Ein Upgrade für das Internet

Wie kaum eine andere technologische Entwicklung hat jene des Internets unsere vergangenen Jahrzehnte geprägt. Ob im Privat- oder Arbeitsleben, für die Mehrheit aller Menschen ist das «World Wide Web» heute nicht mehr wegzudenken. Es ist zu einer Notwendigkeit geworden, ohne die wohl die wenigsten noch auskommen könnten. Indem das Internet es möglich gemacht hat, dass einzelne rund um den Globus verteilte Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und teils sogar mit entgegengesetzten Moralvorstellungen und Weltanschauungen in (anonyme) Interaktion treten können, hat diese institutionelle Technologie die soziale Skalierbarkeit von uns als Menschheit unheimlich befördert.

Es wäre gelogen, im grossen weiten Cyberspace mit all seinen Möglichkeiten keine bewundernswerte Befähigungsmaschinerie zu sehen. Nichtdestotrotz scheint sich ein Schönheitsfehler dieser institutionell befähigenden Kraft immer mehr zu offenbaren: In seiner gegenwärtigen Struktur ist dem Internet eine Zentralisierungstendenz inhärent. Für das heutige Arbeits- und Privatleben essenziell gewordene Bereiche innerhalb des Cyberspace sind durch quasi-monopolitische Angebot beherrscht: ob in der Online-Kommunikation, dem Cloud-Computing, den Suchmaschinendienstleistungen, dem Web-Marketing oder Internet-Infrastrukturbetreiber – das Rad der Zentralisierung dreht sich immer weiter.

Dabei war die Vision für das Internet eine andere. Ganz am Anfang handelte es sich um ein Projekt des US-Verteidigungsministerium. Es sollte ein Kommunikationsnetzwerk für Computerdaten etabliert werden, das gegen unvorhersehbare Ereignisse wie Naturkatastrophen oder Krieg immun sein sollte. Deshalb wurde auf geografische Dezentralisierung gesetzt, um bei einem Ausfall eines Teils des Systems der Rest noch funktionieren würde. Zur Kommunikation bediente man sich der Peer-to-Peer-Netzwerkverbindung. So konnte ein jeder Computer mit einem andere innerhalb des Netzwerkes kommunizieren, ohne von einem einzigen Computer abhängig zu sein. Neben der militärischen Anwendung nutze auch die akademische Welt diese neue technologische Kommunikationsmöglichkeit zum Austausch wissenschaftlicher Informationen.

Durch diese beiden anfänglichen Anwendungsfälle inspiriert, nahm die Entfaltung und die damit einhergehende Kommerzialisierung des Internets, wie wir es heute kennen, seinen Lauf. Tech-Freaks und Informatiker – der berühmteste davon ist wohl Tim-Berners-Lee als Erfinder des World Wide Web – sowie später auch Investoren waren von dieser dezentralen und potenziell weltumspannenden Technologie begeistert und begannen sich für diese neue Zukunft ins Zeug zu legen. Ebenfalls Interesse weckte dieses neue Phänomen bei Freiheitsaktivisten, welche sich vor allem auf dem Gebiet der Kryptografie auskannten. Diese gründeten in den 1990er-Jahren die Cypherpunk-Bewegung. Deren Ziel: Das Internet als Werkzeug gegen fortschreitenden Freiheitseinschränkungen durch Staat und Grossunternehmen zu nutzen.

Zentralisierung war vorprogrammiert

Während sich die Cypherpunks mittels VPN-Server und Tor-Browser ein Refugium namens Darkweb haben schaffen können, wo Dezentralität und Anonymität noch Bestand haben, ist der Grossteil des Webs heute in zentralistischer Hand. Interessanterweise lässt sich in der Retrospektive ziemlich genau nachzeichnen, wie und warum das Internet zu stetiger Zentralisierung verdammt war.

Unserem heutigen Internet liegen mehrere grundlegende Protokolle zugrunde. Diese sorgen dafür, dass die einzelnen Computer und Server miteinander kommunizieren können. Zu vergleichen ist ein Internet-Protokoll mit einer Sprache. So wie diese uns Menschen zur Kommunikation befähigt, sorgen die Protokolle des Internet für den geregelten Datenaustausch von Rechnern auf der ganzen Welt. Beispiele sind TCP/IP, das Protokoll, welches das gesamte Internet betreibt, SMTP zum Empfang und Versenden von Emails sowie VoIP, das für Dienste wie Skype und Telefonnetze verwendet wird.

Ohne diese Protokolle läuft nichts. Ganz grundsätzlich sind diese Internetprotokolle öffentlich und für jedermann zugänglich. Eine jede Person hat die Möglichkeit, darauf aufbauend weitere Protokolle oder Applikationen zu errichten. Die meisten dieser Grundlagenprotokolle, welche das Internet von heute bilden, liessen sich jedoch nicht direkt monetarisieren. Gründer und Entwickler dieser Protokolle gingen daher oft leer aus. Und auch gemeinnützige Organisationen, welche sie für allgemein zugängliche Zusatzprotokolle und Applikationen einsetzten, um die dezentrale und offene Struktur des Internets aufrechtzuerhalten, vermochten die immense Wertschöpfung nicht einfangen. Diese wurde stattdessen von privaten Unternehmen abgeschöpft, welche sich einfacher finanzieren, besser organisieren und daher schneller skalieren konnten. Dies führte zu schnellerem Wachstum, was wiederum zu höheren Investitionen und Erträgen führte, die dann in die Produktentwicklung und weiteres Wachstum zurückflossen.

Aus diesem Trend heraus entwickelte sich sodann die Idee von « einer Webplattform als Geschäftsmodell». Die privaten Unternehmen entdeckten allmählich, dass das Öl dieser neuen Internetwelt die Nutzerdaten darstellen. Um möglichst viele dieser Daten zu generieren, schufen die privaten Unternehmen ihre eigenen Netzwerke und achtete sorgfältig darauf, die Nutzer mit unterschiedlichen Angeboten innerhalb des eigenen Systems zu halten, um fortlaufend wertvolle Daten zu generieren. Innovation und Fortschritt begrenzten sich vorwiegend auf die einzelnen Plattformen und schufen so im Zuge sich selbstverstärkender Netzwerkeffekte die digitalen «Walled Gardens» von heute.

Die grundlegende Problematik der heutigen Internetstruktur besteht letztlich darin, dass Daten- und Wertschöpfungsmanagement weder auf Protokoll- noch auf Applikationsebene durch die Internetnutzer direkt betrieben werden können. Das Internet in seiner gegenwärtig dominanten Konstruktion kennt keine autonomen Eigentumsmöglichkeiten. Einzelnen Internetnutzern ist es nicht möglich, selbständiger Eigentümer über die eigenen Daten zu sein. Erst eine proprietäre Plattform ermöglicht es Nutzern, Daten zu besitzen – ohne aber alleiniges Eigentum an den Daten zu haben. Aufgrund dieser fehlenden Anreiz- und Eigentumsstrukturen dreht das Schwungrad heute immer weiter zugunsten der geschlossenen Plattformökonomien.

Denn letztlich bieten Facebook und Co. unschätzbaren Dienstleistungen. Es kommt nicht von ungefähr, dass diese Unternehmen hunderte Milliarden schwer sind. Doch so wie das Internet heute existiert und aufgebaut ist, erfordert der Komfort und Nutzen, den die Techgiganten liefern, einen Kompromiss: Durch das Verwenden ihrer Dienste geben wir unsere Daten, Privatsphäre und Sicherheit an das jeweilige Unternehmen weiter. Wir schaffen so mit wertvollen Daten gespeiste Honigtöpfe, die zu beliebten Hackerangriffszielen werden. Vertrauenswürdige Drittparteien sind Sicherheitslücken.

Auch sorgt auch die zunehmende Zensur vonseiten der sozialen Medienplattformen für wachsendes Entsetzen. Viele sehen darin einen Frontalangriff auf die Meinungs- und Redefreiheit. Obschon das Zensurieren von gewissen Inhalten dem Ethos einer offenen Gesellschaft nicht entspricht und ihr wohl schadet, darf in der Debatte nicht vergessen gehen: Privaten Unternehmen steht es frei, über die Inhalte ihrer Plattformen zu entscheiden. Immerhin ist die Teilhabe an diesen Plattformen freiwillig. Es lässt sich daher kaum eine Verpflichtung der Betreiber ableiten, jede Information gleich bereitwillig zu verbreiten. Nichtsdestotrotz zeigen die Diskussionen rund um Facebook und Twitter auf: Ganz grundsätzlich liegt etwas im Argen, wenn ein paar wenige zentralistisch organisierte Plattformen den Diskurs in unserer aufgeblähten Medienblase kontrollieren.

Ohne interneteigenes Eigentum dürfte der Trend zur Zentralisierung, Machtballung und Vermögenskonzentration in der digitalen Welt nicht gebrochen werden. Das wohl beste Beispiel sind Startup-Vorzeigeunternehmen wie Uber oder Airbnb. Wie kein anderes Jungunternehmen haben sie den Begriff der viel gepriesenen Sharing-Ökonomie geprägt. Doch bald ein Jahrzehnt nach deren Gründung ist die Euphorie bei vielen ideologisch motivierten Frühnutzern verflogen. Die eigentliche «Sharing Economy» haben diese Disruptoren nicht gebracht. So haben vor allem Investoren von den astronomisch hohen Bewertungen finanziell profitieren, während die Nutzer und die im Dienste der App-Unternehmen arbeitenden Personen kaum finanziellen Anteil am grossen Erfolg haben.

Mit der Blockchain-Revolution soll sich dies nun ändern. Wenn auch die Vermögensverteilung zahlreicher Krypto-Projekte noch sehr unausgeglichen ist, dürfte sich das längerfristig verbessern. Denn durch die Ergänzung des «Internet of Communication» mit dem «Internet of Value» werden Daten- und Wertschöpfungsmanagement aneinandergekoppelt und so für ein Netzwerk an Internetnutzern direkt und ohne Drittpartei möglich.

Neue Welt der Token-Ökonomie

Token ermöglichen interneteigenes Eigentum. Es handelt sich dabei also um digitale Werteinheiten, die unabdingbarer Teil eines Protokoll-basierten Anreizsystems sind. Die netzwerkeigenen Token schaffen für die Netzwerknutzer die ökonomischen Anreize zur dezentralisierten Konsensfindung. Erst diese ermöglicht wiederum die Koordination und Allokation von Kapital, um ein gemeinsames Ziel durch den Einsatz verschiedener wirtschaftlicher und kryptographischer Mechanismen zu erreichen.

Über einen Token ist dessen Inhaber finanziell am Netzwerk beteiligt. Nur logisch also, dass Miteigentümer eines Netzwerks ein Interesse an dessen Erfolg haben. Die teils frenetisch anmutende Begeisterung von Bitcoin-, Ethereum- und anderen Blockchain-Nutzern ist darauf zurückzuführen, dass sie das Netzwerk nicht nur nutzen, sondern über die Token daran beteiligt sind und direkt von dessen Erfolg profitieren. Nutzer werden so zu Fans oder gar Jüngern, die als passionierte Entwickler, Vermarkter und Verkäufer zur weiteren Verbreitung der Idee beitragen. Dank digitaler Token können Blockchain-Protokolle von ihren Schöpfern heute zudem direkt monetarisiert werden. Vor dem Aufstieg dieser neuen Token-Ökonomie war es ziemlich schwierig, mit der Entwicklung neuer Internetprotokolle Geld zu verdienen.

Dieser mittels Token ermöglichte Netzwerkinhaber-Effekt schafft jedoch nicht nur neue ökonomische Anreize des Netzwerkwachstums und die Möglichkeit zur Direktmonetarisierung der Protokolle. Er führt auch dazu, dass die Anreize und Ziele aller am Netzwerk beteiligen Parteien besser übereinstimmen, da ein jeder Netzwerknutzer gleichzeitig auch ein Netzwerkbesitzer sein kann. Bei den bestehenden Internetplattformen ist das derzeit kaum der Fall, steht doch eine Minderheit von Besitzern einer Mehrheit von Nutzern gegenüber.

Es sind diese Entwicklungen, die einem in Bezug auf das Besterben das Internet zu dezentralisieren, positiv stimmen sollten. Gewiss gibt es einflussreiche Kräfte, die den zentralistisch strukturierten Status Quo des Internets wahren wollen. Ohne die durch Blockchain und Token ermöglichten Anreizstrukturen wäre jeder Veränderungsversuch denn auch hoffnungslos. Jetzt, wo diese Werkzeuge vorhanden sind, darf immerhin gehofft werden, dass das Internet einmal zu dem werden wird, was es hätte sein können, aber nie sein durfte.

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