusammen leben können, wie wir es uns so sehr wünschen.

Im Voraus danke ich Ihnen für Ihr Verständnis und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Irmgard Klein-Vasov

Irmgards Tagebuch 18.05.1988

Natürlich machte ich mir keine allzu großen Hoffnungen, dass mein Brief an Frau Trautmann irgendeine Wirkung haben könnte. Auf Anraten meiner französischen Freunde schrieb ich sogar an Präsident Mitterand persönlich und bekam auch eine höfliche Antwort aus seinem Büro, dass der Fall überprüft werde. Immerhin wenigstens eine Reaktion. Eigentlich wollte ich ja persönlich bei Frau Trautmann vorsprechen, aber aus ihrem Büro verlautete, dass sie sich im Wahlkampf befinde und daher in nächster Zeit keine Zeit habe. Mein Brief ging so natürlich total unter.

Aber durch ein Hintertürchen habe ich es nun doch noch geschafft und bin richtig stolz auf mich!

Zufällig las ich in der Zeitung, dass Frau Trautmann in einem sehr benachteiligten Stadtviertel eine kleine Wahlversammlung abhalte in einem Gasthaus.

Kurz entschlossen ging ich sehr früh dort hin und als sie eintraf, war fast noch niemand da. Ich ging auf sie zu, bewaffnet mit meinem Brief, und bat sie um eine kurze Unterredung.

Sie war sehr sehr freundlich, setzte sich mit mir in eine Ecke und las den Brief. Ich sagte ihr dann kurz, wie schwer es für uns sei, so lange auf unsere Zusammenführung warten zu müssen. Ich glaube, sie spürte, wie ernst es mir damit war. Sie erzählte mir von ihren bulgarischen Sprachstudien während ihrer Schulzeit und versprach, sich um die ganze Sache zu kümmern.

Natürlich weiß ich, dass man im Wahlkampf vieles verspricht und mache mir keine allzu großen Hoffnungen. Auf jeden Fall kann ich mir sagen, dass ich alles versucht habe.

Zum Trost werde ich mit Boris in den Pfingstferien zwei Wochen in einem Hotel am Meer verbringen, ganz allein, als nachträgliche richtige Flitterwochen. Darauf freue ich mich schon riesig.

Dienstanweisung für den Genossen Vasov 17.05.1988

Der Hotelaufenthalt mit Ehefrau am Goldstrand wurde genehmigt, da er zur psychischen Stabilisierung der letzteren für notwendig erachtet wurde.

Tagesberichte entfallen während dieser Zeit.

Der Aufenthalt soll so gestaltet werden, dass die Ehefrau verliebt und glücklich bleibt.

Strasbourg, den 22.07.1988

Liebe Ursula,

du kannst nun ganz beruhigt sein, wir haben unsere „Flitterwochen nur zu zweit" nachgeholt und es war eine wunderschöne unbeschwerte Zeit mit viel jugendlichem Übermut und der Freude am Beisammensein.

Boris gibt mir dieses herrliche Gefühl, jung zu sein, was ich in meiner letzten Ehe mit einem so viel älteren Mann nie haben konnte.

Dieses Mal waren wir fast ausschließlich allein für uns, was ich mir damals nach der Hochzeit so sehr gewünscht hätte. Dafür genoss ich es jetzt um so mehr.

Und nun werde ich eben weiter täglich auf das heißersehnte Visum für Boris warten.

Alles ist bereit in der Wohnung.

Das ehemalige Zimmer von Thomas wird das neue Ehebett aufnehmen und gleichzeitig mein Arbeitszimmer sein. Es ist etwas eng und nicht sehr gemütlich aber anders geht es nicht, denn Boris braucht auch einen Arbeitsplatz, den wir in meinem ehemaligen Schlafzimmer einrichten. Dort können dann auch Gäste übernachten. Wir werden sicher immer wieder Besuch aus Bulgarien bekommen und ich möchte die herzliche Gastfreundschaft, die ich dort genossen habe auch erwidern können.

Also, liebe Ursula, bitte halte die Daumen, dass Frau Trautmann ihr Versprechen hält.

Viele liebe Grüße

Deine Schwester Irmgard

Dienstanweisung für Genossin Marina Armianova: 30.08.1988

Vorbereitung einer Dienstreise nach Strasbourg zu Irmgard Klein-Vasov.

Begleitpersonen: Ehemann Ilian Armianov und Welina Cerafinova

Arbeitsaufgabe:

Detaillierter Bericht über das Lebensumfeld von Irmgard Klein-Vasov. Übermittlung per Fax..

Zu beachten:

Äußerst angenehmes und diskretes Verhalten als Gäste muss unbedingt eingehalten werden!

Die Abreise aus Sofia vom Genossen Vasov kann erst erfolgen nachdem alle Berichte vom Begleitoffizier Vasovs, dem Genossen Sanchev geprüft wurden.

Die Ankunft von Vasov in Strasbourg telefonisch bestätigen.

Ebenso das Eintreffen von Genossin Kristina Mantscheva am späten Abend des Ankunftstages von Vasov. Sie wird alle von Ihnen übermittelten Informationen bestätigen.

Wichtig!

Abreise aus Strasbourg am Tag nach Vasovs Ankunft, vormittags. Dies gilt für alle vier zur Kontrolle abgeordneten Genossen und Genossinnen.

Die französischen Geheimdienste dürfen auf keinen Fall die Gelegenheit zu einer Kontaktaufnahme haben.

Strasbourg, den 17.09.1988

Liebe Ursula,

wenn du diesen Brief gelesen hast, wirst du dich nicht mehr wundern, dass du schon so lange nichts mehr von mir gehört hast.

Die Ereignisse haben sich in den letzten Tagen überstürzt und ich bin völlig außer Atem von all dem, was zu bewältigen war.

Aber das Wichtigste zuerst:

Boris ist endlich bei mir angekommen und ich bin überglücklich.

Allerdings hatte ich mir seine Ankunft anders vorgestellt und war deshalb zunächst etwas enttäuscht. Aber die Freude, ihn nun bei mir zu haben, stellt alles andere in den Hintergrund.

Aber lass mich der Reihe nach erzählen.

Vor einer Woche meldetet sich überraschend Marina bei mir aus Sofia und fragte, ob sie mit ihrem Mann und einer Freundin nicht einige Tage bei mir wohnen könne, da sie endlich die Genehmigung für ihre schon lange geplante Frankreichreise bekommen hätten.

Ich hatte ja schon so häufig ihre Gastfreundschaft genossen und vor allem hast ja auch du bei ihr gewohnt anlässlich unserer Hochzeit. So war es natürlich selbstverständlich, dass ich zusagte, obwohl wir in der Schule sehr viel Arbeit haben am Anfang des Schuljahres.

Außerdem bekamen wir aus Paris Bescheid, dass durch die Intervention von Frau Trautmann das Visum für Boris ausgestellt wurde.

Er sagt mir, dass er noch nicht sofort kommen könne, da er noch einiges vorbereiten müsse und es schwierig sei, die Fahrkarte zu bekommen.

So warte ich also jeden Tag auf seine Nachricht, dass es nun klappt und in einer solchen Zeit hätte ich mir nun wahrhaftig nicht drei bulgarische Gäste gewünscht.

Aber natürlich empfing ich die drei herzlich mit einem Empfangsessen und überließ sie tagsüber ihrem Schicksal, denn ich musste ja in die Schule.

Ich muss sagen, alles war musterhaft aufgeräumt, als ich nach Hause kam. Sie hatten sogar eingekauft und im Kühlschrank einige Lebensmittel deponiert.

Abends nahmen wir immer gemeinsam die Mahlzeit ein und tagsüber besichtigten sie das Elsass.

Am dritten Tag ihres Aufenthaltes bekam ich einen Anruf von Boris, dass er am nächsten Abend ankommen werde.

Ich fiel aus allen Wolken, denn unser Wiedersehen hatte ich mir schon so oft ausgemalt.

Romantisches „diner" bei Kerzenlicht mit anschließender leidenschaftlicher Wiedersehensnacht.

Und nun hatte ich drei bulgarische Gäste im Haus und alles war ganz anders.

Aber ich bin ja inzwischen schon durch eine strenge Schule der Flexibilität gegangen und werde auch dieser Herausforderung die Stirn bieten.

Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass der Besuch von Marina mit der Ankunft von Boris zusammenfällt!

In aller Eile organisierte ich einen Kleintransporter, denn Boris hatte umfangreiches Gepäck angekündigt. Dann kümmerte ich mich um ein Empfangsessen und war gerade mit allem fertig, als es Zeit war, zum Bahnhof nach Kehl zu fahren.

Mein Boris sah sehr erschöpft aus und hatte im ersten Augenblick einen fast fremden Gesichtsausdruck.

Wir hatten an diesem Abend wirklich keinerlei Gelegenheit, etwas intim persönliches miteinander zu sprechen. Boris schien dies allerdings viel weniger zu stören als mich, denn er freute sich offensichtlich, gleich Landsleute vorzufinden.

Und dann geschah noch etwas ganz seltsames:

Während des Abendessens läutete plötzlich das Telefon und eine weibliche Stimme verlangte Boris Vasov. Nach dem kurzen Gespräch erklärte mir Boris lachend, dass durch einen verrückten Zufall eine ehemalige Studienkameradin gerade in Strasbourg sei und für diese Nacht gerne bei uns übernachten wolle. Seine neue Adresse habe er ihr schon vor einiger Zeit gegeben, da sie eine Reise nach Frankreich plante.

Man musste schon so verliebt sein wie ich, um auch hier noch gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Aber trotz allem gefällt es mir ja auch, so aus meinem Trott herausgerissen zu werden, um mich immer wieder neuen überraschenden Situationen anzupassen.

Nun, ich fand noch eine Matratze, die wir im Wohnzimmer auslegten und irgendwann sanken wir beide als wiedervereintes Liebespaar todmüde in unser neues Doppelbett, um fast sofort einzuschlafen. Da staunst du!

Als ich am nächsten Tag nach meinem Schulvormittag nach Hause kam (frag mich nicht, wie ich den über die Bühne brachte!) waren alle bulgarischen Gäste verschwunden und ich hatte das Gefühl, als ob die ganze Invasion nur ein Spuk gewesen wäre.

Eines war allerdings real, in meiner Wohnung wohnte nun mein Ehemann, unübersehbar. Alles war voll von seinen Gepäckstücken, meine wohlgeordneten Gewohnheiten wurden gründlich umgekrempelt. Angefangen davon, dass irgendein Mittagsimbiss gerichtet werden musste. Längst hatten wir die Arbeitsaufteilung besprochen:

Boris übernimmt das Frühstück und den Mittagsimbiss, dazu die Wohnungsreinigung, die Wäsche und die Einkäufe. Ich koche abends und bügle. Diese Regelung gilt so lange wie Boris noch auf der Suche nach Arbeit ist.

Und nun begann also unser gemeinsames Leben. Für mich steht die Freude über seine Gegenwart an erster Stelle und ich bin optimistisch, dass er bald seinen Platz im Berufsleben finden wird. Er ist flexibel und hat so vielerlei Begabungen.

Ganz wichtig war mir, dass wir sofort, am Tag nach Boris Ankunft gemeinsam auf die Bank gingen, sowohl in Straßburg als auch in Kehl, um ihm den vollen Zugang zu unseren Konten zu ermöglichen. Ich möchte nicht, dass er sich als Mann gedemütigt fühlt, indem er mich um Geld bitten muss. Außerdem möchte ich, dass er weiß, wie sehr ich ihm vertraue.

Wir werden dich und Mutter in allernächster Zeit besuchen, sobald Boris einigermaßen akklimatisiert ist.

Bis dahin viele liebe Grüße auch von Boris an seine „sister in law"

Irmgard

Boris Tagebuch: 17.09.1988

Nun bin ich also in Frankreich etabliert als wohlsituierter Ehemann einer deutschen Beamtin.

Irmgard gab mir sogar vollen Zugang zu allen Bankkonten. Allerdings gehört es zu meinen Anweisungen, dass ich in diesem Bereich äußerst korrekt bleiben muss.

Erst jetzt merke ich, wie ausgezeichnet ich vorbereitet wurde. Und so kommt mir vieles direkt bekannt vor, da es mir immer wieder beschrieben wurde bei den verschiedenen Schulungen.

Außerdem hatten wir ja einige kurze Seminare in Frankreich gehabt in all diesen Vorbereitungsjahren.

Es ist sehr leicht, meine schriftlichen Arbeiten zu erledigen, da Irmgard Vormittags in der Schule ist. Zum Glück kann sie die kyrillische Schrift nicht entziffern, so dass ich mir nicht einmal die Mühe machen muss, alles zu verstecken, ehe sie zurück kommt.

Sie bemüht sich rührend, mir alles recht zu machen und kocht Gerichte, die mir überhaupt nicht schmecken, wie zum Beispiel „Käsesoufflé“. Ich musste ihr mühsam erklären, dass ich nicht gerne Gerichte esse, die mir unbekannt sind. Darüber war sie sehr überrascht, denn sie kann sich nicht vorstellen, dass man am liebsten Pommes isst mit gebratenen Würstchen oder ähnliche Dinge.

Dieses Problem taucht auch auf, bei den vielen Einladungen.

Irmgard hat einen großen Freundeskreis und möchte mich stolz überall vorstellen. Ich werde bestaunt, wie ein seltenes Tier im Zoo. Natürlich spiele ich meine Rolle mit Bravour und alle sind begeistert von mir.

Mühsam ist nur, diese langen Essensrituale durchzustehen. Es sind fast nur Gerichte, die ich nicht mag, da sie neu sind. Einmal bemerkte ich, dass am Anfang des Essens alle gebannt auf mich und meinen Teller starrten. Ich war nämlich noch gar nicht zum Essen gekommen, da ich mich intensiv über das politische System in Bulgarien ausließ mit sehr viel Kritik. Diskret flüsterte mir Irmgard zu, dass die Hausfrau den Hauptgang erst servieren könne, wenn ich mit meiner Vorspeise fertig sei. Mit Müh und Not konnte ich einen Wutanfall zurückhalten, denn es ist doch unglaublich, dass ich in diesem Land nicht einmal nach meinem ureigenen Rhythmus essen darf. Zum Glück konnte ich mich in letzter Minute noch beherrschen.

Wie ich mit Irmgards Sohn Thomas umgehen soll, muss ich dringend mit Sanchev besprechen.

Er scheint ein helles Köpfchen zu sein und er erklärte sofort unumwunden, dass ich wie ein Spion wirken würde.

Ich reagierte natürlich so, als ob er einen guten Witz gemacht hätte und auch Irmgard lachte herzlich. Sie erklärte mir, dass Thomas als Schauspieler auch im wirklichen Leben theatralische Situationen sehe, oft auch da, wo alles in Wirklichkeit viel banaler sei.

Aber ich fühlte mich sehr unbehaglich, denn ich spürte, dass er es ernst meinte.

Drei Tage nach meiner Ankunft, genauso wie es mir vorhergesagt wurde, kam am frühen Abend ein Telefonanruf von der zuständigen Stelle der französischen Geheimpolizei. Sie baten um einen Gesprächstermin mit mir und meiner Gattin.

Nun, Irmgard war auf diese Sache natürlich weit weniger vorbereitet als ich und ich versuchte beruhigend auf sie einzuwirken.

Einen ganzen Nachmittag lang bearbeiteten sie uns, getrennt natürlich, und versuchten mir immer wieder geschickt Fallen zu stellen.

Aber solche Gespräch hatten wir in Moskau immer und immer wieder durchgespielt und so war es für mich ein Kinderspiel, jeden Schachzug geschickt zu parieren.

Ich hatte das Gefühl, dass sie sicher sind, einen Agenten vor sich zu haben, aber es gelang ihnen nicht, irgendein Beweismittel zu finden.

Wie das Gespräch mit Irmgard verlief, weiß ich natürlich nicht, aber ich denke, dass sie ebenso wenig zu fassen war, da sie in ihrer blinden Verliebtheit felsenfest an ihre Liebesgeschichte glaubt und andere Gedanken deshalb gar keinen Raum einnehmen können.

Im übrigen habe ich noch nichts unternommen, um Arbeit zu suchen. Um Irmgard nicht vorzeitig zu beunruhigen suchte ich per Zeitungsannonce private Schüler für russischen Sprachunterricht und unterrichte zweimal die Woche eine alte Dame, die in die Wohnung kommt.

Diese Arbeitssuche ist eine heikle Gratwanderung, denn natürlich darf es keine Tätigkeit sein, die meine ganze Zeit in Anspruch nimmt und doch sollte ich irgendwie den Einstieg in das soziale Netz des französischen Staates finden. Es genügt, einmal eine reguläre Tätigkeit mit Arbeitsvertrag zu finden, um dann später Arbeitslosengeld beziehen zu können.

Zunächst muss ich die französische Staatsangehörigkeit beantragen und in zwei Monaten verbringe ich einige Wochen in Sofia zur Nachschulung.

Ich werde für einen Freund von Irmgard einen Videofilm über sein Möbelgeschäft drehen und vorgeben, dass ich diesen in Sofia in den Filmstudios ohne Kosten weiterbearbeiten kann. So wird sie diese erneute Trennung hoffentlich schlucken.

Bisher läuft alles problemlos und Sanchev sprach mir ein großes Lob aus.

Ich muss unbedingt die Sympathie von Thomas, Irmgards Sohn, erringen. Er scheint mir hellwach und kritisch zu sein.

Vielleicht könnte ich versuchen, ihm sein gestohlenes Fahrrad wieder zu ersetzen, indem auch ich eines illegal organisiere.

Irmgards Tagebuch 25.10.1988

Mein Alltag hat sich sehr verändert und es gibt Momente, wo ich mich dabei ertappe, dass mir meine Singlefreiheit etwas fehlt.

Zum Glück aber wusste ich von vornherein, dass nicht alles rosig sein würde und ich bin fest entschlossen, mit allen Schwierigkeiten fertig zu werden.

Zunächst klappt unsere Arbeitsteilung, die sich ja sehr gut anhört, nicht so, wie ich das erhofft hatte. Boris hat natürlich keinerlei Übung in der Hausarbeit, obwohl er sich in Sofia als Junggeselle selbst versorgte und sein Zimmer putzte.

Wenn ich an seinem wöchentlichen Putztag nach Hause komme, so ist die Wohnung auf den Kopf gestellt und Boris ist noch weit davon entfernt, fertig zu sein. Auch unseren Mittagsimbiss muss ich dann selbst richten, denn er hatte durch das Putzen natürlich keine Zeit dafür. Im übrigen ist dies meist der Fall, denn sehr oft hielten wichtige Beschäftigungen ihn davon ab.

Die Wohnungsreinigung beschränkt sich trotz des großen Zeitaufwands auf die Bodenreinigung, alles andere ist ihm unbekannt. Um ihn in seinem männlichen Stolz nicht zu verletzen und seine Kooperationsbereitschaft nicht zu mindern, sage ich nichts und erledige den Rest eben selbst.

Die Einkaufstouren dauern meist stundenlang und ich bin nicht selten überrascht, von dem, was er mitbringt. Kürzlich war es ein gebrauchtes Moped. Dieses steht jetzt im Flur und seitdem riecht die ganze Wohnung nach Benzin.

Zweimal die Woche kommt Madame Grimm zu ihrer Russischstunde begleitet von Mickele ihrem kleinen Hund. Dies bedeutet, dass ich mich im engen ungemütlichen Schlafzimmer aufhalten muss und dies leider fast den ganzen Nachmittag, denn Madame Grimm ist vom Charme meines Boris so angetan, dass sie gar nicht mehr gehen will und ihm ihre ganze lange Lebensgeschichte erzählt.

Boris ist also immer sehr sehr beschäftigt. So dass die häuslichen Pflichten eben doch oft allein an mir hängen bleiben. Er übernimmt hier und da kleine Aufgaben, die mit seinem Beruf als ‚ „cinéaste" zu tun haben, was ihm großen Spaß macht, aber natürlich keinerlei berufliche Zukunft verspricht. Zu einer ernsthaften Arbeitssuche kam es bisher noch nicht und Boris scheint es damit auch nicht eilig zu haben. Einige Male hatte er seriöse Angebote aus meinem Bekanntenkreis, bei denen er jedes Mal im letzten Moment auswich. All dies beunruhigt mich ein wenig, denn es war abgemacht, dass ich nur in einer Übergangszeit ganz allein für uns beide aufkomme. Für immer möchte ich dies nicht, denn es bedeutet für mich doch ein gewisses Opfer, so auf vieles verzichten zu müssen.

Zwei Ereignisse haben mich sehr beeindruckt.

Das erste war eher negativ. Wir wurden einen ganzen Nachmittag lang von der französischen Geheimpolizei verhört, getrennt.

Ich hatte dabei das unangenehme Gefühl, dass der höfliche junge Mann, meine ganze persönliche Lebensgeschichte als Indiz ansah, dafür, dass unsere eheliche Verbindung politisch verdächtig sei. Er wollte die intimsten Dinge wissen und entschuldigte sich damit, dass er dazu gezwungen sei, auch in meinem eigenen Interesse, da es häufig Fälle von Spionage gebe. Natürlich konnte sich dieser nüchterne Beamte nicht vorstellen, dass es bei uns einzig und allein um Liebe geht. Ich war gezwungen, brav und ehrlich auf alles zu antworten, denn wir wollen ja, dass Boris so rasch wie möglich die französische Staatsangehörigkeit erhält. Das Ganze war sehr unangenehm!

Das zweite Ereignis war der Besuch von Catherine Trautmann und ihrem Ehemann bei uns zum Abendessen.

Nie hätte ich allein den Mut gehabt, die beiden einzuladen zum Dank für die Unterstützung. Aber Boris meinte, versuchen könnten wir es doch.

Und tatsächlich, die Beiden kamen wirklich und es war eine Atmosphäre wie mit unseren Freunden, ganz schlicht und unkompliziert. Frau Trautmann sagte mir, dass sie sehr oft mit Bitten überhäuft würde, aber bei mir hätte sie etwas so authentisches gespürt, dass sie sich sehr gerne für uns eingesetzt habe.

Beim Abschied sagte sie noch, dass wir uns jederzeit gerne an sie wenden könnten, wenn es beim Berufseinstieg Schwierigkeiten gebe.

Nun, ich denke, Boris braucht einfach noch Zeit. Diese gewaltige Veränderung in seinem Leben muss verdaut werden. Es scheint ihn auch psychisch mitzunehmen, denn er hat ständig Magenbeschwerden, die aber laut ärztlicher Diagnose keinen organischen Grund haben.

Ich werde versuchen, mich in Geduld zu üben.

Eben fällt mir ein, dass Thomas gestern erzählte, wie Boris für ihn ein Fahrrad gestohlen habe. Er lachte darüber und meinte: „Seltsam, Boris war plötzlich wie verwandelt bei dieser Aktion. Er wurde eiskalt und ruhig und schien ganz in seinem Element zu sein. Sogar als wir ein Polizeiauto hinter uns herfahren sahen, blieb er unerschütterlich."

Dieser Bericht versetzte mich in eine sehr unbehagliche Stimmung. Diese Seite von Boris passt so gar nicht zu dem Bild, das ich von ihm habe.

Boris Tagebuch 30.10.1988

Das wichtigste Ziel für die nächsten Monate ist für mich, so rasch wie möglich die französische Staatsangehörigkeit zu erlangen.

Ich muss deshalb zunächst noch den untadeligen Ehemann spielen. Es ist nicht immer leicht, die so ganz anderen Erwartungen von Irmgard zu ertragen. Sie stellt sich vor, dass ich so bald wie möglich eine feste berufliche Anstellung erreiche, morgens aus dem Haus gehe und abends wieder nach Hause komme. Natürlich wünscht sie sich auch, dass ich finanziell unabhängig werde von ihr, mehr noch, dass sie in ihrem Beruf nach und nach Teilzeit arbeiten kann. Der Lehrerinnenberuf scheint sie mehr und mehr aufzureiben und sie möchte sich auch gerne ihrer Magisterarbeit in Kunstgeschichte widmen.

Es ist mir nicht ganz gleichgültig, zu sehen, auf wie viele Dinge sie verzichtet seit ich da bin.

Aber solche Gefühle darf ich auf keinen Fall zulassen, denn das Ziel ist klar.

Sobald ich die Staatsangehörigkeit habe, werde ich mich langsam aber stetig von ihr lösen und ich darf auf keinen Fall jetzt schon in Sentimentalität verfallen. Sanchev gegenüber spreche ich von diesen Anwandlungen natürlich nicht.

Im übrigen finde ich immer wieder kleine Jobs, die mit meinem angeblichen Beruf im Filmgeschäft zu tun haben und niemand ahnt, dass dies eigentlich nur ein Hobby ist. Nächste Woche fahre ich mit einer Profigruppe in die Sowjetunion, um einen Film über die russische Kunstszene zu drehen. Ich soll als Dolmetscher fungieren und so wird niemand meine mangelnde Professionalität ahnen. Außerdem hatte ich in Straßburg schon mehrmals Gelegenheit als filmischer Berater zu dienen.

So gelingt es mir, immer einen Vorwand zu haben aus dem Haus gehen zu müssen und meiner mir zugedachten Rolle als Hausmann zu entgehen. Obwohl finanziell kaum etwas dabei herauskommt, so bin ich doch immer voll beschäftigt und es macht großen Spaß.

Seit ich in Frankreich bin, haben mich schon Simeon und Vladimir besucht, jeweils eine Woche und ich war den ganzen Tag mit ihnen unterwegs. Simeon wollte seine Ikonen verkaufen und Vladimir suchte einen gebrauchten Lieferwagen. Natürlich ist der Hauptzweck ihrer Besuche eine gewisse Kontrolle meines Lebens hier und sie müssen natürlich ihre Berichte schreiben. Trotzdem machte es Spaß mit ihnen und Irmgard kochte jeden Abend geduldig ein herzhaftes Abendessen möglichst nicht auf französische Art. Ich denke, sie muss schon so einiges verdauen, scheint aber immer noch sehr verliebt zu sein und klagt deshalb nie.

Irmgards Sohn Thomas bleibt weiterhin ein Problem für mich. Ich bin inzwischen sicher, dass er die Situation ganz klar einschätzt. Allerdings scheint ihn dies eher zu amüsieren und ich glaube nicht, dass er vorhat, irgendwelche Schritte gegen mich zu unternehmen. Trotzdem ist dies äußerst beunruhigend für mich, denn er macht seine Anspielungen auch in Gesellschaft von anderen und wie eventuelle Mitwisser reagieren werden kann niemand wissen.

Sanchev riet mir, das Spiel locker mitzuspielen. Das heißt, knallhart zu sagen, wenn es sich ergibt: „Natürlich fließt dies alles ein in meine Berichte an den KGB." Oder andere Anspielungen, die ich locker lachend immer wieder fallen lasse…

Dieser Abend bei dem Fabrikbesitzer wird für mich besonders interessant. Das gibt einen *Bericht, der mir Pluspunkte beim KGB einbringen wird!“*

Sanchev betont immer wieder, dass die Geheimpolizei in Straßburg auch überzeugt ist, in mir einen Agenten vor sich zu haben. Sie können aber nichts unternehmen, da alles so perfekt abgesichert ist, um keinerlei Beweise zu ermöglichen. Eine Anzeige, nur auf Grund von Vermutungen, würde daran auch nichts ändern. Sie hätte im schlimmsten Fall zur Folge, dass wir wieder zu Verhören antreten müssten.

Das Schlimme ist, dass ich befürchte, nicht immer kaltblütig bleiben zu können, obwohl wir in Moskau solche Situationen wieder und wieder in Rollenspielen geübt haben. Aber die reale Situation stellt eben doch noch ganz andere Anforderungen an die psychische Stabilität.

Straßburg, den 12.12.1988

Liebe Ursula,

stell dir vor, Boris ist im Augenblick wieder in Sofia, da seine Rückfahrkarte noch gültig ist und er die Gelegenheit ergreifen will, den Videofilm über das Möbelgeschäft meines Freundes Jean fertig zu bearbeiten. Natürlich finde ich das etwas problematisch, da er ja in dieser Zeit wieder überhaupt keine Gelegenheit hat, hier beruflich Fuß zu fassen. Aber er ist immer so glücklich, wenn er etwas tun kann, was mit seinem eigentlichen Beruf zu tun hat. Außerdem hat er sicher auch etwas Heimweh und so stelle ich eben meine Wünsche und Ansprüche etwas zurück. Ich wusste ja, auf was ich mich eingelassen habe und bin fest entschlossen, die Schwierigkeiten zu bewältigen.

Und, dir kann ich es ja anvertrauen, leicht ist es nicht. Mein Leben hat sich sehr verändert und in schwachen Stunden mache ich mir große Sorgen über Boris Zukunft. Er scheint sich gar nicht bewusst zu sein, wie wichtig es ist, eine feste Anstellung zu bekommen. Man merkt doch sehr, wie sehr das Leben in einem kommunistischen Land ihn geprägt hat. Der Staat wird schon für mich sorgen, das scheint tief verinnerlicht zu sein.

Diese Art zu leben ähnelt der von Kindern, die fest darauf vertrauen, dass für sie gesorgt wird.

Aber ich möchte auf keinen Fall endlos für ihn sorgen müssen und es war abgesprochen, dass ich Teilzeit arbeite, sobald Boris etwas verdient. Er lebt in den Tag hinein, geht so mit seiner Zeit um, dass er immer sehr beschäftigt ist und für die Hausarbeit keine Zeit hat, da viel viel wichtigere Dinge anstehen.

Sehr belastend sind für mich die häufigen Besuche von bulgarischen Freunden, denen Boris dann natürlich seine ganze Zeit widmet. Ich sorge für das leibliche Wohl und finanziell ist es auch eine zusätzliche Belastung. Kürzlich hatte ich einen Augenblick, wo ich das Gefühl hatte, dass ich nur eine lästige Mitbewohnerin in meiner eigenen Wohnung bin. Die beiden Herren waren in den Wohnräumen mit sich beschäftigt und mir blieb das Schlafzimmer und die Küche. Ich kann mich an ihrer Zweisamkeit ja nicht beteiligen, da die letzten beiden Besucher nur Bulgarisch und Russisch sprachen.

Überhaupt ist meine schöne, gemütliche Wohnung sehr verändert und ich fühle mich nicht mehr so richtig wohl darin.

Der Vorhang neben Boris Schreibtisch hängt halb herunter, da Boris so mehr Licht hat.

Im Eingangsbereich sind alle Bücher von Boris aufgestapelt, teilweise auch noch in Kisten, so lange bis entschieden ist, wo sie untergebracht werden können. Außerdem steht dort nun auch noch das Moped, das Boris gebraucht erstanden hat, zu meiner großen Überraschung. Die ganze Wohnung riecht deshalb nach Benzin.

Bitte entschuldige, wenn ich heute ein wenig ins Jammern komme, aber es ist im Augenblick etwas viel. Das größte Problem habe ich nämlich überhaupt noch nicht erwähnt.

Letzten Samstag wurden wir gegen 8.30 Uhr vom Klingeln an der Wohnungstür geweckt. Es war ein kühler Herr, der beauftragte Notar unserer Wohnungseigentümerin, der uns mitteilte, dass wir in drei Monaten die Wohnung räumen müssen, da die Dame dieselbe verkaufen will. Allerdings hätten wir ein Vorrecht als Käufer , sollten wir sie erwerben wollen.

Bei unserer Finanzlage steht dies natürlich nicht zur Diskussion.

Da saßen wir also mit diesem freundlichen Schriftstück und Boris war wie immer voller Optimismus. Ihm scheint gar nicht klar zu sein, mit welche Kosten ein Umzug verbunden ist und dass wir eine gleichwertige Wohnung mit diesem Mietpreis nie mehr finden werden.

Für mich ist dies nun eine weitere Belastung und wir haben schon angefangen zu suchen. Meine Befürchtungen, was den Mietpreis anbetrifft scheinen sich zu bestätigen.

Liebe Ursula, bitte verbreite meine Sorgen nicht in der übrigen Familie. Alle würden nur befriedigt feststellen, dass sie mit ihren Einwänden recht hatten.

Vielleicht kommst du mich mal besuchen, solange ich noch allein bin.

Viele liebe Grüße

deine Schwester Irmgard

Boris Tagebuch 17.01.1989

Nun wird alles noch viel spannender werden.

Irmgard hat durch eine Schülerin eine Wohnung bekommen, in dem Dorf, in dem sie unterrichtet. Sehr groß und schön und kaum teurer als unsere jetzige.

Das Ganze hat nur einen Haken. Es ist in Deutschland und da mein Antrag auf die französische Staatsbürgerschaft läuft, muss ich auch in Frankreich wohnen.

Sanchev ist einverstanden, wenn ich eine fiktive Adresse in Straßburg finde. Er meint, es sei eher günstig für mich, in Deutschland zu wohnen, da mein privates Leben dann weniger kontrolliert wird.

Irmgard mit ihrem großen Freundeskreis hat es doch tatsächlich geschafft, ihre Freundin Barbara dazu zu bewegen, uns ihre Zweitwohnung im Stadtzentrum fiktiv als Wohnsitz anzubieten. Wir werden uns also dort polizeilich anmelden und unseren Namen an Tür und Briefkasten anbringen. Damit ist das Problem gelöst.

Irmgard, mit ihrer Beamtenseele hat Probleme, mit solch unkonventionellen Lösungen umzugehen, aber ich habe zum Glück einen starken Einfluss auf sie und dass sie die Mentalität einer Beamtin habe, will sie sich nicht nachsagen lassen. Diesen Tipp gab mir übrigens Sanchev, der Irmgard in Sofia kennen lernte und deshalb mit seiner psychologischen Schulung sehr genau weiß, wie man sie beeinflussen kann.

Irmgards Beamtenseele leidet auch unter dem überzogenen Konto und sie kann sich nicht vorstellen, wie die Kosten eines Umzuges bestritten werden sollen. Ich werde ihr beweisen, dass das von mir problemlos bewältigt werden wird.

Sie kann ja nicht ahnen, dass ich jederzeit von meiner Parteizentrale finanziell unterstützt werden kann, sollte es zu ernsthaften Engpässen kommen.

Allerdings ist die Bedingung, dass ich meine Arbeit zufriedenstellend erledige. Sanchev wird in den nächsten Wochen zu einer ersten Überprüfung hier eintreffen.

Ich möchte dann unbedingt, dass er Thomas kennen lernt.

Vorgestern ist das eingetreten, was ich schon seit einiger Zeit befürchtet habe, ich habe die Kontrolle verloren und bei einer seiner Anspielungen überreagiert.

Es ist wirklich so, dem Jungen entgeht nichts. Sofort sagte er mit vielsagendem Lächeln: „Seltsam, dass du dich darüber so aufregst. Das sagt viel über dich aus!"

Ich war dann nicht mehr fähig, souverän zu reagieren und wechselte das Thema.

20.07.1989

Liebe Ursula,

eine sehr anstrengende Zeit liegt hinter mir und es ist mir ein Rätsel, wie ich das alles geschafft habe.

Wir haben den Umzug nun tatsächlich hinter uns gebracht und ich sitze hier zwischen Kartons im absoluten Chaos. Aber eine Pause gönne ich mir einfach, um mir so einiges von der Seele zu schreiben.

Boris hatte mir ja versprochen, den Umzug ganz allein zu organisieren, zu packen und Lösungen zu finden, dass sich die Kosten in einem minimalen Rahmen bewegen. Mein Girokonto ist nämlich um 5000 DM überzogen und sonst sind alle Ersparnisse aufgebraucht.

Boris hat ab und zu einen Minijob, der aber nur ein kleines Taschengeld für ihn einbringt.

Er hat ja auch überhaupt keine Zeit, sich mit einer ernsthaften Arbeitssuche zu befassen, da es immer viel Dringenderes zu tun gibt. Wir hatten in diesen Monaten drei verschiedene Besuche aus Bulgarien, denen Boris jedes Mal seine ganze Zeit widmete.

Dazu kamen die Umzugsvorbereitungen, die ihn seit Mai in Atem hielten.

Ich muss zugeben, allein hätte ich keinen so billigen Umzug zustande gebracht.

Unser Freund Jean lieh uns seinen Möbellieferwagen und zwei seiner Arbeiter zum Auf -und Abbauen der großen Möbel, als Dank für gelegentliche Hilfeleistungen von Boris.

Außerdem schafften wir es, eine Gruppe von befreundeten Männern zusammenzutrommeln, die uns am Umzugstag halfen.

Es war für mich trotzdem noch anstrengend genug, denn ich musste ja gleichzeitig das Schuljahresende bewältigen.

Du wirst es kaum glauben, aber übermorgen starten wir mit dem Auto nach Bulgarien.

Ich würde natürlich viel lieber hier erst einmal alles in Ordnung bringen und mich dann ganz einfach auf die faule Haut legen ohne viel Programm. Nur lesen und schwimmen im Baggersee, der ja vor unserer Türe ist.

Aber ich verstehe, dass Boris Heimweh hat und er möchte gleichzeitig, unseren alten Renault in Bulgarien für wenig Geld total überholen lassen. Wochenlang hat er die notwendigen Autoersatzteile zusammengekauft, den Lack und sonstiges. Er ist sehr stolz darauf, auf diese Weise einen Beitrag zu unserem Sparprogramm zu leisten. Im Stillen sage ich mir natürlich, dass er noch nicht verstanden hat, dass bei uns Zeit auch Geld bedeutet und dass es viel rentabler wäre, eine Arbeit zu suchen und stattdessen ein neues Auto zu kaufen.

Ich gab also nach und werde mit ihm diese lange Autofahrt antreten, das Auto vollbepackt bis aufs Dach, wie bei den türkischen Gastarbeitern, die in Heimaturlaub fahren. Grässlich!!

Wer hätte je gedacht, dass ich einmal so etwas mache?

Also, liebe Ursula, du siehst, mein Leben ist weit davon entfernt, langweilig zu sein.

Dir wünsche ich schöne Ferien in Italien.

Viele liebe Grüße

deine Schwester Irmgard

Irmgards Tagebuch 08.09.1989

Nie wieder solche Sommerferien!

Wie konnte ich mir das nur antun?

Zunächst hörte sich der Plan ja sehr gut an und deshalb bin ich wohl auch darauf eingegangen.

Nach unserer Ankunft wollten wir zuerst in Sofia bei Marina einige Tage verbringen, um den Wagen überholen zu lassen.

Danach Weiterfahrt nach Plovdiv zu den Eltern von Boris. Dort sollte unser Auto bleiben, um frisch lackiert zu werden. In dieser Zeit wollten wir ans Meer fahren, um mit dem Segelschiff eines Freundes eine kleine Kreuzfahrt anzutreten. Danach sollte das Auto wieder abgeholt werden, bereit zur Rückfahrt.

Nun alles kam ganz anders.

Schon die Hinfahrt war für mich eine große Strapaze. Ich konnte diese langen Autofahrten bei der Hitze noch nie gut ertragen. Ich kam also krank in Sofia an, eine Magen – Darminfektion.

Eine ganze Woche lag ich dort im Bett, trank lauwarmes Salzwasser und döste vor mich hin.

Boris war von morgens bis abends auf Achse, um in der Autowerkstatt die Arbeiten zu überwachen.

Danach, in Plovdiv erfuhren wir, dass es mit dem Segelschiff nicht klappte aus unerfindlichen Gründen. Außerdem erklärte mir Boris, dass es unvorsichtig sei, wegzufahren, während das Auto einem Freund seines Vetters übergeben werde zur Lackierung. Er müsse, die Sache überwachen, aber es dauere ja nur wenige Tage und dann sei noch genügend Zeit, nach Varna zu seinem Onkel und ans Meer zu fahren.

Boris Eltern wohnen mitten in der Stadt an einer staubigen, verkehrsreichen Straße und ich verbrachte die Tage mit lesen, etwas anderes blieb mir ja nun nicht übrig. Ich wurde immer bedrückter, denn Boris war auch hier den ganzen Tag weg und da es kein bequemes breites Bett gab, schliefen wir sogar in getrennten Zimmern. So hatte ich mir meine Ferien als jungverheiratete Frau nicht vorgestellt. Eigentlich gab es in dieser ganzen Zeit keinerlei intime Kontakte zwischen uns, was Boris in keiner Weise zu vermissen schien.

Ich hätte ja allein etwas unternehmen können, aber wir warteten jeden Tag auf die Fertigstellung des Autos. Dies lief nun aber überhaupt nicht wie geplant. Mehr und mehr wurden wir unruhig, denn der Vetter wusste nicht, wohin sein Freund das Auto gebracht hatte, es war auf jeden Fall außerhalb von Plovdiv. Außerdem war der Vetter für einige Zeit verreist aus dringenden Gründen. Ich befürchtete schon das Schlimmste, nämlich , dass man uns das Auto ganz einfach entwendet hatte. Auch Boris Eltern bekamen Angst. Für uns wären dadurch große Probleme entstanden. Inzwischen war es nur noch eine Woche bis zum Beginn des neuen Schuljahres. Nach eingehenden Recherchen konnte Boris den Freund des Vetters ausfindig machen in Burgas, wohin wir im klapprigen Lada fuhren. Wieder in der Hitze und mit der Befürchtung, dass die Karre jeden Moment den Geist aufgeben könnte. Vorbei die Träume vom blauen Meer und den Wellen, die meinen Körper streicheln.

Wir erfuhren, dass unser Auto inzwischen in Sliven bei einem anderen Freund sei. Also, auf nach Sliven. Und o Wunder, das stimmte sogar. Wir entdeckten unseren kleinen Renault, allerdings noch unlackiert, in einer improvisierten Werkstatt. Boris erreichte, mit Hilfe von einer beträchtlichen Summe, dass der Wagen noch am gleichen Tag lackiert wurde.

Vorsichtig wagte ich etwas aufzuatmen, denn ich war inzwischen bescheiden geworden. Ich wollte nur noch eines, nämlich so rasch wie möglich nach Hause fahren, um am ersten Schultag pünktlich zur Stelle zu sein.

Mit dem noch feuchten, frisch lackierten Auto fuhren wir zurück nach Plovdiv, ich am Steuer, denn Boris musste ja den Lada zurück transportieren.

Aber auch dies verlief nicht ohne Zwischenfälle. Zuerst hatte der Lada eine Panne und ein freundlicher LKW Fahrer schaffte es erstaunlicherweise die Karre wieder flott zu machen. So gegen 3 Uhr nachts fiel der erste Regen dieses Sommers. Das wäre ja normalerweise eine unendliche Wohltat gewesen, aber unglücklicherweise hatte ich ein frisch lackiertes Auto, das nun jeglichen Glanz verlor. Ich tröstete mich damit, dass es einwandfrei fuhr und somit bald die Heimfahrt antreten konnte. Mehr wollte ich ja gar nicht mehr.

Und so fuhren wir zurück, mit nur ganz wenig Pausen. Die meiste Zeit fuhr ich selbst, denn Boris hatte die Tendenz, am Steuer einzunicken, was mir große Angst machte.

Als ich endlich, endlich im mein Bett zu Hause sinken konnte, schwor ich mir, nie mehr mit dem Auto nach Bulgarien zu fahren. Noch nie in meinem Leben war ich so erschöpft.

Die ganze Reise erscheint mir im Rückblick wie ein böser Traum.

Boris Tagebuch 10.09.1989

Es fällt mir nicht immer ganz leicht, meine Gefühle ganz auszuschalten und während dieser Sommerreise nach Bulgarien tat mir Irmgard manchmal etwas leid.

Das Ganze war wahrhaftig nicht sehr amüsant für sie und sie hatte sich so sehr auf die Kreuzfahrt mit dem Segelschiff gefreut. Dabei hatte ich dies nur erfunden, um sie zu bewegen, sofort nach dem Umzug mit mir abzufahren. Ich musste einige feste Termine mit meinen Vorgesetzten einhalten. Sanchev empfiehlt mir immer, wenn Gefühle aufkommen wollen, solle ich mir vergegenwärtigen, dass Irmgard nicht als Mensch, sondern nur als Teil unserer großen und wichtigen Aufgabe gesehen werden darf.

Leicht fällt mir dies wirklich nicht, vor allem da ich schon lange nicht mehr mit Leib und Seele hinter dieser großen Aufgabe stehen kann. Ich bin Gefangener meines Engagements, zu dem ich mich als junger unreifer Mensch unter Druck verpflichtet habe. Ich hatte einfach nicht die Kraft, die sehr unangenehmen Folgen einer Ablehnung dieses zunächst so verlockend erscheinenden Angebots in Kauf zu nehmen. Statt eines privilegierten Lebens in vieler Hinsicht, auch für meine Eltern, hätte ich keinerlei Zugang zu einer guten Ausbildung gehabt. Also, keine Gefühlsduseleien, sondern vorwärts blicken und den Plan erfüllen!

Meine Vorgesetzten sind mit meiner bisherigen Arbeit sehr zufrieden und erwarten nun auch noch zusätzliche Informationen über Deutschland. Ich erhielt sogar meine erste Belobigungsurkunde.

Im Herbst soll ich mit Nadjeschda, die in Dänemark arbeitet, Kontakt aufnehmen und zwar persönlich an Ort und Stelle. Außerdem muss ich den bulgarischen Botschafter in Paris aufsuchen.

Man riet mir dringend, irgendeine Arbeit in Frankreich anzunehmen, sobald ich die Staatsangehörigkeit habe. Es ist wichtig, in das soziale Netz eingebunden zu werden.

Im September werden meine Eltern mein neues Zuhause kennen lernen. Sie wollen uns besuchen und einen Monat bleiben.

Ein kleiner Vorfall beunruhigt mich und ich hoffe, dies bedeutet nichts Schlimmes.

Gestern berichtete uns Barbara ganz aufgeregt, dass der Geheimpolizist bei ihr aufgetaucht sei und nach uns gefragt habe. Offiziell wohne ich ja dort. Nachdem sie sagte, wir seien im Augenblick nicht zu Hause, unterhielt er sich mit ihr und führte das Gespräch geschickt auf ihre Sommerferien, die sie immer in Rumänien verbringt, da sie dort Verwandte hat.

Zwei Tage später tauchte er noch einmal auf und es war eindeutig, dass er sich dieses Mal hauptsächlich für sie interessierte. Offensichtlich vermuten sie ein Netz, das sich von Rumänien nach Bulgarien spannt.

Mein Verdacht bestätigt sich. Die sind mir auf der Spur, haben nur keinerlei Handhabe, mir konkret etwas nachzuweisen.

Bei meinem täglichen Telefonkontakt mit Sanchev beruhigte er mich und versicherte, dass im Aufbau meiner Tätigkeit alles so aufgebaut sei, damit nichts aber auch gar nichts nachgewiesen werden könne.

Irmgard und Barbara haben sich sehr aufgeregt, denn als Beamtinnen dürfen sie auf keinen Fall mit dem geltenden Recht in Konflikt kommen. Die beiden sind natürlich fest davon überzeugt, dass der Polizist einer ganz falschen Fährte folgt, aber irgendwie spüren sie intuitiv etwas Ungewohntes und haben Angst, dass ihr so schön geregeltes Leben als Staatsbeamte in Gefahr sein könnte. Frauen haben ja manchmal einen sechsten Sinn.

Übrigens hatte Sanchev eine gute Idee, wie ich Thomas einwickeln könnte.

Ich soll ein angebliches Filmprojekt über ihn erarbeiten und ihn dabei in die Vorplanungen einbeziehen.

Nun, ja, versuchen kann ich es ja, aber das Dumme ist, dieser Kerl verursacht mir ein solches Unbehagen, dass es schwer sein wird, eine überzeugende Geschichte locker aufzutischen. Er hat eine Art, mich anzublicken mit seinem leicht amüsierten Lächeln, dass ich total den Boden unter den Füßen verliere. Wenn Sanchev von diesen Ängsten wüsste…

Irmgards Tagebuch 18.10.1989

Letztes Wochenende waren wir in Stuttgart, um einige Besuche zu machen und für

Boris etwas Kleidung einzukaufen.

Dabei bestand er darauf, für mich diesen traumhaften Pelzmantel zu kaufen.

Das kam so:

Wir entdeckten das Modell beim Bummeln im Schaufenster eines eleganten Pelzgeschäfts der Stuttgarter Königstraße.

Da Boris es liebt, mich beim Kleider anprobieren zu beobachten, schlug er vor, einfach zum Spaß in den Mantel zu schlüpfen, um zu sehen, wie ich darin wirkte.

Natürlich folgte ich dieser Aufforderung leicht geschmeichelt und stellte fest, dass mir dieses Kleidungsstück ausgezeichnet stand.

Der Preis war allerdings so hoch, dass an einen Kauf überhaupt nicht zu denken war.

Aber Boris redete mir zu: „Du musstest auf so vieles verzichten in letzter Zeit und wenn wir eine Ratenzahlung erreichen, dann möchte ich dir diese Freude gerne machen. Du siehst umwerfend aus in diesem Pelz. Bald werde ich Geld verdienen und dies soll mein Geschenk sein. Wagen wir es doch einfach!!"

Er hat es tatsächlich geschafft, mich zum Ratenkauf zu überreden, obwohl es ganz und gar unvernünftig und sogar unvorsichtig war. Wir bezahlten natürlich mit meinem Geld und doch

hatte ich das Gefühl, ein Geschenk von Boris erhalten zu haben.

Kehl, den 20.10.1989

Liebe Ursula,

die Ereignisse überstürzen sich, wer hätte je gedacht, dass Deutschland wieder vereint werden könnte! Und alles kam ja so überraschend!

Mich berührt diese politische Entwicklung ganz besonders, denn durch meine Ehe mit Boris bin ich ja aus nächster Nähe mit der Problematik des Eisernen Vorhangs konfrontiert gewesen. Wer hätte zum Zeitpunkt meiner Hochzeit ahnen können, dass so rasch eine Öffnung stattfinden würde.

Am 3. Oktober waren die Eltern von Boris noch bei uns und wir verfolgten gemeinsam die Ereignisse am Bildschirm. Ich hatte den Eindruck, dass die beiden zunächst nicht glauben konnten, dass das Wirklichkeit war. Vor wenigen Wochen mussten sie noch mühsam die Genehmigung zu dieser Besuchsreise beantragen und nun sollten sie in Zukunft ganz frei reisen dürfen, wenn sie das Geld dafür hatten. Unfassbar!

Der vierwöchige Besuch von Boris Eltern war für mich natürlich wieder sehr anstrengend, da wir in der Schule gleichzeitig Projektwochen organisieren mussten.

Ich mag die beiden ja sehr gerne und sie waren auch diskret und anspruchslos.

Noch nie hatten sie Gelegenheit gehabt, das Leben im kapitalistischen Westen so hautnah wahrzunehmen und was sie sahen war fast unerträglich, denn es stellte ihre ganze Lebensform und Ideologie in Bulgarien in Frage.

Immer wieder fragten sie, ob Auenheim denn wirklich ein normales Dorf sei. Natürlich sehen die Dörfer in Bulgarien ganz anders aus.

Ich glaube, sie fürchteten sich davor, allzu viele Eindrücke verkraften zu müssen und lehnten deshalb alle Vorschläge für irgendwelche Besichtigungen und Ausflüge ab. Die meiste Zeit verschanzten sie sich in unserem Schlafzimmer, das wir ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Es war wohl wie eine schützende Bastion für sie.

Da die Mutter Erzieherin war und der Vater Kinderarzt, zeigte ich ihnen meine Schule und ein Krankenhaus von innen. Ich spürte, dass die beiden nicht fassen konnten, wie reich dies alles ausgestattet ist.

Ein weiteres Problem war das Essen.

Natürlich bemühte ich mich zunächst, meine besten, bewährten Rezepte zu kochen. Sie aßen höflich, aber ohne große Begeisterung, das spürte ich wohl. Bei meinem Nachtisch „Parfait à l’orange“, mit dem ich immer großen Erfolg habe, sagte Boris Vater: „In Bulgarien schmeckt das Eis aber ganz anders.” In der Tat, er hat recht, denn ich habe es noch gut in Erinnerung. Es schmeckte hauptsächlich nach Chemie und nicht wie bei mir nach Grand Marnier.

Durch Zufall entdeckte ich aber dann, wie ich die beiden mit dem Essen glücklich machen konnte. Als ich einmal, nach der Schule, wirklich nichts mehr vorbereiten konnte, setzte ich ihnen kurzerhand weiße Bohnen und Würstchen vor, beides aus Aldidosen. Zum ersten Mal aßen sie mit großem Appetit und lobten das gute Essen.

Eine weitere heikle Situation ergab sich, als mein Sohn Thomas zum Abendessen kommen wollte. Da ich für Boris Eltern zehn Jahre jünger bin, kann Thomas unmöglich als mein Sohn vorgestellt werden. Zum Glück spielt er gerne Theater und war deshalb sofort bereit, die Rolle meines Neffen zu spielen, damit wir auch diese schwierige Klippe umschiffen konnten.

Du siehst, liebe Ursula, das Eheglück hat seinen Preis. Aber ich wusste schon von vornherein, dass nicht alles einfach sein würde und bin fest entschlossen, die Schwierigkeiten zu meistern.

Boris geht es gesundheitlich nicht sehr gut, seit er hier ist. Zunächst waren es diffuse Magenbeschwerden, jetzt plagt ihn ein Nervenentzündung im Arm. So kann er im Augenblick nicht daran denken, ernsthaft eine Arbeit zu suchen, sonders ist ständig mit Arztbesuchen beschäftigt.

Ich hoffe, dass sich alles einpendeln wird, wenn er endlich die französische Staatsangehörigkeit bekommen hat. Damit hat er bei Bewerbungen ganz andere Chancen. Manchmal mache ich mir doch etwas Sorgen, denn ich möchte keinen Ehemann, den ich auf Dauer aushalten muss.

Besuche uns bald mal wieder, damit ich nicht immer nur bulgarische Besuche habe!

Viele liebe Grüße

Dein Irmgard

Dienstanweisung für Genossin Iva Volkova

Antragstellung auf ein Besuchsvisum für Frankreich.

Auftrag als begleitende Informantin für den Genossen Boris Vasov.

Suchen einer Stelle als Praktiktantin in einem Architekturbüro mit dem Ziel einer festen Anstellung zur Erreichung einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung.

Wöchentliche Dokumentation der Lebensumstände vom Genossen B.V.

Abreise spätestens Ende des Jahres 1989.

Boris Tagebuch 17.11.1989

Nach den jüngsten politischen Ereignissen arbeiten meine Auftraggeber im Untergrund. Die Struktur scheint aber weiterhin zu bestehen.

Offensichtlich sind sie sehr verunsichert und haben Mühe, mit der neuen Situation umzugehen. Alles scheint aus den Fugen geraten zu sein und die Zukunft ist ein Buch mit sieben Siegeln. Natürlich habe auch ich keine Ahnung, wie alles weitergehen wird.

Zunächst haben sie beschlossen, meine Kusine Iva als begleitende Informantin für mich herzuschicken. Um Irmgard einen weiteren Gast schmackhaft zu machen, musste ich kürzlich einen etwas schärferen Ton anschlagen. Sie bekommt dann sofort Angst, meine Zuneigung zu verlieren und wird wieder gefügig.

Die Besuche von Sanchev gefallen ihr zum Glück recht gut, da er sich von seiner charmantesten Seite zeigt und als angeblich berühmter Filmregisseur ihrer Eitelkeit schmeichelt.

Der einwöchige Aufenthalt von Rumen vor kurzem war ein nicht so großer Erfolg, denn sie bemerkte, dass er sich abends immer auf dem Gelände eines Gebrauchtwagenhändlers aufhielt, um Autoteile auszubauen. Die gute Irmgard! An illegale Tätigkeiten ist sie nun eben leider überhaupt nicht gewöhnt!

Mein Versuch, Thomas einzuwickeln, ging total in die Hose.

Sofort, nach meinen ersten Worten klopfte er mir ironisch auf die Schulter mit der Bemerkung: „Lass nur, diese Anstrengungen kannst du dir sparen. Vor mir brauchst du keine Angst zu haben, denn mir macht es einen Riesenspaß, dass du ein Spion bist." Dabei hatte er wieder dieses unerträgliche Lächeln.

Trotzdem schaffte ich es zu antworten: „Na, dann kann ich ja beruhigt meine Agentenarbeit weiterführen." Ich hoffe, dass mein Gesichtsausdruck dabei locker und amüsiert wirkte. Ganz sicher bin ich mir da aber nicht.

Kehl, den 10.01.1990

Liebe Ursula,

ich hoffe, du hast das neue Jahr gut begonnen beim Wintersport und bist wieder voll leistungsfähig.

Bei uns war alles etwas anders, wie du ja weißt.

Aber zunächst die gute Nachricht:

Heute flatterte uns der Bescheid ins Haus, dass Boris die französische Staatsangehörigkeit erhalten hat. So rasch hätte ich es nicht erwartet, vor allem, da die Geheimpolizei offensichtlich immer noch meint, Boris sei ein Agent und unsere Ehe nur eine Scheinehe.

Von den Besuchen des Geheimpolizisten bei Barbara habe ich dir ja erzählt.

Es ist für mich völlig undurchsichtig, wie die Behörden arbeiten. Vielleicht spielte ja auch die damalige Intervention von Frau Trautmann eine Rolle bei der so raschen Abwicklung von Boris Antrag. Wie dem auch sei, für uns ist es eine sehr große Erleichterung, denn nun kann Boris endlich ernsthaft beginnen, hier in Frankreich beruflich Fuß zu fassen.

Ich bin mehr und mehr beunruhigt, denn bisher bemühte er sich sehr wenig um eine Vollzeitarbeitsstelle. Es scheint mir, dass er vor den Zwängen einer vollen Berufstätigkeit zurückschreckt, da er dies auch noch nie kennen gelernt hat.

Vor Weihnachten war wieder Herr Sanchev da, sein ehemaliger Chef, den ich sehr schätze. Er ist gebildet und spricht fließend Französisch, so dass wir uns gut unterhalten können über die verschiedensten Themen. Das ist immer äußerst anregend für mich. Da nehme ich die Mühe mit der ewigen Kocherei gerne in Kauf.

Aber Boris widmete seine ganze Zeit natürlich wieder dem Gast und für anderes ist dann kein Platz mehr.

Dass nun aber auch noch Boris Kusine Iva auftauchte am 2.Januar, das war mir entschieden zu viel, vor allem, da sie drei Monate bleiben will.

Sie will eine Stelle als Praktikantin in einem Architekturbüro suchen und ich vermute stark, dass sie ein Hintertürchen sucht, um für immer bleiben zu können.

Ich habe erreicht, dass meine Freundin Ilse sie in Strasbourg als Untermieterin aufnimmt, sobald es mit einer Praktikantenstelle klappt. Ich kann einfach nicht mehr mit diesen ständigen Besuchen leben und Boris muss auch Zeit für sich haben.

Liebe Ursula, vielleicht kommt es von meinen Sorgen und Ängsten und den Konflikten mit Boris, dass mein schönes, blondes Haar ausfällt. Vorne habe ich schon eine ganz kahle Stelle.

Trotzdem ist es schön, mit ihm zu leben, endlich einen Menschen zu haben, der ganz zu mir gehört.

Du hast ja erlebt, wie liebevoll und aufmerksam er ist. Sicher bin ich auch zu ungeduldig, denn er braucht einfach Zeit, um sich an unsere so ganz anderen Lebensumstände zu gewöhnen.

Ganz liebe Grüße

deine Irmgard

Boris Tagebuch 4.2.1990

Ich habe mein Ziel erreicht

Rückwirkend seit dem 1.Januar bin ich französischer Staatsbürger. Wie schade, dass unser sozialistisches System zusammengebrochen ist, denn ich hätte dadurch zu den oberen Genossenen gehört. Meine Mission wurde mit Bravour ausgeführt.

Im Augenblick arbeite ich mit Sanchev nach dem alten Muster weiter, denn wir hoffen immer noch, dass die alte Garde wieder das Ruder ergreifen kann.

Es heißt jetzt also, den Plan C durchzuführen, die progressive Ablösung von Irmgard und schließlich der Ausstieg aus der Ehe.

Dies habe ich mit Sanchev zusammen in allen Einzelheiten ausgearbeitet bei seinem letzten Besuch.

Es wird nicht einfach werden, denn Irmgard ist in keiner Weise darauf vorbereitet.

Ich darf mich auf keinen Fall wieder von Gefühlen übermannen lassen, was mir sehr schwer fällt. Ich muss wirklich anerkennen, diese Frau hat bisher wie ein tapferer kleiner Soldat gekämpft. Nun werde ich mit ansehen müssen, wie sie nach und nach erkennt, dass alle Mühe vergebens war. Ihr so mühsam errichtetes Gebäude einer Zukunftshoffnung wird immer brüchiger werden und schließlich zusammenstürzen. Sie wird nicht verstehen, welchen Fehler sie gemacht hat und tief verzweifelt sein. Gerne möchte ihr sagen : Du hast nur einen einzigen Fehler gemacht, du hast mich zu sehr geliebt.

Aber ist dies ein Fehler?

Könnte ich Irmgard nicht eher beneiden dafür, dass sie bei der ganzen Geschichte authentisch leben konnte? Ich dagegen lebe wie ein zerrissener Mensch und muss liebevolle Gefühle bekämpfen und unterdrücken. Oft überkommt mich die Angst vor den psychischen Folgen einer solchen Lebensform.

Ein Zurück ist nicht mehr möglich und ich muss diesen Weg bis zum Ende gehen, so schwer es mir auch manchmal fällt.

Irmgards Tagebuch 17.8.1995

Ganz allmählich bin ich wieder fähig, über mich zu schreiben.

Ich den letzten Jahren lebte ich in einem tiefen Loch, unfähig die Ereignisse in meinem Leben in irgendeiner Weise einzuordnen.

Auch heute verstehe ich noch nicht voll und ganz, warum Boris am Ende eine totale Trennung von mir wollte.

Damals, als er nun endlich die französische Staatsbürgerschaft hatte, war ich so voll von neuer Zuversicht für unsere gemeinsame Zukunft.

Ich bewunderte ihn sehr, als er die Tätigkeit als Nachtwache in einem Altersheim annahm, um endlich einen festen Arbeitsvertrag zu haben. Er scheute sich nicht, die verschmutzten Betten von schwer pflegebedürftigen Heiminsassen zu reinigen und durch seine herzlich Art war er sehr beliebt. Wie schön war die Weihnachtsnacht, die ich dort mit ihm verbrachte, weil er Dienst hatte.

Heute muss ich mir eingestehen, dass ich es einfach nicht wahrhaben wollte, wie sich das Verhalten von Boris unmerklich veränderte. Die körperliche Intimität war schon seit einiger Zeit eingeschlafen. Er begründete es damit, dass er sich in unserer Gesellschaft nicht als vollwertiges Mitglied fühlen könne, solange er beruflich nicht seinen Qualifikationen entsprechend arbeite. Dies hätte zwangsläufig Auswirkungen auf seine Libido.

Das konnte ich verstehen und akzeptieren.

Er machte mir oft aus unerfindlichen Gründen Szenen und Vorwürfe, ließ mich bei Verbredungen eine Stunde warten und war ungeduldig und unzufrieden. Diesen Veränderungen versuchte ich mit liebevollen Aufmerksamkeiten zu begegnen. Dies schien ihn aber noch mehr zu reizen. Einmal machte er mir harsche Vorwürfe, weil ich ihn mit seinem Lieblingsgericht, einer selbstgebackenen Pizza, überraschte. Er fühle sich dadurch manipuliert, sagte er.

So war ich mehr und mehr hilflos und verzweifelt.

Boris schlug vor, dass wir in getrennten Wohnungen leben, um wieder zu einer neuen entspannteren Form unserer Paarbeziehung zu finden. Darüber war ich sehr erleichtert, denn eigentlich hatte ich das Zusammenwohnen nur akzeptiert, weil es in unserer Situation notwendig war. Der Lebensrhythmus mit den ständigen Besuchern aus Bulgarien hatte mich inzwischen total ausgelaugt.

Boris fand auch eine Wohnung in Strasbourg, die er aber nur bekam, weil ich meinen Beamtenstatus vorweisen konnte als Sicherheit.

Plötzlich wurde mir bewusst, welches finanzielle Risiko dies für mich bedeutete. Sollte Boris eines Tages wieder arbeitslos sein, so würden alle Kosten auf mich fallen.

Als ich mit ihm darüber sprach, lachte er mich aus wegen meiner mangelnden Risikobereitschaft und schlug vor, uns pro forma scheiden zu lassen, damit für mich diese Ängste aus der Welt geschafft seien. Dies würde ja nicht ausschließen, dass wir vor der Welt weiter ein Paar blieben und für uns sei es eine Beziehung ohne Belastungen. Die Scheidung würde nur auf dem Papier existieren.

Dies schien mir eine elegante, unkonventionelle Lösung zu sein. Ich muss bekennen, ich war sogar erleichtert. Boris hatte nämlich zu erkennen gegeben, dass er nur so lange arbeiten wolle, bis es möglich war, Arbeitslosengeld vom französischen Staat zu bekommen.

Und glitt ich also in meinen dritten Scheidungsprozess, ohne es eigentlich im Tiefsten zu wollen.

Sicher läuft eine Scheidung selten so reibungslos ab.

Boris hatte einen jungen Rechtsanwalt ausfindig gemacht, der die ganze Sache für einen vorher vereinbarten Minimalpreis über die Bühne brachte.

Das war möglich, da es nichts zu regeln gab außer der Auflösung der Ehe.

Beim Gerichtstermin glaubte ich fest daran, dass dies nur eine Formalität war, die an unserer Zusammengehörigkeit als Paar nichts ändern würde.

Boris gab mir aber immer wieder zu verstehen, dass dies nur notwendig sei, weil ich mit der klassischen Ehe nicht zurechtgekommen sei durch meine übertriebenen Ängste im materiellen Bereich. Er hätte von einer Paarbeziehung ganz andere Vorstellungen. Er sei aber bereit, diesen Schritt, die Scheidung, für mich zu tun. Sozusagen als Liebesbeweis.

So begann unser neuer Lebensabschnitt als (heimlich) geschiedenes Paar.

Sehr bald merkte ich, dass von Boris nie eine Initiative ausging, um Pläne für unsere gemeinsamen Stunden zu machen. Immer war ich es, die ihn anrief, um uns zu verabreden. Die Wochenenden wollten wir ursprünglich regelmäßig gemeinsam verbringen.

Es fiel mir schwer, mir ehrlich einzugestehen, dass das Zusammensein mehr und mehr unbefriedigend war, denn Boris wirkte sehr lustlos und Intimitäten ging er ganz aus dem Weg.

Oft kam er auch zu spät oder vergaß eine Verabredung ganz. Ich fühlte mich gedemütigt durch dieses Betteln um Zuwendung.

Erst heute, mit der notwendigen Distanz werde ich mir darüber klar, dass er sicher ganz bewusst, einen Ablösungsprozess stufenweise inszenierte.

In dieser schwierigen Zeit, wurde mir überraschenderweise, eine Stelle als Schulleiterin angeboten. Nie hätte ich mich selbst darum bemüht, da ich ja viel zu sehr mit meinen Beziehungsproblemen beschäftigt war.

Alles ging sehr rasch und ich musste mich innerhalb einiger Tagen entscheiden. Ich war gerührt, wie sehr sich Boris darüber freute. „Endlich hat jemand deine Fähigkeiten erkannt. Du musst unbedingt annehmen," meinte er . Und das tat ich dann auch, denn eine Bestätigung im Beruf war ein heilsamer Ausgleich für meine privaten Niederlagen.

Und dann kam dieser Samstagabend, an dem Boris unserer Beziehung den Todesstoß versetzte.

Ich hatte ihn in seiner kleinen Wohnung in Strasbourg besucht. Nach dem gewohnten recht kühlen Empfang erklärte er mir, dass er mit seiner Erziehung in einer anderen kulturellen Tradition, eine Paarbeziehung in dieser Form nicht weiter leben könne. Für ihn sei die Sehnsucht nach Familie tief verwurzelt und er wolle sich ganz von mir trennen, um frei zu sein für eine spätere neue Bindung.

Zum Glück gelang es mir, Haltung zu bewahren. Ich drückte ihm aus, dass ich dieses tiefe Bedürfnis respektieren müsse und verabschiedete mich so rasch wie möglich, um zu Hause meiner Verzweiflung freien Lauf zu lassen. Auf keinen Fall wollte ich vor ihm eine Szene machen.

Die schwerste Zeit ist nun längst vorbei.

Zum Glück hatte ich damals meine Freunde, die mich verständnisvoll unterstützten. Auch die neue Arbeitsstelle, die mich voll und ganz forderte, war eine große Hilfe.

War diese ganze Geschichte vielleicht ganz anders?

Hatte Thomas als Einziger sofort erkannt, wer Boris war?

Langsam fügen sich die Ereignisse, wie Puzzleteile zu einem Bild zusammen, das immer klarer wird.

Wie konnte ich nur so blind sein?

Johannes und die Macht der leeren Worte

( epub )

Der Fluch des Sündenfalls

Lass mich damit in Ruhe, du weißt, für mich war Johannes unser letztes Kind.

Schon damals wollte ich kein sechstes Kind, aber er ist nun einmal da und ehe er geboren wurde, haben Adelheid und Ullrich ihm ja Platz gemacht.

Du hast keine Ahnung was dies alles für eine Frau bedeutet! Du hast nur das Vergnügen dabei! Ich will nicht mehr!"

Johannes war vier Jahre alt, als er von diesen hastig hervorgestoßenen Worten aufgeweckt wurde.

Er spürte, dass es hier auch um ihn ging.

Aber vor allem weckten diese Worte Fragen in ihm, die er nie stellen würde.

Wollte Mutter nicht, dass er geboren wurde?

Was wollte der Vater von der Mutter und warum hatte dies etwas mit einem Kind zu tun?

Hatte Vater ein Vergnügen mit der Mutter, das ihr aber nur Kummer bereitete?

Mussten seine Geschwister Adelheid und Ullrich an dieser schlimmen Krankheit sterben, damit er Platz hatte?

War er vielleicht mit schuld an ihrem Tod?

Dies war seine früheste Kindheitserinnerung, die prägend wurde für alles, was später geschah.

Erst als Vierzehnjähriger fand er Antworten auf diese Fragen.

Pfarrer Seelinger hatte im Konfirmandenunterricht eine spezielle Unterrichtsstunde für die Jungen veranstaltet.

Er erklärte ihnen, wie sehr wir Menschen unter dem Fluch des Sündenfalls stehen.

Für die Männer bedeute dies, dass die Versuchung, den Sünden des Fleisches zu verfallen, ständig da sei.

Er erklärte, dass diese Versuchungen standhaft bekämpft werden müssten mit der Hilfe unseres Herrn Jesu Christi, der uns die Keuschheit vorgelebt habe.

„Betet zu ihm, sobald ihr das körperliche Begehren spürt und es wird euch gelingen, dies im Glauben zu bewältigen.

Auch körperliche Ertüchtigung kann sehr hilfreich sein. Aber vor allem das Gebet."

Nun Johannes wusste nur zu gut, wovon Pfarrer Seelinger sprach. Wie sehr musste besonders er vom Sündenfall geprägt sein, denn die Gedanken an die Sünden des Fleisches verfolgten ihn beinahe Tag und Nacht.

Leider änderten regelmäßige Gebete und viel Sport ganz und gar nichts an diesen sündhaften Qualen.

„Nur im geschützten Raum der Ehe dürft ihr, ohne sündig zu werden, den Akt der Begattung ausüben, damit Gott euch Kinder schenke."

Eine Frage blieb für Johannes allerdings noch offen.

Warum schienen die Mädchen von dem Fluch dieser Versuchungen verschont zu sein?

Später sollte er verstehen, dass die Frauen unter einem anderen Fluch leiden mussten.

Das Geschenk der Kinder war mit viel Leiden verbunden und da, wo der Mann seine Lust gelebt hatte, entstand für die Frau eine lange Zeit des Martyriums.

Um ihr dies nicht allzu oft zuzumuten, musste der Mann also auch in der Ehe seine fleischliche Lust mit Hilfe des Glaubens zähmen.

Weiterhin quälten Johannes viele heikle Fragen.

War die Krankheit des Vaters, die sich nun schon zwei Jahre hinzog, eine Strafe für seine Unkeuschheit?

War es wirklich so, dass Lilly, das Hausmädchen, gehen musste, weil Großmutter unseren Vater bei unkeuschen Handlungen mit ihr erwischt hatte?

Dies hatte mir Greta unter dem Siegel der unbedingten Verschwiegenheit anvertraut.

Allerdings hatte sie ein Gespräch zwischen Vater und Mutter belauscht, aus dem hervorging, dass Vater bereit war, sich das, was ihm unsere Mutter im Bett verweigerte bei Lilly holen wollte.

Es war undenkbar, dies irgendeiner Person gegenüber auszusprechen. Zwar ermutigte Pfarrer Seelinger die zukünftigen Konfirmanden immer wieder, alles was sie bedrücke, ihn zu fragen, damit sie am Tag der Konfirmation befreit und gereinigt vor den Herrn treten könnten.

Johannes aber wollte nicht, dass jemand in die intime Struktur der Familie Gabriel eindrang und so verschloss er alles in seinem Inneren.

Eines wurde immer klarer für ihn.

Die unseligen Versuchungen des Fleisches waren ein entsetzlicher Fluch des Sündenfalls und nur durch den Dienst an unserem Herrn Jesus konnte er hoffen, davon befreit zu werden.

Gab es Menschen, die härter durch den Sündenfall belastet waren?

Es musste wohl so sein. Und wenn es so war, dann gehörte er zu diesen unglückseligen Kreaturen, denn das, was Pfarrer Seelinger das männliche Glied nannte, war bei ihm fast ständig steif und groß. Und er hatte doch gelernt, dass dies nur so sein dürfe, wenn er in der ehelichen Gemeinschaft mit seiner ihm von Gott angetrauten Frau, ein Kind zeugen wolle.

Warum wirkten denn die Gebete nicht, wo Jesus doch alle Menschen vom Fluch des Sündenfalls erlöst hatte?

Fragen über Fragen, auf die es keine Antwort gab.

Aber dann kam der Tag, an dem Johannes lernte, seine Fragen selbst zu beantworten.

Frau Hoffmann, die Nachbarin, holte ihn aus der Schule und erklärte, dass er nun der Mann in der Familie sein müsse, da sein Vater gestorben sei.

Mutter. Greta, Marlene und Dora empfingen ihn, schwarz gekleidet, mit steinernen Mienen und führten ihn ins Schlafzimmer.

Hier lag Vater, unbeweglich, mit gefalteten Händen, steif und abgemagert. Er sah nicht mehr aus wie einer, der den Sünden des Fleisches verfallen ist. Vielleicht wirkte die Erlösung durch unseren Herrn Jesus erst nach dem Tod?

Johannes entdeckt die Macht der leeren Worte

In den folgenden Tagen hatte Johannes Mühe, die Realität des Geschehens zu erfassen.

Er fühlte sich wie ein Beobachter, der außerhalb steht ohne jeden Bezug zu allem, was um ihn herum ablief.

Eines spürte er aber sehr genau. Ihm kam im familiären Drama eine Sonderrolle zu.

Pfarrer Seelinger war häufig im Haus und schloss sich dann mit Mutter im Wohnzimmer ein.

Greta, die nur zwei Jahre älter war als Johannes, erklärte ihm, dass sie nun, nach Vaters Tod kein Geld mehr hätten.

Nach dem unseligen Krieg ist sowieso alles schwierig.

„Es bleibt uns nur noch das Haus und wir drei Schwestern müssen sofort etwas finden um Geld zu verdienen. Sogar Dora, die von Vater die künstlerische Begabung geerbt hat, muss die Kunsthochschule verlassen und eine Bürostelle annehmen. Marlene, die ja nie besonders gerne gelernt hat, macht es nicht viel aus, aber für mich und Dora ist es schrecklich, wir möchten so gerne weiter lernen und haben überhaupt keine Lust, in einem Büro zu arbeiten.

Natürlich darfst du weiter ins Gymnasium gehen, denn du bist ja ein Junge."

Ständig war das Haus voller Besuche, die alle irgendetwas Gutes über den Vater erzählten.

Johannes aber hatte herausgefunden, dass er von seinem Versteck im Gartenhäuschen die Gespräche der erleichtert abziehenden Dorfbewohner belauschen konnte ohne gesehen zu werden.

Er erfuhr dabei so einiges.

Offensichtlich war Vater im Dorf nicht sehr beliebt gewesen.

Viele sahen in seiner Schwindsucht und dem frühen Tod die Strafe für ein sündhaftes Leben und äußerten sich voll Mitgefühl für die Hinterbliebenen für die der leichtsinnige Künstler so wenig vorgesorgt habe.

Immer mehr wuchs in Johannes die Überzeugung, dass er dazu ausersehen war, die sündhafte Befleckung der Familie wieder reinzuwaschen.

Dieser Gedanke beherrschte sein ganzes Wesen während der Beerdigungsfeier so dass er um sich herum nichts wahrnehmen konnte.

Würde er fähig sein, diese schwere Bürde zu tragen?

Und wie sollte er, der ja offensichtlich das verhängnisvolle Erbe des sündhaften Vaters in sich trug, diesen göttlichen Auftrag erfüllen?

Der Wunsch, die fleischliche Lust zu erleben, war sein ständiger Begleiter.

Ein sanfter Druck von Mutters Hand auf seinem Arm ließ ihn aufschrecken.

„Johannes, du bist nun der Mann in der Familie, sag ein Wort zu den Trauergästen!"

Erst da wurde er gewahr, dass sie im Gasthaus zum Lamm um einen riesigen Tisch versammelt waren bei Kaffee und Hefekranz. Alle Augen waren erwartungsvoll auf ihn gerichtet. Und da wusste er, er musste sprechen.

„Wir alle stehen heute unter dem Kreuz und spüren die unsäglichen Schmerzen und Qualen, die unser Herr Jesus Christus für uns alle gelitten hat.

Demütig und beschämt weinen wir, denn wir wissen wohl, wie unwürdig wir sind und wie wenig wir dieses Opfer unseres Heilands verdient haben.

Liebe Mutter, liebe Schwestern, wir leiden heute, weil wir unseren Vater verloren haben. Dieses Leiden aber führt uns dahin, immer mehr unserem Herrn nachzufolgen.

Deshalb wollen wir unser Kreuz willig annehmen, denn es führt uns zum Herrn.

Liebe Greta, Marlene und Dora, seid deshalb nicht mehr traurig, dass ihr die Schule verlassen musstet, um nun im Büro Geld zu verdienen für unser tägliches Brot. Freut euch, denn ihr seid ausersehen, den Leidensweg Christi mitgehen zu dürfen.

Schon jetzt sehe ich um euch ein heiliges Leuchten.

Ich aber habe heute den Ruf verspürt, mein Leben dem Dienst an der Verkündigung zu weihen.

Lieber Pfarrer Seelinger, bitte sprechen sie für uns und unseren erlösten Vater ein Dankgebet. Dank, dass wir zum Leiden auserwählt wurden."

Noch nie hatte jemand Johannes mit dieser ganz neuen tief klingenden Stimme reden hören.

Er selbst war überrascht, wie diese Worte ganz von selbst aus ihm herausgeflossen waren. Es war, als ob ein anderer aus ihm spreche.

Seinen Worten folgte ein minutenlanges Schweigen. Alle saßen mit gesenkten Augen und wagten nicht, den Blick zu heben. Die Mutter und die Schwestern blickten starr auf die Kaffeetasse vor ihnen und Tränen rannen über ihre unbewegten Gesichter.

„Der heilige Geist ist über ihn gekommen!" flüsterte die alte Lina. Sie war die Ärmste im Dorf und kaum jemand kümmerte sich um sie.

Aber nun griffen alle dieses Wort auf und raunten andächtig: „Der heilige Geist ist über ihn gekommen!"

Pfarrer Seelinger aber erhob die Hände und legte sie auf Johannes Kopf: „Der heilige Geist bleibe allzeit mit dir, er ist heute über dich gekommen."

Dann sprach er sein Dankgebet.

Danach war vieles anders .

Die Menschen begegneten Johannes in einer neuen Art.

Zunächst fiel es ihm bei Greta auf. Bisher mäkelte sie ständig an ihm herum, weil er in der häuslichen Gemeinschaft keinerlei Pflichten übernahm und immer vorgab, für die Schule arbeiten zu müssen.

Wie groß war daher seine Überraschung als ihn Greta am nächsten Morgen nach der Beerdigung mit einem liebevoll vorbereiteten Frühstückstablett weckte, noch bevor sie selbst zu ihrer ungeliebten Büroarbeit aufbrechen musste.

Mutter und die Schwestern sahen nun ganz anders aus. Sie trugen selbstgenähte, schwarze, unförmige Kleider und wirkten immer freudlos und erschöpft.

Früher waren sie stets nach der allerneuesten Mode gekleidet, darauf legte Vater großen Wert. Er selbst war es ja, der die Modelle meist entworfen hatte. Als er noch gesund war, verdiente er damit sehr viel Geld.

Johannes tröstete die Frauen: „Wie gut es doch ist für euch, nicht mehr von all diesem eitlen Tand abgelenkt zu werden. All diese weltlichen Dinge hätten euch mehr und mehr vom reinen Glauben abgebracht. Auch die sündigen Begierden der Männer finden nun keine Nahrung mehr. Alles hat unser Herr zu unserem Heil so gelenkt."

Solche Reden schienen zwar nicht dazu beizutragen, eine neue Lebensfreude bei den Frauen hervorzurufen, aber dennoch wurde Johannes von ihnen verwöhnt und mit großer Ehrerbietung behandelt. Sehr schnell gewöhnte er sich daran und nahm es als etwas Selbstverständliches an.

Eine andere Begebenheit zeigte ihm, dass für ihn eine ganz neue Lebensphase begonnen hatte.

Dorothea, die Tochter von Pfarrer Seelinger, war für Johannes schon seit einiger Zeit ein großes Problem. Sie war in seinem Alter und besuchte das Mädchengymnasium.

Er begegnete ihr zweimal in der Woche, denn sie kam immer nach Hause, wenn der Konfirmandenunterricht zu Ende war. Johannes war jedes Mal in Versuchung, sie in ein Gespräch zu verwickeln, denn sie war für ihn die perfekteste Versuchung des

Fleisches, die er sich vorstellen konnte. Er wagte es aber nie, denn die Wirkung, die ihr Körper auf ihn hatte, war verheerend.

Bei der nächsten Begegnung aber stellte Johannes eine erstaunliche Wandlung bei sich selbst fest.

An diesem Tag war es Dorothea, die ihn ansprach, um ihr Beileid auszudrücken.

„Die zum Leiden Auserwählten sind vom Herrn geliebt. Ich trage deshalb mein Kreuz mit Freude und Dankbarkeit."

Während er sprach, ging eine Veränderung in ihm vor. Mit einem Schlag war die quälende Versuchung des Fleisches verschwunden und er spürte gleichzeitig, dass er, während er sprach, von Dorothea ganz und gar Besitz ergriffen hatte. Dies erzeugte in ihm ein bisher noch nie empfundenes Lustgefühl.

Schnell verabschiedete er sich, denn dieses so neue Phänomen machte ihm zunächst Angst und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.

Er spürte aber, dass Dorothea gerne noch weiter mit ihm gesprochen hätte.

In den nächsten Tagen stellte er immer wieder fest, dass sich in seinem Verhältnis zu Frauen etwas Grundsätzliches verändert hatte. Allerdings konnte er die Zusammenhänge noch nicht verstehen.

Ausnahmsweise war es an einem der nächsten Tage Johannes, der zur Metzgerei geschickt wurde, um etwas Wurst zum bescheidenen Abendbrot zu besorgen. Frau Üppig, die Gattin des Metzgers bediente ihn persönlich und Johannes sah mit Schrecken, dass sie, wie immer, die letzten Knöpfe ihres Arbeitskittels geöffnet hatte, so dass ihr schwellender Busen fast zur Hälfte zu sehen war.

„Unser Tisch zu Hause ist nicht mehr reich gedeckt wie früher, aber wir wissen, dass unser Herr Jesus auch die mageren Gaben reich gesegnet hat und so auch in schweren Zeiten für uns sorgt"

Wie von selbst waren die Worte aus seinem Munde gekommen und wieder spürte er, dass die körperliche Erregung diesem ganz neuen Lustgefühl Platz machte, das er vor einigen Tagen im Gespräch mit Dorothea verspürt hatte. Auch Frau Üppig schien ihm auf rätselhafte Art ergeben zu sein.

Das männliche Geschlecht reagierte ganz anders, wenn Johannes mit der „Zunge des Heiligen Geistes" redete, so benannte inzwischen die Mutter seine neu entdeckte Redebegabung.

Seine Schulkameraden schauten ihn meist mit großem Unbehagen an, wenn er „so" sprach. Sie antworteten nichts darauf und versuchten sich so rasch wie möglich von ihm zu entfernen.

Schon bisher hatte Johannes keine engeren Freunde unter den Gleichaltrigen gehabt. Er war es gewohnt, viel allein zu sein. Auch spürte er, dass seine Kameraden nichts verstanden hätten, wenn er mit ihnen von dem gesprochen hätte, was ihn Tag und Nacht beschäftigte.

Nun mieden sie ihn so weit wie möglich.

Aber dies wurde ausgeglichen durch das große Interesse, das ihm die Frauen plötzlich entgegenbrachten.

Befreiend dabei war, dass er nun keine Angst mehr haben musste vor der unkontrollierbaren Begierde des Fleisches. Sobald der Heilige Geist seine Zunge bewegte, war diese verschwunden und machte einem berauschenden Gefühl Platz, einem Gefühl von Macht und Besitz.

Anfechtungen

Günter Klewer bekam sofort nach seinem Biologiestudium eine erste Anstellung am Melanchthongymnasium in Stuttgart

Es war dies eine Jungenschule, die stark vom württembergischen Pietismus geprägt war.

Günter war weit entfernt vom Geist dieser Art der Frömmigkeit. In seiner Unerfahrenheit dachte er, dass dies kein Problem sein würde, da er ja Biologie und nicht Religion zu unterrichten hatte.

Allerdings stellte er schon am ersten Tag fest, dass in dieser Bildungsanstalt absolute Anpassung an den äußeren Stil des Hauses gefordert wurde. Wie sehr sich diese Anpassung auch auf geistige Bereiche ausbreiten sollte, erfuhr er erst nach einiger Zeit.

Günter gehörte zu einer Gruppe junger Menschen, die sich dem Geist der Jugendbewegung verbunden fühlten. Diese Jugendlichen genossen es, von vielen Zwängen befreit zu sein. Unter anderem hatten sie die einengenden steifen Kragen abgelegt, trugen offene Hemden und Kniggerbockerhosen. Für die Mädchen bedeutete die neue Freiheit, dass sie lockere bequeme Kleider tragen konnten ohne Korsett, im Sommer mit kurzen oder gar keinen Ärmeln und oft sogar ohne Strümpfe, was einer kleinen Revolution gleichkam.

Am Melanchthongymnasium aber hatte eine Lehrkraft in der traditionellen Kleidung zu erscheinen. Das hieß dunkler Anzug mit steifem Kragen und Krawatte für die Herren und dunkle, eingeschnürte Kleidung, die alles bedeckte, für die Lehrerinnen.

Günter spürte, dass diese Forderung seinem Schwung und Idealismus, mit dem er diese Berufslaufbahn beginnen wollte, einen harten Schlag versetzte.

Es war undenkbar, sich diesen Anweisungen als Anfänger entgegenzusetzen und so tröstete er sich damit, dass er diese Verkleidung nur als Äußerlichkeit betrachten wollte. Seine innere Freiheit würde ihm niemand nehmen können.

Der Schüler Johannes Gabriel war Günter sofort aufgefallen.

Nicht nur durch seine Trauerkleidung stach er ab von der Masse der übrigen Schüler.

Nein, es war dieser Gesichtsausdruck.

Günter las darin ein Gemisch von komplexen und widersprüchlichen Gefühlen.

Eine gespielte Selbstsicherheit, die geradezu arrogant wirken konnte, hinter der sich aber die große Not des Suchenden verbarg. Johannes schien wie durch eine unsichtbare Mauer von seinen Mitschülern getrennt.

Er war ein aufmerksamer und fleißiger Schüler mit einer raschen Auffassungsgabe.

Wie überrascht aber war Günter Klewer, als Johannes eines Tages völlig überraschend das Wort ergriff und dies in einer Art, wie es dieser junge Lehrer nie vermutet hätte.

An jenem Tag hatte Günter der Klasse die Evolutionslehre von Darwin erklärt.

Plötzlich stand Johannes auf, ohne sich vorher gemeldet zu haben, und ergriff das Wort:

„Ich kann und darf es nicht dulden, dass hier das Schöpfungswerk unseres ewigen Gottes geleugnet wird.

Wir lesen in der Heiligen Schrift, dass unsere Welt, und als Krönung, wir Menschen in sechs Tagen erschaffen wurden .

Dieser Darwin muss vom Teufel besessen sein, wenn er dies mit seinen Theorien leugnen will.

Natürlich hat der Versucher schon immer kluge Methoden angewandt, um uns Menschen in seinen Bann zu ziehen.

Aber die Wahrheit steht in der Heiligen Schrift!"

Johannes sprach diese Worte mit fester, ruhiger Stimme.

Vollkommen ruhig holte er darauf eine kleine Bibel, die er immer mit sich führte, aus seiner Schultasche, schritt unter den erstaunten Blicken der Mitschüler zum Pult des Lehrers und legte das kleine schwarze Buch in Günter Klewers Hand.

„Ich möchte nach dem Unterricht mit dir darüber sprechen," war Günters ruhige Antwort in der gespannten Stille des Klassenraums.

Günter schlug Johannes vor, ihn am Nachmittag in seiner kleinen Wohnung am Stadtrand zu besuchen, um dieses wichtige Gespräch nicht in der unpersönlichen schulischen Atmosphäre führen zu müssen.

Johannes war einverstanden, denn es reizte ihn, die private Umgebung des Lehrers kennen zu lernen.

Natürlich hätte keiner der anderen Lehrer oder Lehrerinnen so etwas vorgeschlagen, Schule und Privatleben waren streng getrennte Welten.

Johannes war nun sechzehn Jahre alt. Zuhause lebte er in einer Welt, die von Frauen geprägt war und in dem kleinen Dorf auf der Filderebene gab es außer Pfarrer Seelinger keinen männlichen Erwachsenen, der ihm als Vorbild und Leitfigur hätte dienen können.

Herr Klewer hatte ihn sofort fasziniert. Er spürte, dass dieser junge Lehrer in einer ganz anderen Welt lebte. Einer Welt der inneren Freiheit, deren unbekümmerte Fröhlichkeit er ausstrahlte. Dies übte eine sehr starke Anziehung auf ihn aus.

Gleichzeitig aber musste er dies ablehnen, denn ein Akzeptieren hätte sein religiöses Korsett, das er sich in den letzten Jahren systematisch aufgebaut hatte, zum Wanken gebracht.

Und so kämpften in seinem Inneren zwei entgegengesetzte Mächte miteinander.

Der Schritt allerdings, den er mit einem Besuch in der Privatwohnung von Günter Klewer tat, war gefährlich. Er brachte ihn in unmittelbare Nähe zu diesen faszinierenden Mächten, die Johannes bisher so verbissen bekämpft hatte.

Eine neue, ihm bislang völlig unbekannte Welt, tat sich für ihn auf.

Günter Klewer bewohnte eine kleine Dachwohnung und er führte Johannes an diesem Sommernachmittag auf die kleine Dachterrasse, die mit vielen bunten Topfpflanzen geschmückt war.

Von einer mit buntem Stoff bezogenen Liege erhob sich eine junge Frau.

Johannes fühlte sich wie gelähmt bei ihrem Anblick. Jedes Denken war ausgeschaltet und er konnte nur sehen, riechen und seine Gefühle wahrnehmen.

Sie trug ihr glänzend glattes, schwarzes Haar in einem kurzen Pagenschnitt. Ein seltsam

bittersüßer Duft ging von ihr aus. Ihre Körperformen waren unter einem leuchtend roten, lose fallenden, langen Gewand zu erahnen. Offensichtlich war sie darunter völlig nackt. Ihr Gesicht war beherrscht vom Strahlen ihrer riesigen dunkelblauen Augen und einem großen, sinnlichen Mund, der in der Farbe des Kleides tiefrot geschminkt war.

Solche Frauen hatte Johannes bisher nur auf Abbildungen gesehen. Sie gehörten für ihn zum Bereich des Teuflischen.

Unbekümmert streckte sie ihm ihre Hand entgegen, deren Fingernägel ebenfalls blutrot lackiert waren, während Günter Klewer sie als seine Freundin Marina vorstellte.

„Ich ziehe mich zurück, denn ihr habt offensichtlich wichtige Dinge zu bereden.

Danach können wir ja gemeinsam eine Tasse Tee trinken. Ich bringe euch aber jetzt schon etwas davon, denn das hilft bei schwierigen Gesprächen, das weiß ich aus Erfahrung."

Ihre freie, lockere Art zu sprechen half Johannes dabei, aus seiner Gelähmtheit aufzutauchen, er brachte allerdings zunächst kein Wort heraus.

Verzweifelt versuchte er, das anzuwenden, was sich in den letzten Jahren Frauen gegenüber immer bewährt hatte und zwar das, was er bei sich die Worte des Heiligen Geistes nannte. Er spürte dann dieses berauschende Machtgefühl über die Frau, das sein so störendes, körperliches Begehren auslöschte.

Hier aber war es unmöglich, diese Worte zu finden. Instinktiv wusste er, dass sie hier auch nicht, die gewünschte Wirkung hervorgebracht hätten.

Und so blieb nur diese Qual.

Eine doppelte, denn zur körperlichen kam auch noch die seelische. Er fühlte sich erneut als rettungslos verlorenen Sünder, der unauslöschliche Erbe des leichtlebigen Vaters in sich trug.

In dieser verletzlichen seelischen Verfassung begann nun das Gespräch mit dem Lehrer.

Günter Klewer sprach von der Wahrheit der biblischen Texte, die sich in Bildern und Mythen ausdrückt. Vom Irrtum, diese Texte wörtlich zu nehmen, sondern von der Notwendigkeit, letztere einzureihen in die Vielzahl der Schöpfungsmythen, die die verschiedenen Kulturen hervorgebracht hatten.

Mit der Darwin’schen Lehre sei die biblische Wahrheit daher in keiner Weise aufgehoben, sondern nur in neuer, zeitgemäßer Weise interpretiert.

Diese Sichtweise war für Johannes ganz und gar neu. Er war unfähig, seine eingeübten Formeln als Gegenargumente vorzubringen. Plötzlich spürte er unbewusst, wie leer und hohl sie waren.

Deshalb konnte er nur erwidern: „Ich kann heute nicht darüber sprechen. Ich hoffe, dass mir der Herr im Gebet Klarheit schenkt."

Nur mit Mühe brachte er dies hervor. Alles war ins Wanken geraten und er bewegte sich auf sehr unsicherem Boden.

War es nun ein Glück oder ein Verhängnis, dass Marina in diesem gespannten Augenblick strahlend und lächelnd erschien mit einem Tablett auf dem appetitlich zurechtgemachte Häppchen und süßes Gebäck auf hübschen Platten angerichtet waren.

Hin –und hergerissen zwischen Glück und Qual spürte Johannes sich mit übermächtiger Gewalt zu dieser Frau hingezogen mit allen Fasern seines Wesens.

Natürlich war es im Vordergrund die körperliche Anziehungskraft, die ihn überwältigte, aber ihre Person bedeutete unendlich mehr für ihn.

Zur Versuchung des Fleisches kam die Versuchung der Befreiung von allen Zwängen, die ihn wie ein Panzer umgaben.

Marina war schön und strahlte eine solch wohltuende natürliche Wärme aus, wie sie Johannes bisher noch nie kennen gelernt hatte. In panischer Angst spürte er, wie unter diesem Einfluss, sein Schutzpanzer aufzubrechen drohte.

„Ich habe das Gefühl, dass ihr eine kleine Stärkung gebrauchen könnt," meinte sie lachend und setzte sich unbekümmert neben Johannes auf die Liege.

„Ja, ich glaube wir wenden uns nun diesen köstlichen Leckereien zu, um Körper und Geist wieder in Einklang zu bringen. Greif zu Johannes, du bist doch sicher hungrig.," stimmte Günter zu und löste damit die Spannung, die durch das vorhergehende Gespräch entstanden war.

Plötzlich spürte Johannes einen so gewaltigen Hunger nach dieser so neuartigen körperlichen, geistigen und sinnlichen Nahrung, dass er zunächst alles aufgab und mit gesundem Appetit das Angebotene genoss.

Marina plauderte über ihre Arbeit an der Kunsthochschule, wo sie Aquarellmalerei unterrichtete.

Wie von selbst ergab sich ein Gespräch, in dem Johannes von seinem Vater sprach, der als junger Mann auch diese Schule besucht und später als Modezeichner bei Bleyle gearbeitet hatte. Auch von seiner Schwester Dora erzählte er, die so plötzlich von ihrem Kunststudium weggerissen worden war.

Marina interessierte sich sehr und verstand es, Johannes zum Sprechen zu bringen, so wie er noch nie zu einem Menschen von seiner Familie gesprochen hatte. Diese erschien ihm plötzlich in einem ganz neuen Licht. Bisher hatte er nie darüber nachgedacht, was seinem Vater die künstlerische Arbeit bedeutet hatte und wie schmerzlich es für Dora war, eine Ausbildung abbrechen zu müssen, die sie so tief befriedigt hatte.

Das Gespräch ließ eine menschliche Nähe entstehen, wie Johannes sie bisher noch nie erlebt hatte.

Günter hörte lächelnd zu, ohne sich einzumischen. Er verstand, dass hier etwas Entscheidendes vor sich ging.

Als Marina aufstand, um das leere Tablett fortzubringen, blickte Johannes auf seine Uhr, wie einer, der aus einer Trance erwacht. Erschrocken stellte er fest, dass er sich beeilen musste, um noch die letzte Straßenbahn zu bekommen. Er hatte an diesem Nachmittag jede Orientierung verloren. Wie ein Schlafwandler nahm er Abschied mit dem Gefühl, fortan im leeren Raum zu leben.

Der „Irrweg"

An diesem Abend gelang es ihm nicht, sich wie sonst auf sein freies Gebet zu konzentrieren.

An Stelle des Heiligen Geistes war er nur erfüllt von Marina. Ihr Bild stand vor ihm und er brannte danach, sie wieder zu sehen.

Natürlich wusste er, dass nun die Stunde der Versuchungen geschlagen hatte und dass sich der Teufel in so mancherlei Gestalt zeigen konnte. Wieder und wieder hatte Pfarrer Selinger davon gesprochen.

Gleichzeitig aber beschlichen ihn mehr und mehr Zweifel.

Konnte es denn wirklich Teufelswerk sein, sich zum ersten Mal so frei und wohl zu fühlen?

War das, was Herr Klewer über die Symbolkraft der biblischen Texte gesagt hatte, nicht vielleicht richtig?

All dies bewegte er in sich in den darauffolgenden Wochen.

Er sah alles mit neuen Augen und entdeckte, dass es neben dem freudlosen Geist seines vaterlosen Elternhauses eine andere Welt gab. Eine Welt, in der fröhlich gelacht wurde, in der alle Sinne angesprochen wurden.

Er ertrug es nicht mehr, wenn seine Mutter davon sprach, dass die ganze Familie sich unter das Kreuz stellen müsse. Er wollte jetzt kein Kreuz, er wollte leben, wollte Schönheit genießen, frei sein.

Aber bedeutete dies nicht, in Sünde leben? Stand sein Leben dann nicht unter einem Fluch?

Im Deutschunterricht wurde in diesen Wochen Goethes „Faust" behandelt. Für Johannes war hier aber nur ein Satz wesentlich: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan…"

Günter Klewer erahnte, was in Johannes vorging. Er war nicht mehr auf das Gespräch über den Darwinismus zurück gekommen.

Dagegen suchte er einen Weg, um Johannes mit einer Gruppe der Jugendbewegung zusammen zu bringen. Er bat Jakob, einen Jungen aus der Klasse, Johannes einzuladen, bei seiner Gruppe mitzumachen. Mit Jakob hatte Johannes in den letzten Wochen gelegentlich gesprochen. Es war zum ersten Mal, dass er aus seiner Isolierung heraustrat.

Jakob stammte aus einer jüdischen Familie, sein Vater war Architekt und seine Mutter, eine sehr schöne elegante Frau, führte ein offenes Haus, in dem viele Künstler aus –und eingingen.

Johannes hatte davon erfahren und diese, ihm unbekannte Welt, faszinierte ihn.

Gerne ging er auf Jakobs Vorschlag ein, an einem Wochenende, das die Gruppe auf der Schwäbischen Alb veranstalten wollte, teilzunehmen. Es sollte in Zelten übernachtet werden. Johannes müsse nur einen Schlafsack mitbringen und einen kleinen Unkostenbeitrag bezahlen. Sie wollten gemeinsam mit dem Fahrrad dorthin fahren.

Johannes hatte sofort Lust, mitzukommen. Allerdings gab es zu Hause einige Widerstände zu überwinden.

„Du weißt doch, dass wir am Samstag die Johannisbeeren pflücken wollen und wir brauchen deine Hilfe dabei. Außerdem kann ich dir kein Geld für diesen Ausflug geben, denn wir müssen jeden Pfennig umdrehen, deine Schwestern können auch keinen Vergnügungen nachgehen. Du bist in den letzten Wochen so anders geworden und manchmal bekomme ich Angst, dass du nicht mehr so wie bisher im Geist des Herrn lebst. Unsere Familie trägt sein Kreuz und wir haben deshalb eine ganz besondere Aufgabe zu erfüllen. Deine Schwestern und ich kennen nur Arbeit und Pflichterfüllung und das fordert der Herr auch von dir."

Mutters Redeweise traf Johannes nicht wie früher mitten ins Herz, sie machte ihn im Gegenteil ungeduldig und ärgerlich. Zu stark war sein Bedürfnis, auszubrechen.

„Ich werde mein Pensum Johannisbeeren am Sonntagabend pflücken, wenn ich wieder zurück bin. Was die Geldfrage angeht, so habe ich ja noch etwas in meinem Sparkässchen von der Konfirmation, Onkel Eugen sagte ausdrücklich, dass ich mir mit seinem Geschenk einen besonderen Wunsch erfüllen solle."

Aber die Mutter war nicht so leicht zu überzeugen. Sie spürte, dass der Sohn dabei war, ihr zu entgleiten. Sie versuchte daher weiter, auf sein Gewissen Druck auszuüben.

„Wenn dies ein Ausflug mit einer christlichen Jugendgruppe wäre, dann wäre ich sicher, dass der Segen darauf liegt. Aber so weiß ich ja gar nicht, ob du deine von Gott geschenkte Zeit für so etwas verwenden darfst und mit welchen Menschen du da zusammenkommst. Es ist mir einfach nicht wohl dabei. Aber frage eben Onkel Eugen, deinen Vormund, ob er es erlaubt. Er soll es entscheiden."

Onkel Eugen war ein enger Freund des verstorbenen Vaters gewesen. Sie hatten sich schon in der Schulzeit kennen gelernt. Er fühlte sich nicht dem Pietismus verbunden und lebte viel freier. Von Beruf war er Geschäftsführer eines großen Bekleidungshauses in Stuttgart. Kurz vor seinem Tod hatte Herr Gabriel ihn gebeten, für Johannes das Amt des Vormunds zu übernehmen. Frau Gabriel akzeptierte dies mit gemischten Gefühlen, denn Eugen Liebermann verkörperte für sie alles, was sie an ihrem verstorbenen Mann abgelehnt hatte. Die beiden Männer waren aktiv in der Wandervogelbewegung engagiert gewesen, eine Bewegung, die Frau Gabriel völlig wesensfremd war, sie machte ihr Angst.

So war es natürlich gar kein Problem für Johannes, von Onkel Eugen die Erlaubnis zu erhalten, am Wochendausflug des Deutschen Pfadfinderbundes teilzunehmen. Im Gegenteil, der Onkel ermutigte Johannes dazu, diese Kontakte zu pflegen, da er mit einiger Sorge beobachtet hatte, wie sehr sich der Siebzehnjährige zum frömmlerischen Einzelgänger entwickelte.

„ Du wirst dort ganz neue Freundschaften schließen und diese Lebensform wird ein gesunder Ausgleich zum Gymnasium sein. Wanderungen, übernachten unter freiem Himmel, singen und tanzen. Auf meine Unterstützung kannst du zählen," meinte der Onkel abschließend und drückte ihm noch einen Geldschein in die Hand.

Dora hatte ihm heimlich zugeflüstert, dass auf dem Speicher die ganze Wandervogelausrüstung vom Vater lag. Und so waren keine Anschaffungen nötig. Alles war zwar etwas abgenützt und altmodisch, aber es würde schon gehen.

So stand also nichts mehr im Wege und Johannes war sehr gespannt auf diese neue Welt.

Treffpunkt war der Stuttgarter Hauptbahnhof. Mit der Bahn sollte es nach Kirchheim unter der Teck gehen und von dort zu Fuß weiter auf die Teck.

Jakob war schon da als Johannes eintraf und er machte ihn mit den übrigen zwölf Teilnehmern bekannt. Einige der Jungen waren wesentlich älter, alle aber begrüßten Johannes sehr herzlich und er fühlte sich sofort wohl in dieser Gemeinschaft.

Dieses Wochenende war die zweite Etappe im Prozess der Loslösung von der engen Welt in der Johannes bisher gelebt hatte.

Immer schwächer wurden die Zweifel, ob diese Menschen, die er hier kennen lernte, nicht mit Satan im Bunde standen.

Seine Mutter und Pfarrer Selinger wären ganz sicher dieser Meinung gewesen, wenn sie die Gespräche mitangehört hätten.

Mit äußerstem Erstaunen hörte Johannes nämlich, wie die älteren Jungen von ihren Erfahrungen mit Frauen erzählten.

Solche Gespräche waren natürlich erst möglich, als sie abends im Zelt in ihren Schlafsäcken lagen, wohlig müde und trunken vom Lagerfeuer, von den vielen gemeinsam gesungenen Volksliedern, vom Tanzen ums Feuer.

Vor allem die Erzählung eines älteren Jungen, Karl, ließ Johannes aufhorchen.

„Ich kann euch nur sagen, nie hätte ich gedacht, dass man mit einer Frau etwas so umwerfend Schönes erleben kann. Kürzlich kam Mara, eine Freundin meiner Mutter nachmittags vorbei, um ihr etwas zu bringen. Sie wusste nicht, dass Mutter einige Tage verreist war. Trotzdem setzte sie sich gemütlich zu mir aufs Sofa und bat um ein Glas Wein. Ich musste extra eine Flasche aus dem Keller holen, aber sie sah mich so seltsam an; ich konnte ihr den Wunsch nicht abschlagen.

Als ich zurückkam, ihr werdet es nicht glauben, aber es war so, lag Mara splitternackt auf dem Sofa und streckte mir die Arme entgegen. Ich vergaß bei diesem Anblick alles um mich herum und wollte nur noch eines, sofort in sie eindringen.

Sanft zeigte mir Mara, was sich eine Frau wünscht, bevor der Mann an seine eigene Befriedigung denken darf. Ich hatte ja keine Ahnung, was dabei alles möglich ist. Sie nannte das „Vorspiel" und wir dehnten dies sehr sehr lange aus. Mara wurde immer fordernder und erregter. Obwohl ich Mühe hatte, mich so lange zurückzuhalten, fand ich es schön, zu beobachten, wie viel Lust ich Mara bereiten konnte. Bis sie mich endlich in sich spüren wollte. Aber auch dann bat sie mich, immer wieder anzuhalten, um den Genuss zu steigern und zu verlängern. Ihr könnt euch sicher überhaupt nicht vorstellen, wie es dann war, als wir endlich gemeinsam den Höhepunkt erlebten. Wir waren wie in Trance, wie in einem Rausch und sanken danach erschöpft zu Boden, eng aneinander geschmiegt.

Mara war unersättlich und wir liebten uns an diesem Nachmittag noch mehrere Male.

Nun weiß ich, dass körperliche Liebe für beide schön sein kann, bisher hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. Immer hatte ich das Gefühl, dass die Mädchen viel weniger Spaß und Genuss bei der Sache hatten als ich, obwohl sie es natürlich nicht zugegeben haben. Außerdem war es auch für mich nie so besonders schön, denn ich zog mich immer rechtzeitig zurück, um dem Mädchen kein Kind zu machen. Das war bei Mara nicht notwendig, denn sie versicherte mir, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne."

Diese nächtliche Erzählung versetzte Johannes in äußerste Erregung und zum ersten Mal wagte er, das Verbot zu übertreten. Er schenkte sich selbst die körperliche Befriedigung und sah dabei Marina vor sich, die sich so verhielt, wie Mara in Karls Bericht. Ein herrliches Wohlgefühl erfüllte ihn danach und er schlief sofort ein.

Nach diesem Wochenende war Johannes ganz und gar von seinen erotischen Fantasien und Wünschen beherrscht. Er konnte am Tag und auch häufig in der Nacht an nichts anderes mehr denken. Die Arbeit in der Schule litt sehr darunter und es ging mit seinen Leistungen rapide abwärts. Immer wieder erinnerte die Mutter ihn daran, dass die ganze Familie große Opfer bringe, um ihm den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen und Johannes plagte zu allem anderen auch noch das schlechte Gewissen. Er wusste wohl, wie sehr auch seine Schwestern den Wunsch hatten, weiter in die Schule zu gehen, stattdessen mussten sie einer ungeliebten und reizlosen Arbeit im Büro nachgehen.

Johannes wurde mehr und mehr klar, dass es nur einen einzigen Ausweg aus dieser Sackgasse gab, er musste seinem fleischlichen Triebe nachgeben. Aber wie sollte er dies verwirklichen?

An einem der nächsten Tage fehlte Herr Klewer im Unterricht und wurde vertreten von Fräulein Jakober, einer alterslosen, vergrämt aussehenden Dame. Die Schüler erfuhren, dass ihr Lehrer beim Wandern gestürzt war und sich einen komplizierten Knochenbruch zugezogen hatte. Er werde viele Wochen dem Unterricht fern bleiben müssen.

So sehr Johannes seinen Lehrer auch vermisste, er konnte sich eines vermessenen Gedankens nicht erwehren. Ein hoffnungsvoller Plan nahm in seinem Kopf Gestalt an.

An einem der nächsten Tage plante er, nachmittags zu Günter Klewers Wohnung zu gehen, um angeblich einen Krankenbesuch zu machen. Er wollte so tun, als ob er nicht wüsste, dass sich der Lehrer in einem Stuttgarter Krankenhaus aufhielt. Vielleicht hatte er ja Glück und traf Marina allein zu Hause an.

Morgens zog er mitten in der Woche unter einem Vorwand frische Wäsche an und wusch sich gründlich von Kopf bis Fuß. Kopfschüttelnd beobachtete die Mutter diese Machenschaften. Hatte nicht auch ihr verstorbener Mann gelegentlich einen so besonderen Sinn für Sauberkeit entwickelt? Der gleiche Verdacht wie damals rührte sich in ihrem Kopf. Aber Johannes war ja noch ein halbes Kind und außerdem war er doch in ganz außergewöhnlicher Weise vom Herrn gesegnet. Es schien ihr daher undenkbar, dass Johannes auch auf diesen sündigen Pfaden wandern könnte. Aber sie wurde doch eine leise nagende Unruhe nicht los, denn sie hatte die bedenklichen Veränderungen an ihrem Sohn wohl bemerkt.

„Ich gehe heute nach dem Nachmittagsunterricht wieder in die Pfadfindergruppenstunde, deshalb kann es ziemlich spät werden," sagte er leichthin beim Hinausgehen.

„Heute möchte ich noch mit dir beten, bevor du gehst, auch mit der nächsten Straßenbahn kommst du noch rechtzeitig in die Schule," sagte die Mutter in bestimmtem Ton und zog ihn am Ärmel zurück in die Wohnung.

„Setz dich mir gegenüber auf diesen Stuhl, heute möchte ich besonders um den Segen des Herrn bitten," fuhr sie mit zitternder Stimme fort.

„O Herr, erbarme dich meines einzigen Sohnes Johannes, der ein sündiges Erbe in sich trägt und daher unter deinen besonderen Schutz gestellt werden muss. Lass ihn die Versuchungen des Fleisches im Glauben beherrschen und schenke ihm erneut die Gabe, in deinem heiligen Geiste zu sprechen. Herr, erspare es einer schwer geprüften Frau, die Sünden des Vaters im Sohne wieder zu finden! Amen."

Nach diesem Gebet riss sich Johannes wortlos von der Mutter los und rannte zur Straßenbahn.

Er wollte nicht mehr daran denken und es gelang ihm auch, das Unbehagen, das dieses Gebet in ihm ausgelöst hatte zu verscheuchen, indem er ganz bewusst, die schönen erotischen Lockbilder hervorholte und darin schwelgte.

Es fiel ihm sehr schwer, sich in der Schule auf den Unterrichtsstoff zu konzentrieren. In seinem Kopf lief in immer neuen Varianten ein wunderbar erregender Film ab mit ihm und einer nackten Marina als Hauptdarsteller.

Sofort nach dem Vormittagsunterricht machte er sich auf den Weg. Das Haus, in dem Herr Klewer mit Marina wohnte war weit außerhalb des Stadtzentrums. Johannes musste ein gutes Stück mit der Straßenbahn fahren und dann blieb noch ein weiter Fußweg.

Endlich stand er vor dem Haus, dessen Anblick ihm Herzklopfen verursachte. Er hatte plötzlich große Angst und konnte nicht mehr verstehen, dass er es für möglich gehalten hatte, dasselbe zu erleben, wie Karl mit der Freundin seiner Mutter.

Deshalb war er fast erleichtert, als auf sein Klingeln keine Antwort kam.

Natürlich war Marina zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus und besuchte ihren Günter, daran hatte er überhaupt nicht gedacht. Wie dumm von ihm!

In seiner Besessenheit hatte er völlig vergessen, sein Vesperbrot zu essen. Jetzt aber, da die Anspannung nachgelassen hatte, meldete sich ein gewaltiger Hunger. Er setzte sich in der warmen Junisonne auf die Stufen vor dem Haus und verzehrte das Schmalzbrot mit gesundem Appetit, umgeben von den üppig blühenden Rosensträuchern.

Und nun? Sollte die ganze mühsame Auseinandersetzung mit der Mutter vergeblich gewesen sein? Er fühlte sich außerstande, noch einmal eine ähnliche Gebetssitzung zu ertragen wie heute morgen. Und so beschloss er, einfach hier, in diesem freundlichen wild blühenden Garten sitzen zu bleiben und auf Marina zu warten. Es war herrlich warm und angenehm in dieser Umgebung und irgendwann musste sie ja nach Hause kommen.

Er wartete lange, sehr lange. Unmöglich, diese Zeit zu nutzen, um den Unterrichtsstoff nachzuarbeiten. Seine Anspannung war zu groß.

Alles schien ganz und gar unwirklich geworden zu sein und er saß da in einem tranceähnlichen Gemütszustand.

Deshalb bemerkte er Marina erst als sie schon vor ihm stand und erstaunt ausrief: „Was ist denn mit dir passiert? Kann ich dir irgendwie helfen?"

Nur stammelnd konnte Johannes erklären, dass er seinen Lehrer besuchen wolle und deshalb gewartet habe seit vierzehn Uhr.

„Ja aber weißt du denn nicht, dass er im Robert Bosch Krankenhaus liegt? Du hast doch bemerkt, dass niemand zu Hause ist! Ich komme eben von ihm. Es muss etwas anderes sein, was dich bedrückt." Sie fragte dies und schaute ihn dabei freundlich lächelnd und prüfend an.

Natürlich konnte Johannes nicht ehrlich antworten. Er schaute sie nur an und fühlte, wie er heiß und rot dabei wurde.

„Jetzt komm zuerst einmal mit mir ins Haus, ich glaube, du kannst eine kleine Stärkung gebrauchen." Mit diesen herzlichen Worten nahm sie ihn am Arm und führte ihn die Stufen hinauf.

Ihren Körper so nah zu spüren ging beinahe über die Kräfte des Siebzehnjährigen.

„Sie sind so schön," entfuhr es ihm und er erschrak über seine eigene Kühnheit.

Marina war eine erfahrene junge Frau und schon bei der ersten Begegnung mit Johannes hatte sie erahnt, wie sehr der Heranwachsende von seinen sexuellen Nöten geplagt wurde und welche Wirkung sie auf ihn hatte.

Da sie in einem Künstlermilieu aufgewachsen war, hatte sie schon früh gelernt, mit ihrer eigenen Sexualität frei umzugehen und auch ihr Lebenspartner Günter hatte diese Einstellung.

Als sie nun Johannes auf den Stufen des Hauses sitzen sah, kam ihr sofort der Gedanke, wie reizvoll es sein könnte, diesen schönen Jungen in die Geheimnisse der Liebe einzuführen.

Sie beschloss, sich einfach auf ihre Intuition zu verlassen und so den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Im Handumdrehen hatte sie für Günter einen kleinen Abendimbiss improvisiert mit selbst hergestelltem Fruchtsaft, Brot, Butter, Käse und Wurst. Noch nie hatte Johannes an einem so hübsch gedeckten Tisch gesessen, mit gelber Tischdecke und grünem Keramikgeschirr. Sogar der Sumpfdotterblumenstrauß war farblich dazu abgestimmt.

Während des Essens plauderte Marina entspannt und erzählte Johannes, wie sie heute Vormittag mit ihren Studenten im Freien gearbeitet hatte.

„Nur direkt in der Natur können wir das Licht in unseren Bildern wiedergeben. Es gab heute ganz überraschende Ergebnisse. Eine Schülerin malte die Landschaft ganz einfach abstrakt, obwohl ich dies ganz und gar nicht vorgegeben hatte. Aber das Ergebnis war so eindrucksvoll, dass ich wieder denken musste, wie wichtig es ist, den freien Fluss der Kreativität nicht zu bremsen mit sturen Vorgaben der Lehrerin."

Bisher hatte Johannes immer gefunden, dass abstrakte Malerei eine Abart der Kunst war. Aber Marina erklärte ihm, dass Formen und Farben ihre eigene Aussagekraft hätten und dass so ihm Betrachter eigene innere Bilder entstehen könnten. Der Betrachter werde also in seiner eigenen Gestaltungskraft angeregt. In dieser Weise hatte Johannes die Dinge noch nie betrachtet und er beschloss, in nächster Zeit einmal in Ruhe bei einem Museumsbesuch, diese neue Kunstform auf sich wirken zu lassen.

Im Augenblick aber war er nicht fähig, diese Gedanken zu vertiefen. Alles schien so unwirklich. Er saß hier seinem Traumbild gegenüber und die Verwirklichung all seiner erotischen Fantasien schien zum Greifen nahe.

Aber Marina riss ihn aus seinen Grübeleien mit dem Vorschlag, nach diesem heißen Tag ein kühles Bad zu nehmen.

„Hier ist das Badezimmer, ich lege dir Seife und Handtuch bereit, wenn du fertig bist, werde auch ich mich ein wenig erfrischen und den Krankenhausgeruch abwaschen."

Im Badezimmer duftete es nach Marinas Parfüm und Johannes begann, sich zu entkleiden.

Als er splitternackt in der Badewanne stand, kam Marina herein, eingehüllt in ein weißes seidenes Negligée.

Johannes stand wie erstarrt und rührte sich nicht, konnte auch kein Wort hervorbringen.

Marina ließ die fließende Seide an sich herabgleiten und stand ihm nun nackt gegenüber. Er hatte noch nie eine nackte Frau gesehen und war überwältigt von diesem Anblick.

Alles lief nun so ab, wie er es sich in seinen kühnsten Fantasien nicht hätte vorstellen können.

Gedanken und Worte existierten nicht mehr, nur der Körper lebte mit all seinen Fasern und in unvorstellbarer Lust.

Er verlor jeden Zeitbegriff bis er irgendwann aus dieser Trance erwachte und erschrocken feststellte, wie spät es geworden war.

„Wenn ich die letzte Straßenbahn noch bekommen will, muss ich sofort gehen. Es wäre eine Katastrophe, wenn ich sie verpassen würde, meine Familie denkt, ich bin bei der Pfadfindergruppe," stieß er hastig hervor und kleidete sich in aller Eile an.

Er war so jäh in die Wirklichkeit zurückgestoßen worden, dass er sich kaum von Marina verabschiedete, sondern ohne ein Wort davon stürmte.

Auf dem langen Weg bis zur Straßenbahnhaltestelle, den er im Dauerlauf zurücklegte, war sein Inneres in einem solchen Aufruhr, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Vor allem anderen musste er die Straßenbahn erwischen, über den Rest konnte er später noch nachdenken. In allerletzter Minute sprang er auf die schon fahrende Bahn und setzte sich aufatmend in den leeren Wagen. Außer ihm saß nur noch eine äußerst zweifelhaft aussehende Frauensperson am anderen Ende. Sie war grell geschminkt, trug einen sehr kurzen Rock und eine weit ausgeschnittene Bluse, die ihre alternden Brüste freizügig zeigte. Auch auf die Entfernung konnte Johannes den starken Alkoholgeruch wahrnehmen und er wandte sich schaudernd ab.

„Oh, Satan, wende dich von uns ab, von mir und dieser meiner Schwester in der Sünde!" entfuhr es ihm und wie durch einen Blitzstrahl wurde ihm klar, dass er in der Tat nun auf einer Stufe stand mit dieser Frau, die ganz sicher ihren Körper der Sünde geweiht hatte.

„Halt die Klappe, was weißt du schon von Sünde, du Milchgesicht und deine Schwester bin ich noch lange nicht!" lallte sie.

„Doch, wir beide haben die Sünde des Fleisches begangen, ich bin deshalb dein Bruder. Hier und jetzt möchte ich unseren Herrn Jesus Christus anrufen, um ihn anzuflehen, dass er uns sein Angesicht wieder zuwenden möge, um die Machenschaften des Teufels zu vertreiben. Ich ahnte ja nicht, dass die Sünde so süß sein kann!! Möchtest du mit mir gemeinsam beten?"

„Spinnst du total? Ich weiß was viel Besseres, komm trink einen Schluck mit mir und wenn du willst, mach ich es dir umsonst mit der Hand."

„Oh Herr, in welchen Sündenpfuhl bin ich geraten? Aber ich habe es ja verdient, dass diese Frau so mit mir spricht!"

Johannes wandte sich ab und betete still weiter. Er war froh, als er endlich aussteigen konnte, denn die Frau hatte sich inzwischen neben ihn gesetzt und versuchte, sich an seinem Hosenladen zu schaffen zu machen.

Fluchtartig rannte er in die Nacht hinaus und kam völlig erschöpft und schweißgebadet zu Hause an.

Erleichtert stellte er fest, dass im Haus alles dunkel war. Alle schienen zu schlafen.

So leise wie möglich schlich er sich die Treppe hinauf, aber die Holztreppe knarrte bei jedem Schritt und als er die Wohnungstür öffnete, hörte er auch schon die Mutter mit klagender Stimme rufen: „Johannes, bist du endlich da? Ich konnte vor Angst nicht schlafen. Musst du mir zu allem anderen auch noch solche Sorgen machen? Wo warst du denn so lange?"

„ Mutter, ich habe die Straßenbahn verpasst, das soll aber bestimmt nicht mehr vorkommen. Mach dir keine Sorgen mehr, ich gehe auch nicht mehr zu den Pfadfindern. Ich weiß es jetzt, es liegt kein Segen darauf!" flüsterte Johannes beruhigend, „Gute Nacht!"

„Das ist gut, mein Sohn, das ist gut, nun kann ich schlafen!" Mutters Stimme klang sehr erleichtert.

Die Buße

Als die Mutter am nächsten Morgen zum Wecken an die Schlafzimmertür klopfte, hörte sie Johannes antworten, er könne heute nicht zur Schule gehen, er sei krank. Sie solle ihn jetzt einfach ganz in Ruhe schlafen lassen, es werde sicher alles von selbst wieder besser.

Frau Gabriel hatte so viel, was an diesem Tag auf sie wartete, dass sie ihm zunächst gehorchte und sich wieder ihren drängenden Sorgen zuwandte.

Die finanzielle Lage der Familie war mehr und mehr besorgniserregend. Bisher hatte sie die Probleme mit immer neuen kleineren Bankkrediten gelöst aber heute stand ihr ein Gespräch mit dem Bankdirektor bevor und sie wusste schon im Voraus, dass er ihr, wie schon häufig angekündigt, keinen weiteren Kredit bewilligen würde.

Deshalb wollte sie nachmittags mit Eugen Liebermann, dem Vormund von Johannes sprechen. Es gab nur noch eine Lösung: Auch Johannes musste zum Unterhalt der Familie beitragen. Das bedeutete, dass er am Ende des Schuljahres das Gymnasium verlassen würde. Schon jetzt sollte sich der Vormund für ihn um eine Lehrstelle als Kaufmann bemühen.

Diese Entscheidung fiel ihr sehr schwer, denn ihr Ziel war schon immer gewesen, dass Johannes einmal Theologie studieren und später als Pfarrer in den Dienst ihres Herrn Jesus Christus treten sollte. Aber sie wusste, dass Gottes Wege unerforschlich waren und so beschloss sie, sich erneut demütig unter das Kreuz des Herrn zu stellen.

Längst hatte sie all den Tand, Schmuck, modische Kleider, Bilder und andere Kunstgegenstände verkauft. Ihr verstorbener Mann hatte auf all dies sehr viel Wert gelegt und viel Geld dafür verschwendet. Natürlich waren nur vergleichsweise kleine Summen damit zu bekommen, aber es war für sie auch wichtig, diese Spuren sündhafter weltlicher Neigungen zu verwischen. Nun lebten sie in nüchternen, schmucklosen Räumen, trugen die einfache bäuerliche Kleidung der Dorfbewohner und leisteten sich keinerlei Luxus.

Am Ende dieses Tages war es beschlossene, dass Johannes bald, wie seine Schwestern ins Arbeitsleben eintreten sollte.

Eugen Liebermann gab schweren Herzens seine Einwilligung.

„Auch wenn ich es wollte, könnte ich euch im Augenblick mit dem besten Willen nicht finanziell unter die Arme greifen. Unser Geschäft geht momentan sehr schlecht und wir wissen nicht, wie lange ich diese Stellung noch behalten kann. Du weißt ja, dass wir ein krankes Kind haben, das in Winnenden untergebracht ist. Immer wieder fallen da hohe Behandlungskosten an," rechtfertigte er sich.

„Ich weiß, ich weiß," beteuerte Frau Gabriel, der es sehr unangenehm war, wie eine Bittstellerin zu wirken.

„Vielleicht ist es ja auch ganz gut so, Johannes wird auf diese Weise den Ernst des Lebens kennen lernen, das wird ihn läutern."

„Nun ja, ich halte nicht sehr viel von dieser Art der Läuterung, aber ich will dir in deine Glaubensüberzeugungen nicht hinein reden," seufzte Herr Liebermann abschließend.

Nun blieb nur noch die schwere Aufgabe, Johannes diese schwere Entscheidung mitzuteilen.

Frau Gabriel wollte dazu in den nächsten Tagen eine Art „Familienrat" zusammenrufen.

Johannes hatte den ganzen Tag im Bett verbracht, tief in die Kissen vergraben. Er war froh, dass sich niemand um ihn kümmerte.

Ihn marterte nur eine einzige Frage: Wie könnte er sich reinwaschen von dieser schweren Sünde des Fleisches? Eines war ganz klar; er musste wieder auf Gottes Wegen wandeln, dies war der verlockend süße Weg des Teufels gewesen. Mit aller Macht verscheuchte er die Bilder des vergangenen Tages. Es war schwer, denn sein Körper erinnerte sich an die gelebte Lust und wieder und wieder war er versucht, sich selbst masturbierend zu erleichtern. Aber auch dies war unrein und sündig und verursachte schwere körperliche Schäden, wie er im Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Wenn er nur einen Menschen gewusst hätte, mit dem er über all das hätte sprechen können. Pfarrer Selinger kannte seine Familie zu gut und deshalb wagte er nicht, sich ihm anzuvertrauen. Sein Vormund, Onkel Eugen, kam nicht in Frage, denn Johannes ahnte, dass dieser nicht immer auf dem schmalen Pfad der Gotteskinder wandelte und über diese Dinge ganz anders dachte.

So quälte er sich weiter allein mit diesen schrecklichen Schuldgefühlen.

Er musste Buße tun, aber wie?

Alle waren daher völlig überrascht, wie Johannes am nächsten Abend reagierte, als ihm die Mutter im Beisein der drei Schwestern eröffnete, dass er zum Ende des Schuljahres das Gymnasium verlassen musste.

„Bitte lasst uns gemeinsam beten, um diesen neuen Weg an der Hand des Herrn Jesus zu betreten," waren seine einzigen Worte.

Sie falteten die Hände und neigten den Kopf.

„Oh Herr, wie danke ich dir als dein sündiger Knecht, dass du mich würdig erachtest, erneut unter dein Kreuz zu treten. Nicht mein Wille soll geschehen, sondern demütig möchte ich den Weg gehen, den du mir nun zugewiesen hast. Ich nehme diese Entscheidung als ein Zeichen der göttlichen Liebe und bin erfüllt von Lob und Dank! Gib mir die Kraft für all das, was nun kommen muss und erfülle mich täglich mit deinem Geist! Amen"

Sprachlos blickten die drei Frauen auf Johannes, der mit unbewegter Miene da stand.

„Ich hatte ja so große Angst um dich," stammelte die Mutter, „aber nun weiß ich, dass der Heilige Geist immer noch in dir lebt. Welch großes Geschenk, dass du es so leicht übernehmen kannst. Du bist doch so gerne ins Gymnasium gegangen und wolltest in zwei Jahren das Abitur machen."

Mit starrer Miene und steifen würdigen Schritten verließ Johannes den Raum ohne noch ein weiteres Wort hinzuzufügen.

Er musste allein sein, um seine Gedanken zu ordnen. Ja, dies war ein göttliches Zeichen. Es war die Strafe und die Buße für seine schwere Sünde. Wenn er bereit war, diese Entscheidung willig anzunehmen, konnte dies der Beginn seines neuen Lebens sein. Aber genügte das, um Vergebung erlangen zu können? Diese Frage bewegte ihn weiterhin in den nächsten Tagen.

Doch erfuhr er noch etwas, was ihn in größte Verwirrung stürzte.

An einem der darauffolgenden Tage hörte er zufällig ein Gespräch seiner beiden Schwestern Dora und Greta, das sie in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer führten.

„Du kannst nicht weiter so in Sünde leben. Beende diese unselige Geschichte, ich flehe dich an! Denke auch an unsere Familie. Es wirft einen Fluch über uns alle. Willst du wirklich den Weg unseres Vaters gehen? Weißt du eigentlich, was unsere Mutter dabei durchleiden musste? Dies erleidet nun eine andere Frau durch dich. Und wenn du nun schwanger wirst? Oh Dora, du befindest dich auf dem Weg des Abgrunds! Halt ein!"

Dies war Gretas Stimme. Johannes verstand sofort, dass auch Dora, den Versuchungen des Fleisches erlegen war. Aber bei einer Frau war dies ja noch weit schwerwiegender! Eiskalter Schrecken erfasste ihn. Lag nicht doch das Erbe des Vaters wie ein Fluch über ihnen? Wie sollte er sich verhalten? Er war zu jung, um mit Dora darüber zu sprechen und er hatte auch kein Recht dazu, da er sich selbst noch tief beschmutzt fühlte. Atemlos hörte er die beiden weiter sprechen.

„Greta, du kannst mich nicht verstehen, du hast noch nie etwas mit einem Mann erlebt. Es ist eine so gewaltige Macht, süß und erschreckend zugleich. Seit ich Gustav kenne, möchte ich alle Menschen und die ganze Welt lieben. Alles ist strahlender geworden und jeder Schritt, den ich gehe, ist leicht und beschwingt. Wie schön das Leben ist, spüre ich erst jetzt. Es genügt mir, Gustav jeden Tag im Büro zu sehen und den ganzen Tag in seiner Nähe zu sein. Ja, einmal in der Woche ist es für uns möglich, nach Büroschluss noch etwas zu bleiben da wir gemeinsam die Wochenabrechnung machen. Diese Zeit haben wir dann ganz für uns. Das, was du die „Sünde des Fleisches" nennst, ist die tiefe Liebe, die wir mit unseren Körpern ausdrücken. Was ich dabei empfinde, kann nicht Sünde sein. Es ist sicher das Schönste, was Gott uns Menschen geschenkt hat.

Nein, ich kann nicht von Gustav lassen, das ist ganz unmöglich. Es wäre, als ob man mir bei lebendigem Leibe das Herz aus dem Leibe reißen würde! Gustavs Frau hat nicht darunter zu leiden, denn er bemüht sich noch viel mehr, ein guter Ehemann und Familienvater zu sein. Außerdem hat er mir erklärt, dass seine Frau es als liebevolle Rücksichtnahme wertet, wenn er sich ihr körperlich nicht mehr nähert. Sie will nicht mehr schwanger werden und hat diese ehelichen Pflichten immer nur als Last empfunden. Du musst übrigens nicht befürchten, dass ich schwanger werden könnte, Gustav weiß sehr gut, wie man sich davor schützen kann.

Ach, Greta, freu dich doch einfach mit mir! Ich bin ja so glücklich!"

„Nein, ich kann mich ganz und gar nicht freuen. Mutter rechnet fest damit, dass du Gottlieb Stähle heiratest, sobald er das Tübinger Stift beendet hat und seine erste Pfarrstelle antreten kann. Er geht ja ständig bei uns ein und aus an den Wochenenden und du weißt sehr gut, wie sehr er dich liebt. Manchmal denke ich, du spielst richtig mit ihm, denn dein Verhalten erweckt konkrete Hoffnungen in ihm. Dabei ist es die arme Marlene, die ihn liebt. Er aber hat nur Augen für dich und bemerkt sie gar nicht."

„Ach Greta, sei doch nicht so streng! Das, was du meinst ist ein uraltes Spiel zwischen den Geschlechtern, das darfst du nicht so eng sehen, man nennt es flirten. Gottlieb genießt es doch auch und ich denke, er spürt sehr wohl, dass ich keine ernsthaften Absichten mit ihm habe. Vielleicht müsste man ihn darauf stoßen, dass Marlene die ideale Ehefrau für ihn wäre. Sie wäre auch eine gute Pfarrfrau. Für mich ist Gottlieb nur ein Freund, den ich seit dem Kindergarten kenne."

Betroffen schlich sich Johannes davon. Er war in den letzten Monaten so sehr mit sich beschäftigt gewesen, dass er sich wenig um seine Schwestern gekümmert hatte.

Eines wurde ihm klar, Gott hatte ihn auserwählt, die Spuren des sündigen Erbes zu tilgen, indem er ein Sühneopfer brachte. Aber dazu war mehr notwendig, als nur das Gymnasium zu verlassen, er musste noch etwas Anderes auf sich nehmen. Gott würde ihm schon rechtzeitig aufzeigen, welchen Weg er ihm weisen wollte.

Johannes hatte nun noch einen Monat, um seine Zeit im Gymnasium abzuschließen.

Er hatte in der Schule noch mit niemandem über sein Ausscheiden gesprochen, doch zog er sich völlig in sich selbst zurück und vermied jeden engeren Kontakt mit Lehrern und Mitschülern. Karl Jakob hatte er erklärt, dass er wegen familiärer Probleme nicht mehr zur Pfadfindergruppe kommen könne. Auch von diesem Freund distanzierte er sich und lehnte alle Einladungen und freundschaftliche Annäherungen ab.

Er war froh, dass Herr Klewer vor Ende des Schuljahres nicht mehr zur Schule kommen konnte. Er hoffte, ihm nie mehr begegnen zu müssen, denn in ihm hatte Satan Gestalt angenommen und damit hatte sein Weg der Sünde begonnen. Er hatte nun am eigenen Leib erfahren müssen, in welch mannigfacher Gestalt sich der Versucher des Bösen zeigen konnte und von nun an würde er auf der Hut sein.

Diese innere Einstellung aber bewirkte, dass Johannes nie locker und unbeschwert sein konnte. Er wirkte steif, ernst und verkrampft.

Jeden Sonntag besuchte er nun wieder den Gottesdienst mit der Mutter und seinen Schwestern. Dort bekam er auch die Antwort auf sein Bußbegehren. Pfarrer Selinger sprach am Ende der Bekanntmachungen nach dem Segen über die Not in den Anstalten für geistig Behinderte in Winnenden. Es fehle an Personal und Ehrenamtliche würden gesucht.

Johannes wusste sofort, dass dies Gottes Fingerzeig war, auf den er gewartet hatte.

Er hatte eine tiefe Abscheu vor behinderten Menschen und konnte ihren Anblick kaum ertragen. Gerade deshalb war dies die richtige Tätigkeit, um in Demut Buße zu tun und wie Jesus das Kreuz auf sich zu nehmen.

Nach dem Gottesdienst teilte er seinen Entschluss sofort der Mutter und den Schwestern mit und bat um ein Gespräch mit dem Pfarrer. Er wollte jedes Wochenende und die Sommerferien dafür opfern. Seine kaufmännische Lehre bei Daimler Benz würde er sowieso erst im September antreten können.

Fast ehrfürchtig reagierten Mutter und Schwestern. Auch Pfarrer Selinger klopfte ihm auf die Schulter mit den Worten: „Der Segen des Herrn ist mit dir, möge er dir immer die nötige Kraft schenken!"

„Ich trage den Fluch der Sünde, wie wir alle und möchte demütig unserem Herrn Jesus nachfolgen. Es ist aber doch so wenig, was ich tun kann."

Johannes war es bei diesen Lobreden ganz und gar nicht wohl in seiner Haut. Er fühlte sich nach wie vor beschmutzt und es drängte ihn, sein Bußopfer beginnen zu können. Sofort am kommenden Wochenende wollte er anfangen.

Mutter Gabriel konnte gar nicht mehr verstehen, dass sie sich solche Sorgen um diesen Sohn gemacht hatte. Er war wirklich so gar nicht wie sein Vater, obwohl er ihm äußerlich sehr ähnlich sah. Dasselbe volle, leicht gewellte dunkle Haar, die elegante schlanke Gestalt. Aber auf die Idee, einen solchen Dienst am Nächsten zu tun, wäre jener nie gekommen.

Sie nahm sich vor, ihren Sohn dafür mit besonderer Fürsorge zu belohnen. Oft bereitete sie ihm abends ein besonderes Fleischgericht, während für die Frauen der Familie Tee und Marmeladebrote ausreichen mussten. Die Schwestern akzeptierten dies ohne Widerrede, war er nicht der Mann in der Familie und ganz sicher einer, der zu etwas ganz Besonderem berufen war.

Alle wussten, wie sehr Johannes alles Unschöne und Kranke verabscheute und bewunderten ihn ob dieser Fähigkeit der Überwindung. Schon als kleiner Junge konnte er es nicht ertragen, den Vater in seinem Krankenzimmer zu besuchen. Er wurde jedes Mal leichenblass und begann zu zittern und zu weinen, so dass ein solcher Besuch für den Kranken nicht sehr erbaulich war. Und nun wollte er freiwillig diese schwere Tätigkeit auf sich nehmen!

Bei diesem Bußdienst tauchte unerwartet noch eine andere Schwierigkeit auf, die Johannes zunächst etwas verunsicherte.

Er wurde einer Gruppe zugeteilt, gemeinsam mit Erika, einem jungen Mädchen, das hier ein Praktikum absolvierte. Sofort war Johannes klar, dass Erika eine schwere Prüfung und Versuchung für ihn werden würde. Sie war blond, schlank, hübsch und verrichtete die schwere Arbeit mit immer gleichbleibender Freundlichkeit und Geduld. Sie schien diese abstoßenden kranken Menschen sogar lieb gewonnen zu haben, was für Johannes ein Ding der Unmöglichkeit war.

Aber dieses Mal würde der Versucher keine Macht über ihn gewinnen, dessen war er sich ganz sicher. Zu sehr hatte er unter seinem Fehltritt gelitten. Johannes war fest entschlossen, mit aller Kraft dagegen anzukämpfen.

Er begegnete Erika immer steif und ernst und sprach nie etwas Persönliches mit ihr. Der Kampf mit seinem großen Abscheu vor den Kranken und die Angst vor den Reaktionen seines Körpers bewirkten, dass er letztere erstaunlich gut in Schach halten konnte. Auch machte er erneut die Entdeckung, dass seine Gabe, mit der „Zunge des Heiligen Geistes" zu einer Frau zu sprechen, sein körperliches Begehren sofort zur Ruhe brachte. Allerdings wirkte dies nur, wenn es eine Frau war, die ihn ob dieser Art zu reden bewunderte.

Erika schien das erste Mal sehr überrascht zu sein, als er auf ihre Frage, ob er gerne Fußball spiele, entgegnete:

„Die freie Zeit ist mir von Gott geschenkt und ich trage eine große Verantwortung, wie ich damit umgehe. Auch habe ich das kostbare Geschenk eines gesunden Körpers erhalten. Beides stelle ich, wie du ja siehst, in den Dienst der Nachfolge unseres Herrn Jesu. Meinst du wirklich, dass ich stattdessen Fußball spielen sollte? Zur körperlichen Ertüchtigung genügen mir lange Fußmärsche, zu denen ich gezwungen bin, da wir unsere Fahrräder nach dem Tode meines Vaters verkaufen mussten."

Erika schaute ihn verblüfft an. Eine Antwort blieb ihr im Halse stecken. Aber Johannes entdeckte mit Befriedigung den ihm wohlbekannten Ausdruck von Ehrfurcht und Bewunderung in ihren Augen.

„Meinst du nicht, wir sollten nun den Dienst an den geringsten unserer Brüder wieder aufnehmen?" setzte er hinzu und packte die Bettschüssel, die geleert werden musste, um damit in steifer Würde den Raum zu verlassen.

Die Wochenenden in Winnenden gingen an die Grenzen seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung und mit Schaudern dachte er daran, dass er versprochen hatte, den ganzen Monat Juli und August dort Dienst zu tun. Er wusste überhaupt noch nicht, wie er dies bewältigen würde.

Am letzten Wochenende vor den großen Ferien bekam Johannes in Winnenden die Aufgabe zugeteilt, sich während der ganzen Zeit um einen einzigen Patienten zu kümmern, dem es besonders schlecht ging. Es war Helmut, ein etwa vierzigjähriger Mann, der sehr schwer geistig behindert war. Er konnte nur noch im Rollstuhl sitzen und musste gefüttert werden. Das Schwierigste aber war, dass er sich jeder Anweisung entgegensetzte und sehr aggressiv, ja gelegentlich auch gewalttätig werden konnte.

Bei der ersten Mahlzeit weigerte er sich, wie immer, zu essen. Johannes versuchte es zunächst mit freundlichem Zureden. Als dies nichts half, ging er zu einem strengeren Ton über und drückte ihm den Löffel mit Gewalt in den Mund. Blitzschnell stieß Helmut seinen Fuß in Johannes Bauch und versetzte ihm gleichzeitig einen Fausthieb ins Gesicht. Johannes stürzte nach hinten, Helmut warf sich über ihn auf den Boden, würgte und ein warmer Schwall von Erbrochenem ergoss sich über Johannes Gesicht. Er erhob sich so schnell er konnte und rannte in den Waschraum, ohne sich noch weiter um Helmut zu kümmern.

Am ganzen Körper zitternd, musste auch er sich übergeben.

So fand ihn Erika.

„Bitte lass mich allein, ich kann nicht mehr!" stammelte er.

„Ich bringe dir wenigstens saubere Kleider, dann kannst du dich frisch machen. So etwas gehört eben zu unserer Arbeit hier. Der arme Helmut hat es nicht so gemeint, er ist ja so krank."

Aber Johannes war im Augenblick unfähig, verzeihende Nächstenliebe zu empfinden. Er fühlte nur Abscheu , Ekel und den unwiderstehlichen Drang, von hier zu verschwinden, um nie mehr zurückzukehren.

Diese Begebenheit stürzte ihn erneut in qualvolle Gewissenskonflikte.

Musste seine Buße wirklich so weit gehen, dass er an diesen grauenvollen Ort zurückkehren sollte?

Als er hörte, wie seine Mutter mit Marlene über die Problem der Nachbarsfamilie sprach, hatte er eine Idee.

Die Wagners hatten einen kleinen Bauernhof, den sie ohne fremde Hilfe bewirtschafteten. Nun hatte sich Herr Wagner würde sich einer Leistenbruchoperation unterziehen müssen und musste so während der Sommermonate als Arbeitskraft ausfallen.

Landwirtschaftliche Arbeit gehörte ganz und gar nicht zu Johannes Lieblingsbeschäftigungen aber im Vergleich mit dem, was in Winnenden von ihm gefordert wurde, war dies ein Honiglecken.

„Ich denke, dass dies der Platz ist, den mir der Herr zuweist. In Winnenden gibt es im Sommer einige neue Praktikanten und dann werde ich hier ganz sicher dringender gebraucht. So könnte ich auch bei uns mehr im Garten helfen und würde das Fahrgeld sparen. Frau Wagner hat mich als Kind immer auf ihrem Hof spielen lassen und mir jedes Mal ein Marmeladenbrot mit Quittengelee gegeben, weil wir das nicht hatten.

Ganz deutlich spüre ich, dass dies Gottes Wille ist."

Die Worte kamen ihm wie von selbst über die Lippen und er fühlte eine große Last von sich abfallen.

Trotzdem konnte er sich der Frage nicht erwehren, ob dies als Buße genüge.

Der Abschied von der Schule fiel ihm nicht mehr schwer. Er hatte sich so weit von seinen Mitschülern entfernt, dass auch diese bei seinem Ausscheiden keinerlei Bedauern zeigten. Im übrigen war Johannes fest davon überzeugt, dass er diese verdiente Strafe klaglos auf sich zu nehmen hatte, um sie in sein Bußprogramm einzureihen. Sein Zeugnis war ausgezeichnet, er hatte in den letzten Schulwochen die entstandenen Wissenslücken wieder schließen können. Deshalb drückte der Klassenlehrer, Herr Bauer, in seiner Rolle als Pädagoge sein Bedauern über den leider unvermeidlichen Schulabbruch aus.

Damit war diese Lebensphase für Johannes beendet.

Anfang Juli fand, wie jedes Jahr, die große Evangelisationswoche in Stuttgart statt.

Mutter Gabriel schlug Johannes vor, dieses Jahr an allen angebotenen Veranstaltungen teilzunehmen, ehe er seine Arbeit auf dem Bauernhof aufnahm.

Es traf sich gut, Herr Wagners Operation war direkt danach und Johannes nahm den Vorschlag dankbar an.

Vielleicht fand er während dieser Woche ein Antwort auf die quälenden Fragen nach Buße und Vergebung.

Der Hauptredner und Leiter der Evangelisation war in diesem Jahr Diakon Frohmann, aus dem Johanneum in Wuppertal.

Er war ein etwa fünfzigjähriger Mann mit einer außergewöhnlichen Ausstrahlung. Obwohl er ganz und gar keine Schönheit war, er hatte eine Glatze und war sehr beleibt, ging eine unerklärliche Faszination von ihm aus. Er schien unfähig zu sein, seinem Gesicht einen ernsten Ausdruck zu geben. Immer trug er ein strahlendes Lächeln auf seinen Zügen.

Außerdem war er mit einer ungewöhnlichen Rednergabe gesegnet.

Meist fing er mit einer langen Pause an und schaute dabei seine Zuhörer eindringlich an, jeden Einzelnen. Dieses Gefühl vermittelte er zumindest. Dabei lachte und strahlte er. Dann fing er sehr leise zu sprechen an. Eine Totenstille war dabei im Zelt. Bei der Eröffnungsveranstaltung war dies nur eine einzige Frage: „Möchtest du, dass Jesus dich bei der Hand nimmt, um dich nie nie mehr loszulassen?"

Darauf folgte wieder eine sehr lange Pause. Er ging dabei durch die Masse der Zuhörer, schaute jeden eindringlich an, legte auch gelegentlich die Hand auf eine Schulter oder auf einen Kopf.

„Du spürst ihn nun in dir und er erwartet dein Ja zu seinem göttlichen Geschenk. Gib ihm heute diese Antwort und dein Leben wird von nun an verwandelt und gesegnet sein. Sag ja!"

Bei den letzten beiden Worten schwoll seine Stimme an zu einem lauten durchdringenden Ruf.

In einem euphorisch, jubelnden Ton fuhr er fort:

„Dann wirst du nur noch Liebe in dir spüren. Dein Nächster wird dein Bruder sein. Nicht die weltliche Lust wird dich reizen, sondern deine größte Freude wird sein, an der Hand Jesu auf Gottes Pfaden zu wandeln."

Er führte dann noch weiter aus, wie dieses neue Leben aussehen werde. Immer wieder unterbrochen von Pausen, in denen er die Zuhörer aufforderte, auf die Stimme des Heiligen Geistes zu hören, die hier und jetzt in ihrem Herzen zu ihnen sprechen wolle.

Sein Vortrag endete mit der Aufforderung:

„Und nun gib deine Antwort vor den hier versammelten Brüdern und Schwestern im Herrn. Tritt vor, damit ich, als der bestellte Diener Jesu, dich für diesen Weg segnen möge!"

Zaghaft wagte sich eine armselig gekleidete Frau vor und nach und nach taten es ihr noch etwa zwanzig weitere Zuhörer nach. Menschen aller Altersstufen, die den verschiedensten sozialen Schichten angehörten.

Johannes wusste nicht, ob er sich in diese Gruppe erneut einreihen sollte. Er hatte schon vor zwei Jahren bei einer Evangelisation sein Versprechen abgegeben. Aber hatte er es nicht inzwischen gebrochen? Wäre es deshalb nicht wichtig, erneut den Segen zu erbitten?

Als letzter trat auch er vor, mit gesenktem Kopf und bedrückter Miene.

„Aber nun wollen wir das alte Kleid der Traurigkeit gemeinsam ablegen und fröhlich zu unserem Herrn Jesus beten:

Oh Herr, hier nun sind wir versammelt, um feierlich zu geloben, dass wir in deine Nachfolge treten wollen. Nimm uns auf, in den Kreis deiner Diener. Wir wollen uns auch vor Ungläubigen stets öffentlich zu dir bekennen. Auch wissen wir, dass dazu gehört, willig und froh dein Kreuz zu tragen. Lass uns die Machenschaften des Satans immer erkennen und gib uns die Kraft, diese rechtzeitig abwehren zu können. Herr schenke uns dazu deinen Segen! Amen.

Und nun knie jeder einzeln, einer nach dem anderen nieder vor der Gemeinde der hier versammelten Brüder und Schwestern und spreche laut und deutlich: <Ich gelobe es!>"

Bruder Frohmann stellte sich dabei hinter jeden Einzelnen, legte beide Hände auf dessen Kopf und sprach laut und jubelnd: „Der Herr segne dich!"

Als Antwort stimmte die Gemeinde das Halleluja an, begleitet von den weichen Klängen des Harmoniums.

Viele Menschen weinten dabei.

Am Ende der Veranstaltung wartete Johannes bis die meisten Menschen das Zelt verlassen hatten. Er wollte Bruder Frohmann um ein kurzes Gespräch bitten.

„Hätten Sie einen Augenblick Zeit für mich, ich brauche Ihren Rat, denn ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll?"

Bruder Frohmann spürte wohl, wie dringend das Anliegen dieses jungen Mannes war. Spontan legte er den Arm um ihn und führte ihn in den hinteren Bereich des Zeltes, in dem durch einen Wandschirm ein kleiner abgegrenzter Raum geschaffen worden war. Es gab einen kleinen Tisch und zwei Stühle und Herr Frohmann bat Johannes fröhlich, es sich bequem zu machen. Der Junge war ihm schon während der Veranstaltung aufgefallen und er hatte die große Not gespürt, mit der er sich herumquälte.

„Wo zwei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen, spricht unser Herr Jesus. Wir wissen also, er ist jetzt in diesem Augenblick bei uns und so wirst du nicht nur zu mir, sondern auch zu ihm sprechen. Ebenso wird meine Antwort die sein, die Jesus dir geben will."

Diese Worte gaben Johannes den Mut, ganz frei und ehrlich die Geschichte seiner Anfechtungen, seiner großen Sünde und seiner Sehnsucht nach Buße und Vergebung zu erzählen.

Bruder Frohmann hörte sehr aufmerksam zu und wollte alle Einzelheiten wissen über den Abend, den Johannes mit Marina verbracht hatte.

„Um dir etwas sagen zu können über die Form der Buße, die dir Jesus auferlegen möchte, muss ich deine sündige Handlung bis in die kleinsten Einzelheiten kennen."

Es war qualvoll für Johannes, die unseligen Stunden auf diese Weise noch einmal im Geiste erwachen zu lassen und in seinem Körper erwachte das ihm so wohlbekannte sündige Begehren erneut mit beängstigender Macht.

Er bemühte sich dennoch gewissenhaft, jede Einzelheit zu erzählen, so schwer es ihm auch fiel.

Bruder Frohmanns Gesicht überzog mehr und mehr eine seltsame Röte, kleine Schweißtröpfchen bedeckten seine Stirn und sobald Johannes bei seinem Bericht ins Stocken geriet, stellte er gezielte Fragen, die jedes aber auch wirklich jedes beschämende Detail aus dem gequälten Jungen heraus pressten.

Als Johannes schließlich geendet hatte, forderte ihn der Bruder auf, nieder zu knien und im stillen Gebet zu verharren, solange er ihn nun ganz allein mit Jesus lassen wolle.

Herr Frohmann musste dringend ebenfalls allein sein, denn der Bericht hatte ihn aufs Äußerste erregt. Für ihn, das wusste er aus Erfahrung, würde kein Gebet die ersehnte Erleichterung bringen. Er wollte sich auf die altbewährte Art und Weise selbst die Lust schenken.

„Mein lieber junger Freund," begann er, nachdem er erleichtert und beschwingt zurückgekommen war. „erhebe dich nun und hör mir zu. Auch ich habe im stillen Gebet zum Herrn gerufen mit der Bitte, mir die rechte Antwort für dich zu schenken.

Das, was du erlebt hast, diese Versuchung in Gestalt einer bezaubernden jungen Frau, war trotz allem ein Geschenk unseres Herrn. Denn nur der Abscheu, den du nun verspürst, der Ekel vor dem stinkenden Sündenpfuhl, der tief in dir liegt, wird dir die Kraft geben, in Zukunft Irrwege zu vermeiden und auf dem engen und oft mühsamen Weg der Gerechten zu wandeln.

Meide jede Versuchung des Weibes und bewahre von nun an deinen Körper vor fleischlicher Sünde. Nur wenn der Bund mit einer Frau durch die heilige Ehe gesegnet ist, darf im Schutze dieser von Gott gewollten Gemeinschaft zwischen Mann und Frau die Vereinigung des Fleisches vollzogen werden. Dies wirst du eines Tages, so Gott will, auch erleben dürfen.

Du fragst nach der von Gott geforderten Buße. Diese wird für dich darin bestehen, dass dein ganzes Leben im Dienste des Herrn stehen muss. Geh trotzdem hinaus in die Welt und beginne deine Lehre bei Bosch, wie es deine Mutter möchte. Aber vergiss nie, bei allem, was du tust, dass du diesen Dienst vollbringen musst. Umgib dich nur mit Menschen, die dich nicht vom Weg abbringen wollen, dann wird auch der Segen unseres Herrn Jesus immer über dir sein. Ich möchte dir nun noch einmal die Hand auflegen, um Gott um seinen Segen zu bitten."

Nach diesem Ritual verabschiedete sich Johannes sehr rasch von Bruder Frohmann.

Er fühlte sich in keiner Weise frei und erleichtert nach diesem Gespräch, denn der Diakon hatte ihm auch erklärt, dass die Vergebung jeden Tag aufs Neue verdient werden müsse. So war er also nicht von seiner Schuld befreit, sondern musste ein Leben lang dafür arbeiten. Seine Sünde würde also immer auf ihm lasten.

Die Zeit seines Militärdienstes war eine Qual für Johannes. Er nahm es als eine weitere Bußübung, ertrug alle Hänseleien der Kameraden, die ihn beim Bibellesen ertappten und verschloss sich im stillen Gebet, wenn die jungen Männer ihre schlüpfrigen Frauengeschichten erzählten.

Dora

Dora hatte den Charme, die Lebensfreude und die künstlerische Begabung vom Vater geerbt.

Ihr Verhältnis zur Mutter war distanziert, denn beide fühlten, dass sie in sehr verschiedenen geistigen Welten lebten. Auch Johannes war ihr sehr fremd.

Die beiden Schwestern Greta und Marlene liebten und bewunderten Dora grenzenlos. Beide wussten, wie anders sie waren und akzeptierten klaglos, dass sie ganz und gar in Doras Schatten standen. Die zahlreichen jungen Männer, die im Hause Gabriel aus und ein gingen hatten nur Augen für Dora und schienen die beiden Schwestern kaum zu bemerken.

Greta litt nicht allzu sehr darunter, denn es war ihr ganz recht, dass die jungen Männer ihres Bekanntenkreises alle nur Dora begehrten. Für sie löste der Gedanke, dass sich ihr ein Mann in irgendeiner Weise körperlich nähern könnte einen mit Ekel gemischten Schauder aus.

Anders war es bei Marlene. Sie war die Unscheinbarste der vier Geschwister und fühlte sich am wohlsten, wenn sie bei ihren bäuerlichen Nachbarn beim Kaffeetrinken saß.

Für Gottlieb Schulz, den eifrigsten Verehrer von Dora hegte sie eine tiefe Verehrung und Liebe, die niemand verborgen bleiben konnte außer Gottlieb selbst. Dieser liebte und begehrte Dora leidenschaftlich. Er hatte inzwischen eine Vikarsstelle in einer benachbarten Dorfgemeinde und sollte in einigen Monaten seine erste Pfarrstelle antreten. Ein unverheirateter Pfarrer allerdings war dafür nicht geeignet und alle waren sich darüber klar, dass für ihn nur Dora als Pfarrfrau in Frage kam. All dies wusste Marlene sehr wohl und lebte ihre Liebe nur in den geheimsten Träumen. Wie gerne wäre sie eine Pfarrfrau gewesen mit vielen vielen Kindern!

Doras Herz war mehr denn je in ihrer verbotenen, geheimen Liebe gefangen.

Eine ungeahnte Neuigkeit aber riss sie jäh aus der süßen Weichheit ihres Liebesfrühlings und brachte sie in Kontakt mit einer rauen Wirklichkeit.

Karl fehlte eines Morgens im Büro und Dora erfuhr von einer Kollegin, dass er einige Tage Urlaub genommen habe anlässlich der Geburt seines dritten Kindes, einer kleinen Tochter.

Diese ahnungslos ausgesprochene Neuigkeit war wie ein Faustschlag und erschütterte Dora aufs Tiefste.

Karl war ihre erste Liebe und sie lebte seit einem Jahr nur für ihn. Immer wieder hatte er ihr versichert, dass auch er nichts sehnlicher wünsche, als ganz Dora anzugehören, dass aber seine Frau seelisch sehr krank sei und er sie deshalb nie verlassen könne.

„Sie wäre ohne mich verloren und würde sich etwas antun. Ich lebe schon lange mit ihr wie mit einer Schwester. Was ich mit dir gemeinsam habe ist etwas völlig anderes, dich liebe ich mehr als mein Leben. Vielleicht ist eine solche Liebe ja noch viel kostbarer, da sie gegen viele Hindernisse kämpfen muss und immer unser süßes Geheimnis bleiben wird."

Von Kindern war nie die Rede gewesen, da angeblich Karls Frau durch ihre Krankheit kinderlos geblieben war.

Auf einen solchen Verrat war Dora in keiner Weise vorbereitet gewesen.

Sie war diesem Schock weder körperlich noch seelisch gewachsen und reagierte mit einer schweren Erkrankung, einer Lungenentzündung, die sich aber viele Wochen hinzog ohne irgendeine Besserung zu zeigen. Der Arzt befürchtete schon, es könne sich um Tuberkulose handeln. Doch mit dem Frühling zeigte sich auch ganz allmählich eine Besserung und man konnte auf eine vollständige Genesung hoffen.

Gottlieb war während Doras Krankheit täglich erschienen, immer mit einer kleinen Liebesgabe für sie. Ein Feldblumensträußchen, eine besonders schöne Rose aus dem Garten, eine kleine Nascherei, einen Stein und Ähnliches. Er war unerschöpflich in seinem Erfindungsreichtum. Jedes Mal blieb er einige Zeit still bei ihr sitzen und Dora empfand diese Besuche als sehr wohltuend.

Meist gelang es ihr, den Gedanken an Karl ganz und gar auszublenden. Es war ihr unerträglich an diese Wunde zu rühren und sie wusste, dass sie nie mehr an ihre alte Arbeitsstelle zurückkehren konnte. Allerdings würde es nahezu unmöglich sein, eine neue gleichwertige Arbeit zu finden, denn es gab ja so viele Arbeitslose, die verzweifelt etwas suchten.

Ende August konnte Dora wieder aufstehen, sie musste sich allerdings noch sehr schonen und lag die meiste Zeit im Garten unter ihrem Lieblingsapfelbaum und las.

So fand sie Gottlieb am Spätnachmittag eines Freitags. Es war ein wunderschöner warmer Tag gewesen und Dora hatte sich den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen, wie ihr Leben nun weiter gehen sollte.

Gottlieb trug seinen Sonntagsanzug an diesem Tag und balancierte vorsichtig einen noch warmen duftenden Zwiebelkuchen auf der rechten Hand. Er lächelte auf eigentümlich feierliche Art und Dora hätte ihn viel lieber so gesehen, wie er sonst immer war.

Ohne viel Umschweife stellte er sich vor Doras Liegestuhl auf und fing mit einer etwas gepressten Stimme an zu sprechen:

„Heute Vormittag wurde mir die Pfarrstelle in Bernhausen angeboten. Sie sollte am 1.Oktober angetreten werden. Liebe Dora, möchtest du meine Pfarrfrau werden? Du weißt, dass ich nur dich dafür möchte! Ich liebe dich und werde alles tun, um dir ein guter christlicher Ehemann zu sein!"

Gottlieb hatte den Zwiebelkuchen ins Gras gestellt und war neben Doras Liegestuhl auf die Knie gesunken.

Später verstand Dora selbst nicht mehr, wie es kam, dass sie ohne Umschweife ja sagte. Sie hatte nie vorgehabt, Gottlieb zu heiraten, denn ihre Gefühle ihm gegenüber waren schon immer ausschließlich freundschaftlicher Natur gewesen. Es war wohl so, dass diese Entscheidung zunächst alle Probleme auf einfachste Weise zu lösen schien.

Damit würden die Gedanken an Karl endgültig verbannt werden können.

Als Gottlieb nach ihrem spontanen Ja schüchtern um einen Verlobungskuss bat, erahnte sie, welche Hindernisse sich im zukünftigen Eheleben auftun würden. Dieser Kuss löste bei ihr nur ein widerstrebendes Schaudern aus. Wie anders waren doch die leidenschaftlich fordernden Küsse von Karl gewesen …

Gottlieb aber ahnte nichts von ihren Gedanken, er war überglücklich. Alles musste nun rasch gehen und das kam Dora sehr entgegen. Es war gut, alle Erinnerungen mit hektischen Hochzeitsvorbereitungen zu betäuben.

In der Hochzeitsnacht holte sie die Realität ein.

Gottlieb war während der sechs Monate dauernden Verlobungszeit ein zärtlich rücksichtsvoller Verlobter gewesen, der außer Umarmungen und Küssen keine weiteren Forderungen stellte. Dies war natürlich für einen christlichen jungen Mann, der noch gar ein junger Pfarrer war, eine Selbstverständlichkeit.

Immer würde flüsterte er Dora verschämt ins Ohr, wie sehr er sich auf den Augenblick freue, wo sie ihm ganz und gar angehören würde.

Dora konnte sich die körperliche Vereinigung mit ihm nicht vorstellen und spürte beim Gedanken daran nur Abwehr, ja fast eine Art von Ekel.

Nun waren sie also nach all dem Trubel des Hochzeitstages allein im neu hergerichteten Pfarrhaus. Es war groß, die Räume waren hoch und mit den verschiedensten Möbeln aus allerlei Familienbeständen ausgestattet worden, da kein Geld für Neuanschaffungen vorhanden war. Dora hätte sich ein ganz anderes Heim gewünscht. Sie fand diese Möbel scheußlich, ebenso die Stein- und Linoleumfußböden. Teppiche fand Gottlieb für ein Pfarrhaus unpassend. Die einzige persönliche Note in dieser nüchternen, fast feindseligen Atmosphäre waren Doras Bilder, die noch aus der Zeit ihres Kunststudiums stammten. Sie hatte sie überall aufgehängt außer im Studierzimmer ihres Pfarrersgatten. Es waren Zeugen aus einer anderen, sorglosen und glücklichen Lebensphase voller Pläne und Zukunftshoffnungen. Sie zeigten Doras große künstlerische Begabung. Nach dem schmerzlichen Abbruch des Studiums lag diese Begabung ganz und gar brach. Dora hatte nie wieder Stift oder Pinsel in die Hand genommen.

In dieser Umgebung nun sollte Doras zukünftiges Leben stattfinden.

In den wochenlang ungeheizten Räumen war es sehr kalt an diesem Aprilabend. Nur der Herd in der Küche verbreitete etwas Wärme.

„Frau Pfaff, die Mesnerin, hat den Herd heute angeheizt. Ab morgen wirst du aber ganz selbständig schalten und walten dürfen als Hausfrau im eigenen Heim. Ich denke, du freust dich schon darauf. Du warst ja damit einverstanden, dass wir mit dem kleinen Pfarrersgehalt ohne die Bezahlung eines Dienstmädchens besser zurecht kommen. Wir werden in der ersten Zeit sehr sparen müssen."

Mit diesen Worten legte Gottlieb zärtlich den Arm um seine junge Frau und führte sie sanft durch das eiskalte Steintreppenhaus hinauf zum ehelichen Schlafzimmer.

„Nun gehörst du mir ganz und nach Gottes Willen dürfen wir in dieser Nacht die Vereinigung des Leibes feiern. Ich lasse dich nun allein, damit du dich dafür allein vorbereiten kannst, ich werde im Nebenraum meine Kleider ablegen."

So stand Dora stand nun in einem eiskalten ungemütlichen Schlafzimmer, todmüde und völlig ernüchtert. Mit einem Schlag realisierte sie, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde. Ihr neuer Doppelberuf war nun Pfarr-und Hausfrau. Zu Hause waren ihr die häuslichen Pflichten weitgehend von den Schwestern und der Mutter abgenommen worden. Sie galt immer als die zarteste und musste weitgehend geschont werden. Diese Schonzeit war nun zu Ende und sie war abrupt ins kalte Wasser gestoßen worden. Greta, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Realitäten stand, hatte ihr versprochen, in der ersten Zeit täglich vorbei zu kommen, um Dora mit Rat und Tat beizustehen. Greta war sehr besorgt um die Zukunft ihrer Lieblingsschwester und hatte versucht, den zukünftigen Schwager von der dringenden Notwendigkeit eines Dienstmädchens zu überzeugen. Alle diese Versuche waren aber an Gottliebs Sparsamkeit gescheitert. Dieser machte sich natürlich in keiner Weise klar, was es bedeutete, einen solchen Haushalt zu führen.

Während Dora bibbernd in ihrem Hochzeitskleid vor dem ehelichen Doppelbett stand wurde ihr schlagartig bewusst, dass ein Leben vor ihr stand, das in keiner Weise zu ihr passte und sie in jeder Hinsicht überforderte.

Am liebsten wäre sie in voller Hochzeitsmontur unter das Federbett gekrochen um nichts mehr zu hören und zu sehen. Sie wollte nur noch schlafen, um am liebsten nie mehr aufzuwachen.

Mit steifen, zitternden Fingern entledigte sie sich ihres weißen Hochzeitskleides und der Unterwäsche und schlüpfte in das neue Flanellnachthemd, das Dora ihr für diese Nacht genäht hatte. Dann schlüpfte sie unter die Decke und hoffte, endlich etwas warm zu werden.

Sie war wohl eingeschlafen, denn plötzlich wachte sie auf und spürte, wie sich zwei kalte Hände an ihrem Körper zu schaffen machten.

„Hab keine Angst, Dora, auch für mich ist es das erste Mal, ich habe mich, so wie es Gottes Wille ist, für meine Ehefrau aufbewahrt. Nun aber dürfen wir uns in Liebe vereinen," flüsterte Gottlieb mit heiserer Stimme und drang auch schon in sie ein.

Dora erstarrte in Schrecken und Abwehr, stellte aber erleichtert fest, dass ihr Ehemann schon nach wenigen Sekunden aufstöhnte und schwer auf ihren Körper sank. Sie schob ihn beiseite. Er war augenblicklich in einen tiefen Schlaf gesunken, den er mit friedlichen Schnarchtönen begleitete.

Von Doras fehlender Jungfräulichkeit hatte er nichts bemerkt.

„So wird es also sein," dachte Dora, „wie gut, dass ich erleben durfte, wie die körperliche Liebe sein kann! Auch wenn es Sünde war!"

Sie lag noch lange wach und hing den quälenden Erinnerungen an die Vergangenheit nach. An die Zukunft wagte sie in dieser Nacht schon gar nicht mehr zu denken.

Die Berufung

Tretet aktiv in die Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus!

Ein Ruf an alle jungen Männer, die beruflich die Botschaft Jesu Christi verkündigen wollen:

Zweijährige kostenlose Ausbildung zum Jugendwart am Johanneum in Wuppertal Barmen.

Näheres zu erfahren beim Sekretariat des CVJM in Stuttgart.

Dieser kleine unscheinbare Zettel, den Johannes eines Morgens zufällig auf einem Tischchen vor seinem Büro entdeckte, sollte sein Leben ganz und gar verändern.

Es war gegen Ende seines dritten Lehrjahres.

Die Lehrzeit gehörte für Johannes auch zu der ihm auferlegten Buße und er hatte sie ohne jede innere Beteiligung absolviert. Er lebte in dieser Zeit wie eine Art Automat, gut geschützt hinter einem Panzer, der es ihm erlaubte, seine Arbeit, die ihn in keiner Weise interessierte, gewissenhaft und zu aller Zufriedenheit zu erledigen.

Er wohnte zwar nach wie vor zu Hause, beteiligte sich aber kaum am familiären Leben. So war er auch wenig berührt von Doras Hochzeit und verdrängte die Gedanken an Doras sündiges Vorleben, von dem er ja, ohne es zu wollen, erfahren hatte.

Er selbst lebte unter großen Qualen in keuscher Reinheit, wurde aber fast in jeder Nacht von erotischen Träumen verfolgt, die ihm, gegen seinen Willen, auch bescheidene sexuelle Wonnen bescherten. Frauen ging er so weit wie möglich aus dem Weg. Zum Glück arbeitete er fast ausschließlich mit Männern zusammen. Die wenigen Frauen, mit denen er es beruflich zu tun hatte, waren altjüngferliche, fast geschlechtslose Wesen, die ihn nicht in Versuchung führten.

In seiner Freizeit pflegte er intensive körperliche Ertüchtigung, wie Diakon Frohmann es ihm damals angeraten hatte. Er hatte im Garten eine Sprunggrube ausgehoben und ein Reck errichten lassen. Zu diesen Übungen kam noch der tägliche Dauerlauf bei jedem Wetter.

Er hatte keinerlei Kontakt zu Gleichaltrigen und suchte diesen auch nicht. Zu groß war seine Angst vor ungesunden Einflüssen.

Bisher hatte Johannes den Gedanken an seine Zukunft immer wieder verdrängt. Er konnte sich nur schwer vorstellen, sein Leben lang als Kaufmann zu arbeiten. Er verspürte keinerlei Freude an dieser Tätigkeit, wusste aber auch sonst nicht, was ihn interessieren könnte.

Mutter Gabriel ging fest davon aus, dass der Hoffnungsträger der Familie bei Bosch eine erfolgreiche Karriere machen würde. Regelmäßig gab sie ihm dies zu verstehen.

Nun aber hatte Gott ein Zeichen gesandt.

Johannes wusste sofort, dass dies seine göttliche Berufung war und mit unendlicher Erleichterung und einem dankbaren Glücksgefühl nahm er den Zettel an sich.

Ehe er zu Hause etwas darüber sagte, wollte er genauere Informationen einholen.

Er erfuhr, dass er sich während der kostenlosen Ausbildung versprechen musste, alle Kontakte zu Frauen abzubrechen, um sich ganz dem geistlichen Leben widmen zu können. Außerdem musste er einen Vertrag unterschreiben, der ihn verpflichtete, danach eine ihm zugewiesene Stelle als Diakon oder Jugendwart anzutreten.

All dies schien für Johannes die Lösung seiner Probleme zu sein. Zwei Jahre ein Leben ohne die Angst, von Frauen in Versuchung geführt zu werden und die Zusicherung, danach eine Arbeitsstelle zugewiesen zu bekommen, die es ihm ermöglichen würde, seinem Herrn mit ganzer Kraft zu dienen.

So fiel es ihm leicht, gegen den Widerstand seiner Mutter anzukämpfen. Seine Redegabe flog ihm wieder zu und Mutter Gabriel glaubte schließlich auch, dass ihr Sohn einen göttlichen Ruf erhalten hatte. Außerdem war es ein Weg, der es ihm erlaubte, materiell autonom zu leben, auch während der Ausbildung, mit der Zusicherung einer bescheiden bezahlten Arbeitsstelle danach.

Nun musste noch die Hürde des Ausleseverfahrens überwunden werden. Von etwa dreihundert Bewerbern wurden nur zehn ausgewählt.

Johannes überzeugte durch seine fundierte Bibelkenntnis, seine Erfahrungen bei der Arbeit in Winnenden und vor allem konnte er die Kommission in der mündlichen Prüfung durch die Darstellung seines inneren Werdegangs beeindrucken. Dabei fand er die richtige Mischung zwischen demütiger Selbsterniedrigung und religiösem Feuer, die eine Ablehnung seiner Kandidatur unmöglich machte.

Getragen von dem euphorischen Gefühl, seine Lebensrichtung gefunden zu haben, begann Johannes diese neue Lebensphase.

Abschied von Dora

Johannes war nun schon ein halbes Jahr im Johanneum und ging ganz auf in seinen Studien. Er lebte in einer abgeschlossenen Welt, die ihre eigenen Regeln und sogar ihre eigene Sprache hatte.

Alles war klar geordnet, es gab die Welt der Nachfolger Jesu Christi und die Welt der Außenstehenden. Beide trennte ein tiefer Graben. Wobei die Nichtaußenstehenden sich in der Pflicht sahen, sich um die Bekehrung der Außenstehenden mit aller Kraft zu bemühen. Die Schulung dafür war einer der wichtigsten Unterrichtsinhalte. Solange die Bekehrung nicht vollzogen war, blickte der Nichtaußenstehende mit liebevoller Nachsicht auf die Außenstehenden allerdings mit der tiefen Überzeugung, dass nähere Kontakte in diesem Zustand der Trennung nicht möglich waren.

Ein Brief von Greta riss Johannes jäh aus dieser wohligen Geborgenheit.

Mein lieber Bruder Johannes,

bis heute haben wir die Regeln eingehalten und keinen Kontakt zu dir gesucht, so wie es die Schule verlangt, in der du nun zum Diener des Herrn ausgebildet wirst. Ich habe die Notwendigkeit eines solch krassen Kontaktabbruchs nie richtig verstanden…

Nun aber sind so traurige und einschneidende Dinge in unserer Familie geschehen, dass ich es als meine Pflicht ansehe, dich darüber auf dem Laufenden zu halten.

Dora lebt wieder bei uns, denn sie hat die Krankheit, an der unser lieber Vater gestorben ist und der Arzt sagt, dass es keinerlei Hoffnung auf Heilung gibt. Wir werden also zum zweiten Mal ein geliebtes Familienmitglied bis zum Tod pflegen müssen.

Du wirst dich fragen, warum sie denn da nicht bei ihrem angetrauten Ehemann ist.

Nun, ich muss dir bekennen, dass ich über diesen nur mit einer sehr wenig christlichen Wut sprechen kann.

Du erinnerst dich ja noch, dass Greta kurz vor ihrer Verheiratung sehr schwer krank war. Du weißt sicher auch, dass sie schon immer die Zarteste von uns allen war.

Nun war das Leben in diesem riesigen Pfarrhaus mit all den ungewohnten Pflichten einer Hausfrau für Dora eine zu große Belastung. Trotz meiner eindringlichen Bitte war Gottlieb nicht bereit, ein Dienstmädchen einzustellen, mit der Begründung, dass der kleine Pfarrersgehalt dafür nicht ausreiche. Ich weiß aber, dass es in jedem anderen Pfarrershaushalt ein solches Dienstmädchen gibt.

Gottlieb ist ganz einfach übertrieben sparsam, ich würde es ganz einfach geizig nennen.

Ich versuchte Dora so gut ich konnte zu helfen, aber du weißt ja, dass ich tagsüber im Büro arbeite und zu Hause in Haus und Garten auch den größten Teil der Arbeit übernommen habe, da Mutter und Marlene wenig leistungsfähig sind.

Als Dora nun erneut kränkelte und zu husten begann, wollte Gottlieb lange Zeit keinen Arzt mit ihr aufsuchen, denn aus Geiz hat er auch keine Krankenversicherung.

Dora versuchte ihre gesundheitlichen Probleme so gut es ging vor uns zu verbergen. Erst als sie wirklich nicht mehr konnte, suchte Gottlieb, auf meine energische Forderung hin, einen Arzt mit ihr auf. Dieser wunderte sich sehr, dass die Patientin erst jetzt um Hilfe bat und erklärte rund heraus, beide Lungenflügel seien von der Tuberkulose schon angegriffen und sie habe nicht mehr allzu lange zu leben.

Dora nahm diese Nachricht erstaunlich gefasst auf und äußerte nur einen einzigen Wunsch, sie wolle hier bei uns zu Hause sterben.

Wie du weißt, war ich für Dora immer die Nächste und so spürte ich auch ganz deutlich, dass Dora nicht mehr leben wollte. Ich weiß auch, wie unbefriedigt und unglücklich sie in dem Leben mit Gottlieb war. Dieser Mann und diese Lebensform hat einfach nicht zu ihr gepasst. Sie hat ihn damals nur geheiratet, weil sie keine andere Lösung für ihr weiteres Leben sah. Sie hatte eine große Enttäuschung in der Liebe hinter sich und diese Wunde ist nie verheilt.

Sie ist nun ganz heiter und ruhig auf ihrem Krankenlager und ich spüre, dass sie ihren nahen Tod voll und ganz akzeptiert.

Lieber Johannes, wenn du Dora noch einmal sehen möchtest, um Abschied von ihr zu nehmen, dann komm bitte bald. Wir schicken dir gerne das Geld für die Bahnfahrt. Ich hoffe, dass die Schulleitung hier eine Ausnahme macht und dir Urlaub gibt.

Bitte komm rasch!

Mit ganz herzlichen Grüßen von deiner Schwester

Greta

P.S. Mutter und Marlene schließen sich meiner Bitte an und grüßen dich .

Dora meinte, wir sollten dich nicht bei deinen Studien stören, sie weiß nichts von dem Brief.

Dieser Brief konfrontierte Johannes wieder mit der ganzen Problematik seiner Kindheit und Jugend und er verspürte keinen Drang, nach Hause zu fahren. Doras Schicksal erinnerte ihn allzu sehr an den sündigen Vater, an sexuelle Versuchungen und Fantasien. Er riss ihn heraus aus dem Schutz seines Lebens im Elfenbeinturm mit Gleichgesinnten, in dem seine inneren Konflikte nicht mehr zu spüren waren.

Noch nie hatte er sich so glücklich und unbeschwert gefühlt und er hatte große Angst vor den Dämonen, die tief in ihm schlummerten.

Seine innere Reaktion auf diesen Brief ließ ihn ahnen, dass diese mit erneuter Gewalt jederzeit hervorbrechen konnten.

Er beschloss seinen Besuch noch hinauszuschieben und antwortete mir folgendem Brief:

Meine liebe Schwester Greta,

nach der Lektüre deines Briefes mit der schlimmen Nachricht von Doras Krankheit trat ich in der Abgeschiedenheit meines Zimmers vor das Angesicht unseres Herrn Jesu und wurde stille im Gebet.

Diese Zwiesprache mit dem, der unser Leben in seinen Händen hält und alles lenkt und fügt, ließ mich wieder klar sehen, da meine Gedanken vom göttlichen Licht erhellt wurden.

Auch Dora, wie damals unser Vater, muss nun das Kreuz der Buße tragen.

Sie wird dadurch geläutert werden und danach hoffentlich eingehen können in das Reich der ewigen Seligkeit.

Ich weiß von ihrer schweren Sünde, vor ihrer Ehe mit Gottlieb, da ich ungewollt einmal ein Gespräch zwischen euch beiden mit anhören musste.

Auch von den Verfehlungen unseres Vaters damals weiß ich sehr wohl.

Gott allein wird richten.

Im Augenblick kann ich den Dienst meiner Ausbildung hier nicht unterbrechen, da Gott mich zu seinem Werkzeug ausgewählt hat und meine ganze Kraft gehört nun ihm.

Bald aber sind Sommerferien und ich werde mich mit Bruder Eugen, unserem Schulleiter, beraten, ob es Gottes Wille ist, den Rückzug von der Welt durch einen solchen Kontakt mit der Familie zu unterbrechen. Demütig werde ich seinem Rat folgen.

Greta, beuge dich unter das Kreuz und Gott gebe dir die Kraft zum Tragen.

Unser Herr Jesus Christus sei mit dir.

In christlicher Liebe dein

Bruder Johannes

Dora starb zwei Wochen nach diesem Brief und Johannes sprach bei ihrer Beerdigung ein Gebet am Grab, das alle Anwesenden erschaudern ließ

„Gnädiger und richtender Gott,

Wir stehen nun hier am Grab von Dora, die ihren vergänglichen Leib verlassen hat und hoffentlich bei dir Gnade finden wird, um in dein Reich eingehen zu können.

Dora versuchte redlich, treu in der Nachfolge unseres Herrn Jesu Christi zu wandeln, seit sie Gottlieb ihrem angetrauten Ehemann in seinem Amt als Seelsorger zur Seite stand.

Oh Herr, sieh gnädig auf sie in deinem Gericht und vergib ihr die Schwächen des Fleisches.

Wir alle sind schwache Sünder und bedürfen deiner Gnade. Bewahre uns vor allen Versuchungen und hilf uns im Kampf mit dem Bösen, das seit der Erbsünde in uns wirkt und die Macht über uns gewinnen will.

Wir beugen uns mit Demut unter das Kreuz, das du uns erneut auferlegt hast. Möge diese Prüfung dazu beitragen, dass wir immer inniger in der Nachfolge mit Jesus verbunden sind.

Herr, bleibe bei uns, denn ohne dich sind wir schwach.

Amen"

Die andächtig, bewundernden Blicke, vor allem der Frauen, entgingen Johannes nicht.

Er spürte, wie tief seine Worte in diese eindrangen und er verspürte unbewusst ein triumphierendes Gefühl der Macht.

Arbeit im Weinberg des Herrn

Johannes schloss die Ausbildung im Johanneum mit den allerbesten Noten ab und man bot ihm die Stelle eines Generalsekretärs des CVJM in Esslingen an. Er nahm ohne Zögern an. War dies doch genau der Arbeitsbereich, der es ihm erlaubte, weiterhin den Frauen aus dem Weg zu gehen.

Die angebotene Bezahlung war allerdings sehr bescheiden, doch Johannes brannte einzig und allein darauf, seine Arbeitskraft voll und ganz in den Dienst des Herrn zu stellen. Da ihm im Lutherbau ein möbliertes Zimmer mietfrei zur Verfügung gestellt wurde, konnte er mit seinem kleinen Gehalt sehr gut zurecht kommen.

Nach der Abschlussfeier im Johanneum hatte ihn Bruder Eugen, der Schulleiter zu einem kurzen Gespräch gebeten:

„Johannes, Sie waren einer unserer begabtesten Schüler und ich bin sicher, dass der Herr Sie zu sehr Großem berufen hat. In einem unserer Gespräche haben Sie mir anvertraut, wie sehr Sie zeitweise von den Versuchungen des Fleisches heimgesucht werden.

Hier bei uns lebten Sie in einem geschützten Raum, der diese Versuchungen weitgehend von Ihnen fernhalten konnte. Nun aber kommt die Bewährung, draußen in dieser Welt voller Schmutz und Sünde.

Ich kann Ihnen nur den einen Rat geben:

Gehen Sie so rasch wie möglich den Bund der Ehe ein mit einer christlich tief gläubigen Frau, damit Sie im Schutz dieser gottgewollten Gemeinschaft auch die fleischlichen Bedürfnisse leben dürfen.

So werden Sie freier sein für Ihren Dienst am Herrn und gleichzeitig liebevoll umsorgt werden.

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei! So spricht Gott der Herr."

Diese Worte verfolgten Johannes in der ersten Zeit seiner Arbeit im CVJM, denn er wusste, wie recht Bruder Eugen hatte.

Er brachte diese Bitte täglich vor das Angesicht seines Herrn in einem immer gleichbleibenden Gebet:

O Herr, du weißt, wie sehr ich dir nun mit ganzer Kraft dienen möchte. Du kennst aber auch meine sündige Schwäche und weißt, wie sehr ich in der Vergangenheit gefehlt habe. Ich habe deine barmherzige Vergebung empfangen und vertraue auf deine Hilfe, die mich vor der Macht der fleischlichen Versuchung bewahren möge.

Nach deinem Willen möchte ich den christlichen Bund der Ehe eingehen. Zeige mir doch, o Herr die Frau, die du mir zur Gefährtin zuweisen willst. Aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.

Amen"

Sehr rasch meinte Johannes den Fingerzeig des Herrn zu erkennen.

Im Lutherbau war in einigen Räumen ein kleiner Kindergarten untergebracht. Dieser wurde von einer jungen Frau geleitet, die für Johannes ganz dem Bild seiner zukünftigen Gattin zu entsprechen schien. Sie hieß Martha Knaub, war groß und schlank und trug ihr Haar in einem züchtigen Knoten straff im Nacken zusammengehalten.

Um zu erfahren, ob sie auch eine streng gläubige Christin war, versuchte Johannes alle Personen zu befragen, die etwas über Martha wussten. So erfuhr er, dass ihre Eltern zu einer pietistischen Gruppe gehörten, die sich jeden Sonntag traf. Der Vater war pensionierter Lehrer und Martha lebte noch bei ihren Eltern und zwei Schwestern, die beide Lehrerin waren.

Mit einem tiefen und dankbaren Glücksgefühl spürte Johannes, wie sehr der Herr nun schützend seine Hand über ihn hielt. Er hatte in seiner gnädigen Güte die genau passende Frau gesandt. Nun war er sicher, dass auch alles andere seinen gottgewollten Verlauf nehmen würde.

Aber wie sollte er sich ihr nähern? Er hatte ja so gar keine Erfahrung auf diesem Gebiet.

Überraschenderweise kam ihm Martha selbst dabei zu Hilfe.

Es war Anfang Dezember und eines Morgens klopfte Martha leise an seine Bürotür.

Schüchtern brachte sie ihre Bitte vor:

„Am Nikolaustag besucht jedes Jahr ein echter Nikolaus meine Kindergartenkinder. Er spricht zunächst mit jedem Kind, lobt und ermahnt und teilt dann seine kleinen Geschenke aus, nachdem die Kinder ihm etwas vorgesungen und vorgesprochen haben. Herr Müller, der dies immer gemacht hat, ist nun ganz plötzlich erkrankt und es wäre für die Kinder eine riesige Enttäuschung, wenn dieses Jahr kein Nikolaus käme. Könnten Sie nicht einspringen? Sie würden mir einen ganz großen Dienst erweisen. Ich bitte Sie darum!"

Erschrocken vernahm Johannes ihr Anliegen. Spontan spürte er nicht die geringste Lust, eine solche Rolle zu spielen. Allein die Vorstellung davon verursachte ihm eine Gänsehaut. Aber hier saß nun diese junge Frau vor ihm, mit ihrem hübschen freundlichen Gesicht und bot ihm eine Gelegenheit an, mit ihr auf züchtige Weise in Kontakt zu treten. Er musste diesem Wink Gottes folgen, denn es bestand kein Zweifel, dass alles so von Ihm gelenkt war.

Eine Ablehnung würde es vielleicht unmöglich machen, später wieder mit ihr in Verbindung zu treten.

Gott schenkte ihm auch noch ein weiteres Zeichen. Martha rief bei ihm keinerlei fleischliche Gelüste hervor. Deshalb war er sicher, dass dies die ihm von Gott bestimmte Ehefrau war.

„Wie auch ich dienen Sie mit ihrer Arbeit an den Kindern unserem Herrn Jesus Christus. Es ist deshalb eine vom ihm gesegnete und geheiligte Arbeit. Dies verbindet uns beide, obwohl wir uns ja noch gar nicht kennen.

Ich fürchte, ich bin wenig begabt für diese Aufgabe, um die Sie mich hier bitten. Doch weiß ich, der Herr wird mir die notwendige Kraft geben, um zu diesen unberührten Kinderseelen sprechen zu können und ich glaube, dass ich deshalb Ihre Bitte nicht abschlagen darf."

Die Worte flogen Johannes zu und wieder spürte er, dass sie tief in das innerste Wesen dieser Frau eindrangen und er sie damit besitzen konnte.

Martha errötete tief, stand sofort auf, bedankte sich und verließ überstürzt den Raum.

Beide wussten, etwas war mit ihnen geschehen.

Natürlich war für den Nikolausauftritt eine eingehende Vorbesprechung notwendig, die Johannes fast noch mehr Angst machte als die zu spielende Rolle.

Nach langen Überlegungen und vielen Gebeten beschloss er, diese Besprechung auf den 5.Dezember gegen 16 Uhr, nach Kindergartenschluss, zu legen. Er konnte dann Frau Hägele, seine Sekretärin, bitten, an diesem Tag etwas länger zu bleiben. Auf gar keinen Fall wollte er mit Martha allein sein, zu groß war seine Angst, sündige fleischliche Gelüste könnten ihn übermannen.

Frau Hägele war eine Person, die solche Ängste nicht aufkommen ließ, war sie doch wenig oder besser gesagt gar nicht mit weiblichen Reizen gesegnet und hatte auch das verfängliche Alter bei weitem schon überschritten

Dank dieser Vorsichtsmaßnahmen verlief die Zusammenkunft so, wie es sich zwischen zwei christlichen Menschen verschiedenen Geschlechts ziemte.

Es wurde vereinbart, dass Johannes gegen 11 Uhr auftreten sollte. Vor 8 Uhr wollte Martha das Kostüm, das Buch mit den Notizen über die Kinder und den Gabensack vorbei bringen.

Jedes Kind sollte wegen kleiner und großer Unarten ermahnt werden. Zur Wiedergutmachung und als Zeichen der Reue musste es ein Lied singen oder ein kleines Gedicht aufsagen. Damit wurde Nikolaus milde gestimmt und konnte das kleine Geschenk überreichen unter Hinweis auf Gottes gnädige Vergebung.

Auf keinen Fall sollten die Kinder gelobt werden, nicht einmal dann, wenn es sich um ein wirklich frommes und braves Geschöpf handelte. Dies, so waren sich Martha und Johannes ganz und gar einig, hätte Übermut und eine Verderbnis des Charakters zur Folge.

Johannes schlug vor, am Schluss noch ein freies Gebet für die Kinder zu sprechen und sie zu segnen.

„Oh ja“, stimmte Martha errötend bei, „dies konnte Herr Müller natürlich nicht. Er ist von Beruf Steuerbeamter und hat nicht, wie Sie, die Berufung, dem Herrn zu dienen.”

„Wir alle sind berufen, das wissen Sie so gut wie ich, liebes Fräulein Knaub, in der Nachfolge unseres Herrn Jesu Christi zu dienen. Jeder mit seinen Gaben und Möglichkeiten," fügte Johannes milde belehrend hinzu.

Natürlich konnte Martha dem nur stumm nickend zustimmen.

Erneut stellte Johannes mit großer Erleichterung fest, dass er mit der Macht seiner Worte, den Geschlechtstrieb ganz und gar beherrschen konnte. Auch bei diesem Zusammensein gelang es ihm, Martha gegenüber keinerlei fleischliche Gelüste zu verspüren.

Und so sah er dem morgigen Tag mit Zuversicht und Ruhe entgegen.

.

Alles verlief so, wie geplant.

Überrascht stellte Johannes fest, dass er seine Rolle sogar richtig genießen konnte. Wäre da nur nicht die lästig warme Verkleidung gewesen, die bewirkte, dass er nach kurzer Zeit schweißgebadet war.

Im übrigen war es ein lustvolles Erlebnis, zwanzig Kinder vor sich zu haben, die ihn mit schreckgeweiteten Augen anstarrten, blass und zitternd.

Einige begannen zu weinen, als sie wegen gewisser Verfehlungen ermahnt wurden und versuchten sich an die Kindergärtnerinnen zu klammern. Auch der Hinweis auf Gottes gnädige Vergebung konnte sie nicht beruhigen.

Für die meisten Kinder bedeutete es eine fast übermenschliche Anstrengung, in diesem Zustand der seelischen Anspannung und des Schreckens, ihr vorbereitetes Lied oder Gedicht vorzutragen. Mit zitternder Stimme, unterbrochen von vielen Schluchzern, brachten es die meisten fertig, wenigstens mit einem kleinen Versuch, ihren guten Willen zu zeigen.

„Bereust du deine Fehler und wirst du von nun an ein braves Kind sein?" Auf diese Frage erwartete Johannes ein eindeutiges, laut hörbares Ja.

Erst dann überreichte er dem Kind das Päckchen mit der beruhigenden Zusage: „So wird dich Gott in seiner Liebe annehmen und dir vergeben."

Nur ein Kind, ein sehr hübsches kleines Mädchen, verweigerte auf diese entscheidende Frage das Ja.

Sie war die Einzige, die überhaupt nicht ängstlich wirkte und dem Nikolaus mit unbewegter Miene fest in die Augen blickte.

Dies verunsicherte Johannes ganz und gar und er wusste nicht sofort, wie er sich in dieser Situation verhalten sollte. Aus Angst, Martha zu missfallen, überließ er ihr die Entscheidung.

"Im Augenblick hat Satan dich in seiner widerlichen Kralle. Ich werde für dich beten dass er von dir weichen möge. Du kannst es später Tante Martha sagen, dass du bereust und ein braves Kind sein willst. Dein Päckchen werde ich ihr geben."

„Ich will kein Päckchen und ich will so bleiben, wie ich bin!" war die Antwort der kleinen Sünderin.

Die Verlobung

Für Johannes gab es keinerlei Zweifel mehr, dass Martha die für ihn von Gott bestimmte Ehefrau war.

Wie aber sollte er seine Brautwerbung gestalten?

Gottlieb hatte Dora damals unter vier Augen direkt gefragt. Dazu fühlte er sich nicht imstande.

Nach langem Nachdenken und im Zwiegespräch mit seinem Herrn, Jesus Christus, beschloss er, zunächst Marthas Eltern aufzusuchen. Er wollte ihnen erklären, dass er ohne ihr Einverständnis Martha keinen Heiratsantrag machen könne. Außerdem war es ihm auch sehr wichtig, vor diesem entscheidenden Schritt, Marthas Elternhaus in Augenschein genommen zu haben.

Mit einer kleinen Karte meldete er seinen Besuch an und wurde daraufhin höflich eingeladen, an einem Mittwochnachmittag gegen 15 Uhr vorzusprechen.

Herr und Frau Knaub empfingen ihn freundlich aber zurückhaltend.

Sie boten ihm ein Glas selbstgemachten Apfelsaft an.

Johannes versuchte in kurzen Zügen seinen Werdegang zu schildern, ehe er auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen kam.

„Wie Sie sehen, habe ich einen Lebensweg gewählt, der mich ganz und gar in den Dienst unseres Herrn stellt. Es ist nicht der breite, bequeme Weg, denn der CVJM kann mir nur einen sehr bescheidenen Gehalt bezahlen. Ich kann meiner zukünftigen Ehefrau also keine Reichtümer bieten sondern nur meine von Gott gesegnete aufrichtige Liebe und ein gemeinsames Leben, das sich dem Willen des Herrn beugt in Demut und Unterwerfung. Ohne ihre Zustimmung und ihren elterlichen Segen möchte ich mit meiner Bitte nicht an ihre Tochter Dorothea herantreten."

Das Ehepaar hatte aufmerksam zugehört ohne Johannes zu unterbrechen. Als er geendet hatte, verständigten sie sich mit einem Blick ehe Vater Knaub zu sprechen begann:

„Wir gehören zur pietistischen Gemeinschaft und sind eng mit unseren Brüdern und Schwestern verbunden. Ehe wir Ihnen, lieber Herr Gabriel antworten wollen wir am nächsten Sonntagnachmittag mit diesen beten und unsere Frage gemeinsam vor den Herrn bringen. Er wird uns erleuchten und so können wir Ihnen dann getreu seinem Willen eine Antwort zukommen lassen."

Diese Reaktion gefiel Johannes sehr gut und so verabschiedete er sich frohgemut und im Vertrauen auf Gott.

Schon in der Woche danach erhielt er ein Kärtchen mit folgendem Text:

Lieber Herr Gabriel,

wir haben über Ihr Ansinnen, unsere Tochter Martha um ihre Hand zu bitten lange nachgedacht und viel gebetet.

Dadurch sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass diese Verbindung unter dem Segen Gottes stehen wird, denn in der Sonntagsstunde unserer pietistischen Gemeinschaft gab uns der Herr ein Zeichen nachdem wir ihn gemeinsam darum gebeten hatten.

Martha weiß nichts über Ihren Besuch und wir bitten Sie nun, mit ihr darüber zu sprechen, denn ihr Jawort wird den Ausschlag geben.

Der Herr segne Sie.

Mit freundlichen Grüßen

Christoph und Elfriede Knaub

Nun stand Johannes also der schwierige Schritt bevor, um Marthas Hand anzuhalten.

Tagelang dachte er darüber nach, wie er mit ihr darüber sprechen könnte und mehr und mehr schien ihm dies ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Er beschloss daher, diesen Heiratsantrag schriftlich zu formulieren.

Liebes Fräulein Knaub,

seit einigen Wochen ist in meinem Herzen die Gewissheit immer stärker geworden, dass Sie, liebes Fräulein Knaub, die mir vom Herrn bestimmte Lebensgefährtin sind.

Ehe ich nun mit meinem Anliegen an Sie herantreten konnte, habe ich Ihre Eltern aufgesucht, um zunächst diese um ihre Erlaubnis und ihren Segen zu bitten.

Beides wurde mir freudig gewährt.

Und so kann ich also heute vor Sie treten und Sie bitten, mit mir ein gemeinsames Leben zu beginnen unter dem Wort des Herrn.

Wie Sie sicher wissen, kann ich Ihnen kein Leben im Wohlstand bieten.

Ich kann für Sie aber der treue liebende Gatte sein, der mit Freude und Demut bereit ist, eine christliche Familie zu gründen.

Sollte Ihre Antwort ein Nein sein, dann bitte ich Sie, mir diesen Brief wieder in meinen Briefkasten zu werfen, damit ich ihn vernichten kann.

Ich würde in diesem Fall Ihre Ablehnung ohne Groll als gottgewollt annehmen.

Ich warte nun auf eine Entscheidung und grüße Sie mit allem Respekt und der Hochachtung, die Sie verdienen

Ihr Johannes Gabriel

Marthas Antwort war am nächsten Tag ein errötendes Lächeln als sie ihm im Flur begegnete.

Johannes fasste ihre beiden Hände, blickte ihr in die Augen und flüsterte dabei:

„Darf ich dies als ein Ja verstehen?"

Martha nickte heftig, unfähig ein Wort zu entgegnen.

„So sind wir also heimlich verlobt. Dürfte ich Sie nach Kindergartenschluss zu einem Spaziergang abholen?"

Martha nickte wieder und entfloh zu ihren Kindern.

Lieber Bruder Eugen,

nun bin ich also schon zwei Monate tätig im „Weinberg des Herrn" und mein Herz ist mit großer Freude erfüllt, denn ich spüre, dass dies meine gottgewollte Lebensaufgabe ist.

Es gibt für mich nichts Schöneres, als zu versuchen, junge Menschen zu Jesus Christus hinzuführen und sie auf ihrem Weg zu begleiten, damit der Versucher keine Macht über sie gewinnt. Wir wissen ja, dass letzterer viele heimtückische Machenschaften kennt, um uns auf Abwege zu locken. Ich selbst habe das schmerzlich erfahren müssen.

In unserem letzten Gespräch habe ich Ihnen meine Nöte hinsichtlich der fleischlichen Versuchungen anvertraut und Sie gaben mir einen guten Rat. Ich solle doch bald eine Lebensgefährtin suchen, mit der ich eine christliche Ehe führen kann.

Nun, der Herr war gnädig mit mir und hat mir diese Gefährtin zugeführt. Wir sind seit gestern heimlich verlobt und ich weiß ganz sicher, dass Gottes Segen auf dieser Verbindung liegen wird.

Ich stehe nun ratlos da, denn ich weiß nicht, wie ich mich während der Verlobungszeit Martha gegenüber verhalten darf. Natürlich weiß ich, dass eine fleischliche Vereinigung erst nach dem Vollzug einer von Gott gesegneten Ehe stattfinden darf.

Aber welche Form der körperlichen Annäherung ist Verlobten erlaubt?

Ich bitte Sie dringend, mir sehr rasch ihren väterlichen Rat zu erteilen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Johannes Gabriel

Lieber Bruder Johannes,

wie freue ich mich über das, was Sie mir schreiben. Ihr Leben steht jetzt unter dem Segen des Herrn.

Da ich im Augenblick wenig Zeit habe, komme ich gleich zu Ihrer so dringenden Frage.

Ihre Verlobte ist für Sie bis zur Hochzeit eine Schwester im Glauben.

Da Sie ja selbst leibliche Schwestern haben, so stellen Sie sich einfach vor, welche Berührungen mit einer Schwester angemessen wären.

Um mich deutlich auszudrücken, würde ich sagen, eine keusche Umarmung, ein Kuss auf die Wange, Arm in Arm gehen und sich an der Hand halten ist durchaus eine angemessene Form des Umgangs mit einer Verlobten. Vermeiden Sie alles, was das fleischliche Begehren fördern könnte. Bedenken Sie, auch manche Frauen können dieses Begehren spüren. Dies ist zwar selten, kann aber für den Mann sehr gefährlich werden.

Bitte entschuldigen Sie, lieber Johannes, wenn mein Brief heute etwas kurz ausfällt, aber ich wollte Ihnen trotz Zeitdruck sofort antworten, da ich spürte, wie ratlos Sie sind.

Gott segne Sie !

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Bruder Eugen

Johannes beherzigte den Rat seines alten Lehrers gewissenhaft während der sechsmonatigen

Er war froh, dass Martha damit einverstanden war, die Hochzeit so rasch wie möglich zu feiern, denn die Nähe dieses weiblichen Körpers während ihrer Spaziergänge war häufig eine Qual für ihn. Mit einer für ihn überraschenden Gewalt stürmte die Erinnerung an die Liebesstunden mit Marina über ihn herein. Er stellte sich dann Martha vor, wie sie sich nackt an ihn schmiegte und er erlebte in seiner Fantasie diesen unvergesslichen Rausch der körperlichen Vereinigung mit ihr.

Kaum konnte er glauben, dass er diesen Traum nun bald täglich leben durfte, gottgewollt und somit ohne jedes schlechte Gewissen. Welch wunderbares Gottesgeschenk!

Johannes vermied es, Martha in seinem bescheidenen Junggesellenzimmer zu treffen. Er fühlte sich sicherer, wenn dies in seinem Büro geschah, wo meist auch Frau Hägele anwesend war und wortlos an der Schreibmaschine arbeitete. Abendliche Treffen fanden fast immer in der Wohnung der Eltern Knaub statt oder im Schutz der zahlreichen christlichen Veranstaltungen. Mit Freude stellte Johannes fest, dass er mit Martha in allen Glaubensfragen voll und ganz übereinstimmte. Dies war für beide das Allerwichtigste.

Und dann kam der große Tag der Hochzeit.

Die Ehe

Die Hochzeitsfeierlichkeiten waren vorbei.

Spät abends betraten Martha und Johannes ihre neu eingerichtete Wohnung.

Sie wussten, dass sie sich nun nicht mehr wie Bruder und Schwester verhalten konnten und ein großes Unbehagen beschlich beide.

Wie konnte man denn von einem Tag auf den anderen die eingespielten Umgangsformen ändern?

Johannes beschloss, sich zunächst ganz wie bisher zu geben und er vertraute darauf, dass nach der ersten Liebesnacht der Bann gebrochen sein würde.

Da er spürte, wie angespannt Martha wirkte, versuchte er sie zu stärken und zu beruhigen:

„Liebe Martha, meine geliebte, mir vom Herrn zugeführte Frau, nach seinem Willen werden wir uns heute nacht vereinigen und ein Fleisch werden. Während der Monate unserer Verlobungszeit habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt und ganz sicher ging es dir genau so."

Martha antwortete nicht, sondern öffnete wortlos und mit versteinerter Miene die Schlafzimmertür.

„Lass uns mit einem Gebet beginnen, damit der Herr diesen großen und feierlichen Augenblick segne!"

Mit diesen Worten fasste er Martha bei den Händen und bat um Gottes Segen für diesen heiligen Akt.

Bruder Eugen hatte Johannes ein Bauch empfohlen mit dem Titel „Ratgeber für den christlichen Ehemann" und hier erfuhr er, dass eine jungfräuliche Braut langsam und vorsichtig an die fleischlichen Dinge herangeführt werden müsse.

Deshalb nahm er Martha zunächst vorsichtig in seine Arme und versuchte sie auf den Mund zu küssen. Sie wehrte sich nicht, blieb aber steif und hielt ihren Mund fest geschlossen. Dann fing er an, behutsam ihr Brautkleid aufzuknöpfen. Dies wehrte Martha aber erschrocken ab und erklärte, dass sie sich alleine auskleiden wolle, er möge doch bitte erst wieder kommen, wenn sie im Bett liege.

Enttäuscht kam Johannes dieser Bitte nach.

Als er nach einer halben Stunde das Schlafzimmer betrat, stellte er fest, dass Martha im hochgeschlossenen Nachthemd fest zugedeckt im Bett lag, das Licht war gelöscht.

Er selbst war nackt. Er knipste die Nachtischlampe an und flüsterte:

„Wir sind nun Mann und Frau und dürfen uns gegenseitig betrachten, so wie Gott uns geschaffen hat. Bitte lass mich die Schönheit deines Körpers bewundern! Dazu müsstest du aber dein Nachthemd ausziehen."

„Das kann ich nicht, bitte mach das Licht wieder aus und komm auch ins Bett, ich will dir eine gute Ehefrau sein und Gottes Willen gehorchen." war die hastig hervorgestoßene Antwort.

Und nun wurde alles ganz anders als Johannes es sich erträumt hatte.

Er verhielt sich in allem so, wie es im Ratgeberbuch beschrieben wurde. Geduldig streichelte und küsste er Martha und liebkoste ihren Körper, so gut es unter dem Nachthemd möglich war. Sie blieb starr und steif.

Es hieß im Buch, dass der Mann erst in die Frau eindringen dürfe, wenn er spüre, dass die Frau es sich sehnlichst wünsche.

Dieses Stadium aber war auch nach zwei Stunden intensivster und geduldigster Bemühungen nicht erreicht. Johannes meinte, dass er nun trotzdem zur Tat schreiten dürfe, stellte aber fest, dass bei ihm inzwischen jede Erregung erschlafft war.

Wie konnte es sein, dass die sündhafte Vereinigung mit Marina damals so problemlos und lustvoll leicht verlief und dieser von Gott gesegnete Akt so mühsam und enttäuschend war und nun nicht einmal ganz vollzogen werden konnte?

Johannes verstand die Welt nicht mehr. Er küsste Martha zart auf die Wange.

„Wir sind müde und erschöpft nach diesem langen Tag, lass uns schlafen, ich wünsche dir eine gute Nacht in unserem neuen Heim."

Wie sollte es nun weitergehen? Johannes war völlig ratlos und bat erneut seinen väterlichen Lehrer brieflich um Rat und Hilfe.

Bevor er eine Antwort erhalten hatte, wollte er sich Martha nicht mehr körperlich nähern. Er erklärte ihr, dass ein liebender Ehemann seine Wünsche im Glauben bewältigen könne, wenn er spüre, dass seine Frau noch nicht bereit sei. Gott werde alles richtig lenken nach seinem Plan und Willen.

Lieber Bruder Johannes,

ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, denn es ist Ihnen sicher nicht ganz leicht gefallen, über diese intimen Dinge zu schreiben.

Sie wissen ja, dass ich durch meine Tätigkeit als christlicher Eheberater einige Erfahrung sammeln konnte und so hat mich Ihr Brief ganz und gar nicht überrascht.

Sie haben durch die Fügung des Herrn eine tief gläubige Ehefrau gefunden und ich weiß, dass dies auch das Wichtigste ist für Sie.

Nun ist es meist aber so, dass diese Frauen tief im geistig, seelischen Bereich verankert sind durch die tägliche Nähe zu Jesus Christus. Dies bewirkt, dass die weltliche Hülle des Körpers keine Lustgefühle hervorrufen kann, denn alle Lust wurde in eine höhere, geistige Sphäre verlagert. Bei uns Männern ist dies etwas anders, denn die Natur will, dass wir nur durch das lustvolle Gefühl des Begehrens, den gottgewollten Zeugungsakt vollbringen können. Sie müssen sich daher nicht mit einem schlechten Gewissen quälen.

Freuen Sie sich dagegen von ganzem Herzen über das Geschenk einer Frau, die in gewissem Sinne schon über die fleischlichen Dinge hinausgewachsen ist und voll und ganz in der reinen Atmosphäre des Geistigen lebt.

Vollziehen Sie den fleischlichen Akt so, wie Gott es uns Menschen geboten hat und nehmen Sie es als ein Zeichen besonderer Gnade, wenn Ihre Ehefrau scheinbar weniger Freude dabei empfindet als Sie. Es könnte sogar sein, dass Martha dabei körperlichen Schmerz erleiden muss. Dies ist ihr als Frau auferlegt und gehört zu den Folgen des Sündenfalls…“in Schmerzen soll sie gebären…”

So hoffe ich nun, dass ich Ihnen ein wenig helfen konnte und wünsche Ihnen ein von Gott gesegnetes Leben in der Ehe.

Mit brüderlichem Gruß

Ihr Bruder Eugen

Dieser Brief war für Johannes eine große Hilfe und Erleichterung.

So war also die überbordende fleischliche Lust, die er mit Marina erlebt hatte, eine Ausgeburt der Sünde und nur Frauen, die dem Glauben fern standen konnten dies lustvoll erleben. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Wie natürlich war es doch, dass sich eine tief gläubige Frau unter das Kreuz stellen musste und den Akt der Befruchtung genau wie den des Gebärens in Schmerzen zu erdulden hatte.

Am Abend dieses Tages vollzog Johannes nun die Ehe mit Martha.

Es geschah ohne Worte. Das Licht war gelöscht und Johannes beschränkte sich auf das, was Gott vorgesehen hatte, um aus diesem Akt Kinder entstehen zu lassen.

So musste Martha auch nicht lange leiden, denn es ging sehr rasch. Und so kurz, wie Marthas Schmerz, war auch für Johannes die Lust. Und so vollzogen sie es jeden Abend nach ihrem gemeinsamen Gebet.

In den nächsten zwei Jahren wurden ihnen zwei Kinder geschenkt, ein Mädchen und ein Junge.

Johannes lebte in dem beglückenden Bewusstsein, seine ihn ganz und gar erfüllende Lebensform gefunden zu haben.


„Mein Geliebter, bitte warte noch einige Tage, dann wird es nicht mehr gefährlich sein. Ich möchte in diesen schweren Zeiten auf keinen Fall wieder schwanger werden, wir wissen ja jetzt schon nicht, wie wir alle durchkommen werden."

Es kostete Martha große Überwindung, ihren Mann um Enthaltsamkeit zu bitten. Aber ihre Angst vor einer weiteren Schwangerschaft war allzu groß. Vor vier Jahren, , als Johannes auf einen kurzen Urlaub aus Russland nach Hause gekommen war, brachte sie es nicht über sich, ihn abzuweisen. So wurde sie erneut schwanger und die kleine Dora wurde mitten im Krieg geboren.

Marthe musste täglich darauf gefasst sein, die Nachricht vom Heldentod ihres Mannes zu bekommen. Sie traute es sich nicht zu, drei Kinder ganz allein aufzuziehen.

In den Feldpostbriefen erinnerte sie Johannes immer wieder daran, dass diese Kinder Geschenke Gottes seien und der Herr deshalb auch für sie sorgen werde. Doch gelang es Martha dennoch nicht, ihrer Zukunftsängste Herr zu werden. Zu vielseitig stürmten die Bedrohungen auf sie ein. Zur Angst um ihren geliebten Mann kamen die häufigen Fliegeralarme, die schlaflosen Nächte, die sie mit den Kindern im Keller verbringen musste. Außerdem galt es den Alltag in diesen Kriegszeiten zu bewältigen.

Heute aber war ein Tag des Glücks.

Johannes war überraschend zurück gekommen, nachdem sie ihn schon tot geglaubt hatten. Er war aus einer kurzen Kriegsgefangenschaft entlassen worden. Der Krieg war vorbei und die Familie war wieder vereint.

„Ich habe mein Versprechen nicht vergessen, meine liebe Martha. Niemals werde ich, wie mein Vater, rücksichtslos meinem Trieb folgen, wenn nicht auch du damit einverstanden bist. Heute allerdings fällt es mir unsäglich schwer, denn ich habe fast zwei Jahre lang ohne dich gelebt und mein Wunsch nach ehelicher Vereinigung ist übergroß. Du ahnst ja nicht, was in einem Mann vorgeht, wenn er seine Frau entbehren muss. Oft waren meine Gebete nicht stark genug, um meinen Trieb nach fleischlicher Vereinigung zu vertreiben und es war eine körperliche Qual, die von den zotigen Gesprächen der Kameraden noch verstärkt wurde.

Lass uns unsere Not vor den Herrn bringen im gemeinsamen Gebet. Er wird uns den Weg zeigen und uns die Kraft zum Gehorsam schenken."

Mit diesen Worten küsste er Martha auf die Stirn. Beide lagen nun angespannt auf dem Rücken und Johannes sprach halblaut sein freies Gebet, das er mit den Worten enden ließ: aber nicht unser, sondern dein Wille geschehe, o Herr!

„Ich weiß es nun, du bist mir von Gott wieder geschenkt worden, so sollst du auch am ersten Abend deine Frau ganz und gar wiederfinden dürfen, das ist Gottes Wille, ich spüre es nach deinem starken und schönen Gebet. Alles Weitere wird er richten," flüsterte Martha und ließ es geschehen, dass Johannes sofort in sie eindrang und nach wenigen Sekunden lustvoll stöhnend von ihr abließ.

„Oh, mein geliebtes Weib, ich danke dir!" Erschöpft und befriedigt schlief er ein, während Martha noch lange wach lag und der sorgenvollen Gedanken nicht Herr werden konnte.